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Kommentar : Die Bundesliga nutzt die Not als Chance

Mario Gomez ist anderes gewöhnt – nun steckt er mit Wolfsburg im Abstiegskampf. Bild: EPA

Abstiegskampf ist die neue Meisterschaft. Bundesliga-Klubs nutzen die Gelegenheit, die ganze Stadt hinter sich zu bringen. Offenbar spricht sich herum, dass das besser ist als Pöbeleien und Blockaden.

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          Vor einer Woche sah man den freudlosesten Meister. Und nun den fröhlichsten Absteiger. Darmstadt 98 feierte sich und seinen Anhang in München, als es vorbei war. In Wirklichkeit geht es natürlich weiter, nur anders. Auf die sportliche Erstklassigkeit hat man nicht immer den entscheidenden Einfluss, da spielen ja auch andere mit, vielleicht mit mehr Geld, mehr Potential. Für die atmosphärische Erstklassigkeit aber ist jeder selbst verantwortlich. Deshalb ist Darmstadt 98 ein solch großartiger Absteiger. Chapeau! Und Glückwunsch an die zweite Liga.

          Abstiegskampf ist die neue Meisterschaft. „Wenn wir es am Ende schaffen“, sagte Mario Gomez nach dem Wolfsburger 2:0-Sieg in Frankfurt, „feiern wir es wie eine Meisterschaft.“ Das Vorbild darin, Abstiegskampf als Chance zu begreifen, heißt Werder Bremen. In der vergangenen Saison führte die Drohkulisse zweite Liga zur großen Solidarisierung der Fans, der Bürger, der gesamten Region – und beflügelte das Team ebenso wie in dieser Spielzeit. Ein Beispiel, wie man eine schwierige Situation nicht allein als Ausdruck von Angst und Ärger, sondern auch von Freude, Zusammenhalt, Leidenschaft gestalten kann. Und nicht zuletzt als Plattform für lokale Identität und regionales Selbstmarketing.

          Ein Platz als Standort im „Tatort“ und in der Bundesliga ist für viele mittlere Städte in Deutschland eine der wenigen Gelegenheiten, überregional bemerkt zu werden. Deshalb nutzen Klubs im Keller vermehrt die Not als Chance, die ganze Stadt hinter sich zu bringen. In Mainz verteilte man zwanzigtausend rote Shirts, Aufdruck #Mainzbleibt1. In Augsburg stand auf den verschenkten weißen Hemdchen „Augsburg hält zusammen“. Beides schuf die Kulisse für wichtige Heimsiege. Auch in Wolfsburg und Ingolstadt hat man sich um ähnliche Effekte bemüht, Anzeigen geschaltet, Aufrufe gestartet, Besucher mobilisiert. Das wird sogar in der zweiten Liga probiert, wo Fortuna Düsseldorf vor dem Spiel gegen Würzburg durch ein Video der „Toten Hosen“ und anderer Edel-Fans unter dem Motto „Alles aus Liebe – Alle ins Stadion“ um den Rückhalt der Zuschauer warb.

          Offenbar spricht sich langsam herum, dass Unterstützung und Solidarität bessere Motivation bringen als Pöbeleien, Blockaden oder andere Aktionen gegen das eigene Team, in denen sich bestimmte Fan-Gruppierungen gefallen. „In der Hinrunde standen sie noch vor dem Stadion und haben auf uns gewartet“, lobt Gomez den Wandel der Wolfsburger Anhänger. „Jetzt hat keiner Angst, einen Fehlpass zu spielen und von den Fans Druck zu bekommen. Das war auch schon anders.“

          Setzt sich der Trend fort, wäre es lohnendes Umdenken: Abstiegskampf als Meisterschaft des kleinen Mannes. Selbst wenn man ihn am Ende verlieren sollte, ist es kein Ende, sondern, wenn man den Abstiegskampf klug genutzt hat, vielleicht ein Anfang: der einer stärkeren Verankerung im eigenen Anhang, der eigenen Stadt. Nicht zuletzt eröffnet Abstiegsschmerz die Chance auf etwas, das man in der ersten Liga nicht erleben kann: Aufstiegsfreude. Und alles, was nicht katastrophaler ist als ein paar verlorene Punkte oder ein verpasster Tabellenplatz, lässt sich auch positiv sehen. Selbst das, was man in Ingolstadt hübsch innovativ so umschreibt: „negativer Ligenwechsel“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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