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Arminia-Trainer Uwe Neuhaus : In seiner eigenen Welt

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Realität: Uwe Neuhaus lernt mit Bielefeld das Verlieren. Bild: dpa

Aufstiegsspezialist Uwe Neuhaus muss mit Arminia Bielefeld beweisen, dass er auch den Kampf gegen den Abstieg beherrscht. Die spannende Frage lautet nun: Kann er das?

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          Noch ist die Lage stabil. Vier Punkte nach vier Spieltagen, das ist okay für den Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld, auch wenn die Tendenz zuletzt nach zwei Niederlagen abwärts wies. Dennoch: Der Klub aus Ostwestfalen, in der zweiten Liga bis auf zwei Ausnahmen unschlagbar und mit zehn Punkten vor dem VfB Stuttgart als Meister summa cum laude nach oben versetzt, findet sich auch im neuen Ambiente auf Anhieb ordentlich zurecht.

          Bundesliga

          Doch der Blick auf die nächsten Prüfungen der Ostwestfalen, die mit dem kleinsten Etat der 18 Erstligaklubs (20 Millionen Euro) und ausschließlich ablösefreien oder ausgeliehenen neuen Spielern in ihr Abenteuer Bundesliga gestartet sind, weckt erste Besorgnisse: Es geht an diesem Sonntag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga sowie bei Sky) nach Wolfsburg, ehe Borussia Dortmund auf der „Alm“ vorbeischaut. Dann folgen die Prüfungen bei Union Berlin, gegen Bayer 04 Leverkusen und bei RB Leipzig. Nicht auszuschließen also, dass die Arminen nach neun Spieltagen ganz unten in der Tabelle angekommen sind.

          So oder so müssen die Spieler und auch deren Fußballlehrer Uwe Neuhaus, als Cheftrainer ebenfalls ein Neuling in der Bundesliga, an ihren Aufgaben Woche für Woche wachsen. Auf den 60 Jahre alten Neuhaus, einen erprobten Aufstiegsspezialisten, der Rot-Weiß Essen, Union Berlin und Dynamo Dresden in die zweite Liga und die Arminia in die Bundesliga führte, kommt in dieser Spielzeit womöglich eine neue Prüfung zu: Abstiegskampf. In dieser Disziplin besitzt der in sich ruhende Westfale nur aus seiner Zeit als Zweitligaprofi bei Rot-Weiß Essen und Bundesligaspieler der SG Wattenscheid 09 (1990 bis 1994) Erfahrungen, nicht aber als notorisch erfolgreicher Trainer. Wie und ob er mit dem DSC Arminia schwierige Zeiten übersteht, gehört zu den spannenden Fragen der kommenden Monate.

          Stoisch wie ein Angler

          In einem Interview mit dem Magazin der Deutschen Fußball-Liga hat der seit Dezember 2018 mit der Arminia verbundene Neuhaus gesagt, dass er sich „auf verschiedenste Situationen einstellen“, „nicht in eine Schublade gesteckt“ werden könne. Und er hat darauf verwiesen, dass ihm seine „Lebenserfahrung auch beim wichtigen Thema Menschenführung zugutekommt“. Gerade in kritischen Phasen während der Spiele verströmt dieser stoisch wie ein Angler anmutende Trainer eine Ruhe, die seinen Bielefelder Aufsteigern in der Saison 2019/20 gutgetan hat. Diese Anmutung, von sich, seinen Schutzbefohlenen und seiner Spielweise überzeugt zu sein, wird er in Zukunft mehr denn je brauchen, um sein Team auf Kurs zu halten.

          Kann er das? Wer ihm zuhört, wie ausgewogen er Siege und Niederlagen einschätzt, ohne in eine alarmistische Sprache zu verfallen, ist geneigt, daran zu glauben. Der 1,84 Meter lange Coach, als Spieler ein Libero mit dem Blick fürs große Ganze, hat einmal gesagt: „Man braucht ein gewisses Gefühl und Gespür für die homogene Einheit. Und natürlich Ruhe. Die ist mir schon in die Wiege gelegt worden.“ Er, der einen ansehnlichen, zügigen Ballbesitzfußball lehrt, zu dem situativ Pressingmomente und auch mal lange Bälle gehören, baut auf gereifte Profis, denen er den unaufgeregten Umgang mit Drucksituationen zutraut.

          Erinnerung: der Aufstieg der Arminia im Sommer 2020
          Erinnerung: der Aufstieg der Arminia im Sommer 2020 : Bild: dpa

          Im Bielefelder Kapitän Fabian Klos sieht er seinen wichtigsten Vertrauensmann auf dem Platz. Der 32 Jahre alte Klos aber, der in der zweiten Liga mit 21 Treffern der Schützenkönig war, fremdelt noch mit der Bundesliga. Er wartet noch auf sein erstes Erstliga-Tor. Erst beim ungleichen Duell mit den Bayern deutete der 1,93 Meter lange Mittelstürmer zuletzt an, dass er bald Fuß fassen könnte in einer Spielklasse, in der vieles noch viel rasanter umgesetzt wird, als Klos vorher gedacht hatte. Freimütig gab er schon nach dem respektablen 1:1 zum Auftakt in Frankfurt zu, „Lehrgeld“ bezahlt zu haben. Wie er darauf reagieren wird, wenn ihn Neuhaus auch einmal nicht von Anfang an mitspielen lässt, ist eine von vielen spannenden Fragen, die sie sich beim DSC Arminia stellen.

          Die ein oder andere Schwäche

          So überzeugt von sich und überzeugend Neuhaus bei seiner Arbeit wirkt, ist dem Trainer doch die eine oder andere Schwäche eigen. Neuhaus ist ein Eigenbrötler, der nur selten Rat bei anderen und nicht allzu oft das Gespräch mit seinen Kollegen auf der Führungsebene der Arminia sucht. Grußlos geht er auch an den Journalisten vorbei, die seine Arbeit begleiten und kommentieren, ohne deswegen mürrisch oder unfreundlich zu wirken. Der Mann lebt in seiner eigenen Welt, so dass gelegentlich der Zweifel daran aufflammt, wie sehr er sich wirklich für die Menschen, mit denen er es zu tun hat, interessiert.

          Junge Spieler wie der U-20-Nationalspieler Sebastian Müller oder der in der Arminia früh gereifte Jomaine Consbruch, beide verheißungsvolle Offensivkräfte, sind für Neuhaus noch keine I-a-Alternativen, wenn er seinen Kader für die Spiele zusammenstellt oder Auswechslungen vornimmt. Manchmal möchte man diesem lebenserfahrenen Trainer, den ein trockener Humor und Professionalität in den Situationen auszeichnen, in denen er öffentlich Stellung nimmt, etwas mehr Bereitschaft zum ständigen Dialog wünschen.

          Tatsächlich aber mag der gelernte Elektroinstallateur, ein Fußballtüftler, der das Rampenlicht nicht sucht, das Bundesliga-Ballyhoo nur in Maßen. „Eigentlich brauche ich gar keine Fotos von mir und keine Interviews. Ich muss mich nicht im Fernsehen anschauen. Ich weiß aber, dass all das dazugehört, und deswegen arrangiere ich mich so gut es geht.“ Sätze aus seinem Interview mit dem DFL-Magazin, die auch auf die persönliche Unabhängigkeit dieses mal spröden, mal unterhaltsamen Fußballlehrers verweisen, der auf dem Trainingsplatz keineswegs altmodisch anmutet in dem, was er sagt und will. Am liebsten lässt sich Uwe Neuhaus, der auf PR-Auftritte in eigener Sache gern verzichtet, an den Ergebnissen seiner Arbeit messen, und die sprachen bisher eindeutig für ihn.

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