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Bremen siegt 6:1 : Verwirrtes Mainzer Mäuschen

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Wieder ein Sechserpack für Werder Bremen Bild: AP

Im Sommer war Jürgen Klopp der Überflieger, im Herbst ist er als Trainer von FSV Mainz 05 bitter abgestürzt: Das 1:6-Debakel gegen Werder Bremen bedeutete den vorläufigen Höhepunkt - in negativer Hinsicht.

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          Für die einen, die Bremer, war es ein zuckersüßer Abend. Für die anderen, die Mainzer, war es der bitterste seit dem Aufstieg. Für Jürgen Klopp zum Beispiel. „Einer der unschönsten Tage der letzten zweieinhalb Jahre“, konstatierte der Trainer des FSV Mainz 05 nach dem 1:6-Desaster gegen Werder Bremen. Die brillant aufspielenden Hanseaten wirkten für die Mainzer wie ein Gegner aus einer anderen Welt. Sie konnten von Glück reden, daß es Werder bei einem halben Dutzend Toren beließ, die sich Klose (2), Hunt (2), Naldo und Diego teilten. Für Mainz traf Azaouagh per Freistoß zum zwischenzeitlichen 1:3 - nicht mehr als ein klitzekleiner Schönheitsfehler in einem meisterhaften Bremer Gesamtkunstwerk.

          Was hatte Klopp unter der Woche nicht alles versucht. Bei der Mitgliederversammlung am Montag glänzte er mit einer Rede, die jedem hochbezahlten Motivationsguru zur Ehre gereicht hätte. Als Höhepunkt forderte er die mehr als 500 Anwesenden auf, die Augen für zwanzig Sekunden zu schließen und sich die gemeinsamen Ziele vorzustellen. Tags darauf ließ er den neuverpflichteten Spielern einen Film vorführen mit der vollen Dosis Mainzer Fußball-Pathos, mit Bildern von den beiden dramatisch verpaßten Aufstiegen, mit der Jubelarie nach dem rauschhaften Erfolg im dritten Anlauf. Alle, wirklich alle, sollten eingeschworen werden auf das große Ziel, auf den Abstiegskampf - und auf die Partie gegen Bremen, die einen Neustart bringen sollte nach drei bitteren Niederlagen zuvor.

          Emotionaler Ausnahmezustand

          Vom Publikum bekam Klopp, was er wollte, im Stadion herrschte am Freitag abend schon eine halbe Stunde vor Spielbeginn emotionaler Ausnahmezustand. Man muß sich das vorstellen wie im Zirkus. Riesiges Tamtam, volles Orchester, hektisches Ballyhoo, dann Vorhang auf - und statt des erwarteten Panthers kommt nur ein verwirrtes Mäuschen hervor, ein Mainzer Mäuschen, das vor einem echten Panther steht, einem Panther aus Bremen, der es in der Luft zerreißt. Alle Aktionen der Mainzer hatten sich als Schlagen im Schaum erwiesen - das ist das Risiko, das einer wie Klopp eingeht, wenn er unter der Woche trommelt wie ein Wilder, wenn er Emotionen schürt und einen Neubeginn ausgerechnet gegen diese überragende Bremer Mannschaft ankündigt. Das kann ins Auge gehen, das kann peinlich enden. Und so ist es am Freitag gekommen.

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          Die Mainzer trösteten sich nach dem Debakel, so gut es ging, mit der Klasse des Gegners. Nicht über uns reden, hieß die Devise, nur über die Bremer, die FSV-Manager Heidel zur besten Mannschaft ernannte, die jemals im Bruchwegstadion angetreten ist. Eine Nummer zu groß für uns, hieß es. Eine andere Liga. Überragend, phantastisch. Das alles stimmte, aber es war nicht die ganze Erklärung für diesen albtraumhaften Mainzer Fußballabend. Die Hausherren selbst hatten genügend dazu beigetragen, und das galt besonders für Klopp. Der Mainzer Trainer, als führender Kopf der WM-Plauderrunde des ZDF gerade erst mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, ist seit Wochen im Taktiktüftelrausch. In Nürnberg überraschte er das Publikum und die eigene Mannschaft mit einem 4-1-4-1-System, das geradewegs ins Verderben führte und zur Halbzeit in ein 4-4-2 verwandelt wurde, das dann auch bei der Niederlage in Bielefeld galt.

          Von Ordnung keine Spur

          Gegen Bremen ließ Klopp die Seinen ansatzlos in einer 4-2-3-1-Ordnung auflaufen, besetzte dabei die Halbpositionen mit offensiven Spielern - und wieder schien keiner so recht zu wissen, was außer Laufen und Kämpfen eigentlich zu tun sei. Von sinnvoller Ordnung, von harmonischer Arbeitsteilung keine Spur. Im Gegenteil: Die Mainzer wirken seit Wochen wie Schachspieler, die ihre Eröffnungsvariante nicht beherrschen und - statt sie zu üben - nach einer Niederlage die nächste Variante wählen, die sie noch viel weniger beherrschen. Und wenn dann zur Systemschwäche noch individuelle Aussetzer kommen - gegen Bremen enttäuschte vor allem Nationalspieler Friedrich, der gegen Klose überfordert war -, dann wird aus einer Niederlage schnell eine Abreibung, die man so schnell nicht vergessen wird.

          Das alles macht keinen guten Eindruck. Die Rheinhessen bleiben seit Wochen bei sieben Punkten hängen, sie sind in einer ernsten Krise. Dieses 1:6 hat in Mainz Wunden geschlagen, auch wenn FSV-Präsident Strutz nicht an Nachwirkungen und Langzeitfolgen glauben mag. Was soll er sonst auch sagen? Klopp muß seine schwer geschlagene Mannschaft wiederaufrichten, das ist seine erste Aufgabe, und er muß ihr endlich eine Ordnung verpassen, die keinen Nobelpreis für Fußballtaktiken gewinnen will, sondern die ganz einfach nur funktioniert. Schafft er dies nicht, wird sich Mainz von dieser fulminanten Niederlage so schnell nicht erholen.

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