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Bundesliga-Abstiegskampf : Werder im Widerstand

Am Trainer soll es bei Werder nicht gelegen haben: Bremens geht mit Florian Kohfeldt auch in die zweite Liga. Bild: dpa

In Bremen gab es trotz schwacher Resultate keine wirklichen Zweifel an Trainer Kohfeldt. Stur an einem Weg festzuhalten könnte jetzt bestraft werden. Gegen Mainz geht es um die letzte Chance.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Im Juli vor einem Jahr sprach Florian Kohfeldt von seinen Zielen mit einer Werder-Mannschaft, die in der Rückrunde der Saison 2018/19 begeistert hatte. Es sollte mehr werden als Platz acht; Kohfeldt wollte in den Europapokal. Der 37 Jahre alte Trainer formulierte einen Plan, der vollmundig klang, den man ihm aber abnahm – und zutraute: Mit einem Mittelklasse-Kader ohne große Zugänge oder gar vollwertigen Ersatz für den abgewanderten Max Kruse sollte Position sechs erreicht werden.

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          Was Kohfeldt vorhatte, war die Quadratur des Kreises. Mit weniger Geld und dementsprechend weniger Klasse als ein großer Teil der Konkurrenz wollte Werder Bremen die Liga aufmischen. An vorderster Stelle dieser wunderbaren Qualitätshebung – der Trainer selbst. Kohfeldt galt vor einem knappen Jahr als größtes Versprechen auf deutschen Trainerstühlen neben Julian Nagelsmann. Der kesse Plan wirkte auf viele wie ein zauberhaftes Versprechen auf eine große Zukunft dieses Traditionsvereins, der endlich wieder mehr sein wollte als ein Kämpfer gegen den Abstieg. Und der zuletzt ähnlich oft Trainer und Spielidee ausgewechselt hatte wie ein Großteil der Mitbewerber.

          Im Juni 2020 wirkt dieser Prolog wie ein Märchen aus alten Tagen. Wenn Werder Bremen an diesem Samstag (15.30 Uhr live im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) beim FSV Mainz 05 verliert und Fortuna Düsseldorf den FC Augsburg besiegt, stiege der SVW das erste Mal seit 1980 ab. Man muss es so sagen – der Sturz in die zweite Liga wäre bei der Vielzahl von Fehlern in der fast abgelaufenen Spielzeit folgerichtig; dass Kohfeldts Team überhaupt noch geringe Chancen hat, liegt an den bislang passenden Resultaten der anderen und endlich entdecktem Behauptungswillen in den Spielen seit dem Wiederbeginn: Werder sammelte zehn Punkte aus acht Spielen. Jedoch sind ein Heimsieg und 65 Gegentore Belege einer rundum verdorbenen Saison.

          Man konnte zuschauen, wie die Kontrollmechanismen versagten. Sportchef Frank Baumann weinte Kruse keine Träne nach; er bestätigte den von ihm sehr geschätzten Trainer in dessen Einschätzung, andere im Kader würden qua Training besser gemacht, um dann die Rolle des Anführers zu übernehmen. Yuya Osako wurde das zugetraut, Milot Rashica sollte mehr Verantwortung übernehmen, erst recht Zugang Niclas Füllkrug. Dann war Füllkrug schwer verletzt, und bei Osako und Rashica war immer sichtbar, dass sie einen Chef brauchen, der sie anleitet. Kruse hatte elf Tore erzielt und elf Vorlagen geliefert, er war mit seiner Art einer, den das stille Team dringend brauchte. Während bei vielen Werder-Begleitern leise Zweifel an der Qualität dieses Teams mit den hohen Zielen aufkamen, wirkten die Verantwortlichen um Baumann, als trauten sie Kohfeldt alles zu.

          Bis in den Dezember wollte Kohfeldt den Bremer Absturz keinesfalls als Systemversagen verstanden wissen. „Am schlimmsten wäre, wir würden von unserer Art des Fußballs abweichen“, sagte er noch, als Werder das Wasser bis zum Hals stand. Am 16. Spieltag und nach dem 0:5 gegen Mainz 05 waren die Bremer Sechzehnter. Der Trend zeigte steil bergab. Die Fitness wirkte unzureichend, es gab viele Verletzte. Die Köpfe der Vorsaison wie Kapitän Moisander, Eigengewächs Eggestein oder Torwart Pavlenka waren keine Stützen mehr. Claudio Pizarros kurze Einsätze wirkten bizarr.

          Von der Ersatzbank kam wenig, und Kohfeldts Coaching blieb glücklos. Doch die Spieler lobten ihn, alles blieb weitgehend ruhig, Baumann und Aufsichtsratschef Marco Bode sprachen Kohfeldt ihr Vertrauen aus. Würde der frühere Torwart der dritten Werder-Mannschaft trotz aller Liebe zum Klub zurücktreten? Die Möglichkeiten kamen und gingen, sich von ihm zu trennen und den freien Bruno Labbadia als erfahrenen Abstiegskämpfer an die Weser zu holen. Baumann widerstand. Kohfeldt sollte den Werder-Weg markieren, zur Not eben in der zweiten Liga.

          Solche Aussagen beinhalten immer die Hoffnung auf die Wende zum Guten. Ruhe ausstrahlen, den Trainer stützen, der Mannschaft keine Alibis liefern – die Führung blieb geschlossen. Aber man kann das Richtige tun wollen, und es kommt das Falsche dabei heraus. Den Rückstand aus den Vor-Corona-Zeiten haben die Bremer – nun viel fitter wirkend – mit enormem Aufwand verkürzt. Gegen den FC Bayern wirkte Kohfeldts Elf am Dienstag mutiger und selbstbewusster als viele topplazierte Bayern-Gegner der Vorwochen. Er hat es geschafft, aus seiner spielstarken, den Ball liebenden Mannschaft eine Truppe von Widerstandskämpfern zu machen. Kohfeldt ist ein guter Trainer. Es kann nur sein, dass Werder Bremen ein Opfer seiner persönlichen Entwicklung ist.

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