https://www.faz.net/-gtm-6zhbz

Bruno Labbadia : Der romantische Realist

  • -Aktualisiert am
Ästhet im Anzug: „Bruno, schenk mir dein Jackett“
Ästhet im Anzug: „Bruno, schenk mir dein Jackett“ : Bild: dpa

Labbadia hätte also Trainingszeit gewonnen, sein Stuttgarter Modell weiterzuentwickeln. „Ich möchte meine Vorstellung vom Fußball durchsetzen und sehen. Das befriedigt mich auch persönlich.“ Der Ästhet im modebewussten Trainer ist auch als Fußballpädagoge angriffslustig geblieben - mit drei Spitzen (Harnik, Ibisevic, Schieber oder Okazaki) vorneweg, die mal aus einer 4-2-3-1-, mal aus einer 4-3-3-Grundanordnung den Strafraum des Gegners zügig ansteuern, weil die Stuttgarter „hoch“ stehen, also ihre Widersacher früh mit Pressing und Gegenpressing unter Druck setzen und nach der Balleroberung ähnlich wie Meister Borussia Dortmund blitzartig auf den Modus Attacke umschalten können. Eine Spielweise, die sich gelohnt hat und von Labbadias Ensemble inzwischen auch verinnerlicht worden ist.

Drittbeste Rückrundenmannschaft

Zehn Spiele nacheinander hat der VfB Stuttgart nicht mehr verloren und dabei als drittbeste Rückrundenmannschaft mit 37 Toren die meisten Treffer erzielt. „Das kommt nicht von ungefähr“, sagt der Cheftrainer, der seine Aufgabe methodisch angegangen ist. „Als es darum ging, den Abstieg zu vermeiden, mussten wir erst einmal eine klare Ordnung schaffen und eine gute Organisation hinkriegen. In dieser Saison haben wir unsere Schwerpunkte auf das Fußballerische, zunächst in der Defensive, danach in der Offensive gelegt. Das ist schwieriger und braucht mehr Zeit.“

Labbadias Geduldsspiel im Ergebnissport Fußball ging auf. „Man braucht“, sagt der romantische Realist, „einen langen Atem und Nachhaltigkeit, wenn man etwas entwickeln und konservieren will. Die Spieler müssen also ständig an das glauben, was wir trainiert und eingeübt haben.“ Der Trainer selbst hat die Monate ohne Fußball daheim bei seiner in Hamburg lebenden Familie dazu genutzt, mehr über sich selbst zu erfahren. Das hat ihm anscheinend gutgetan. „Ich beobachte mehr als früher“, sagt Labbadia, „gebe mir mehr Zeit und bin ein Stück entspannter geworden.“ Dass er gelegentlich zu anstrengend oder gar zu anspruchsvoll wirke, hat man ihm häufiger vorgeworfen. Labbadia hat verstanden, ohne sich im Kern zu verändern.

Verkaufs- gegen Erfolgsdruck

In Stuttgart soll er den Erfolg nun verstetigen, solidarisch begleitet von Bobic, mit dem ihn eine große Kollegialität, aber keine enge Freundschaft verbindet. Das fordert den sportlichen Vormännern des VfB viel Knowhow und Phantasie ab, da der Verein für Bewegungsspiele mit vereinten Kräften sparen muss. Das Lizenzspielerbudget, zu Labbadias und Bobics Vorgängerzeiten auf Champions-League-Niveau, wird von sechzig auf vierzig Millionen Euro im Jahr heruntergefahren. Das hat Folgen, wie Labbadia sagt. „Wir wissen leider, dass wir die Mannschaft nicht so zusammenhalten können, wie wir das gern täten. Schade, weil wir ein Gerüst aufgebaut haben.“

Bobic steht unter Verkaufs-, Labbadia unter Erfolgsdruck - eine Situation, die der zupackende Sportdirektor mit dem magischen Auge für die passenden Einkäufe (Gentner, Harnik, Hajnal, Okazaki, Kvist, Maza, Ibisevic, Sakai) und der einfühlsame Trainer mit der Leidenschaft für einen Fußball zum Genießen meistern dürften. „Wir müssen“, lautet Labbadias programmatischer Vorsatz für die nächste Saison, „mindestens so intensiv weiterarbeiten und, wenn’s geht, noch einen Gang zulegen.“ Das sollte in einer Autostadt wie Stuttgart möglich sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eine App für mehr Freiheiten? So könnte der grenzüberschreitende Corona-Impfausweis künftig aussehen.

Vier Fragen zur Immunität : Was steht drin im Corona-Impfpass?

Immun gegen Corona, geht das überhaupt? Der europäische Impfpass ist von der Politik inzwischen fest avisiert, aber es sind einige Fragen offen. Was könnte in einem Immunitätszertifikat stehen, das digital überall abrufbar ist? Vier Fragen, vier Antworten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.