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Bremen in der Krise : Werder sucht einen Ausweg

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Wie geht’s weiter in Bremen: Werder und Abwehrspieler Prödl sind Letzter Bild: dpa

Finanziell klamm und personell in der Klemme: Die Bremer Führung streitet um den künftigen Kurs des Fußball-Bundesligaklubs. Aufsichtsratschef Lemke ist gegen Verschuldung – und damit isoliert.

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          Es war eine frustrierende Sitzung damals im August. Die sportliche Leitung um den „Geschäftsführer Sport“ Thomas Eichin trug dem Aufsichtsrat vor, welchen Spieler sie für welche Position noch benötigte. In der Vorbereitung hatte Werder Bremen zwar überzeugt und beispielsweise den FC Chelsea 3:0 besiegt. Doch zum einen sah Eichin, dass der Mannschaft ein Spielertyp wie der nach Wolfsburg gewechselte Aaron Hunt fehlte. Zum anderen verstärkte sich die Konkurrenz aus dem Tabellenumfeld enorm.

          Daraus leitete Eichin sofortigen Bedarf ab. Konkret drehten sich die Gespräche um Bryan Ruiz, jenen 28 Jahre alten Costa Ricaner, der bei der Weltmeisterschaft als charismatischer und torgefährlicher Spielgestalter aufgefallen war - und plötzlich für vergleichsweise wenig Geld zu bekommen war. Werder hatte Ruiz an der Angel.

          Doch die Kontrolleure um Aufsichtsratschef Willi Lemke scheuten das Risiko. Sie lehnten den mit konkreten Zahlen unterfütterten Vorschlag der sportlichen Leitung ab - unter Hinweis auf die gute Vorbereitung und die ordentliche Entwicklung des Teams in der Vorsaison. Vor allem missfiel Lemke der Kostenfaktor. Sein SV Werder Bremen sollte nach Jahren hoher Verluste wieder eine schwarze Null schreiben.

          Vor dem Hintergrund dieser Geschichte versteht man den aktuellen Bremer Hauskrach besser. Eine hitzige Debatte um das Für und Wider einer riskanteren Geschäftspolitik ist entbrannt; sie lässt niemanden kalt an der Weser, denn alle strukturellen und sportlichen Schwächen des SV Werder werden nun täglich wie unter der Lupe betrachtet. Tabellenletzter sind die Bremer. Platz 18 für den Meister von 2004: Das ist eine starke Symbolik. Bei einem besseren Saisonstart wäre alles beim Alten geblieben.

          Costa Ricas WM-Star Bryan Ruiz steht auf der Wunschliste
          Costa Ricas WM-Star Bryan Ruiz steht auf der Wunschliste : Bild: dpa

          Für viele Entscheider im Klub ist es eine längst notwendige Debatte, die da gerade mit Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer auf der einen und Chefkontrolleur Lemke auf der anderen Seite geführt wird. Endlich seien alle im Klub aufgewacht, ist zu hören. „Wir müssen abwägen, was für den Klub teurer ist: ein Abstieg oder ein überschaubares Risiko“, hatte Fischer gesagt. Ausgerechnet jenes Vereins-Urgestein, das man auf ewig mit der guten, alten Werder-Familie gleichgesetzt hatte. Aber der altgediente Funktionär will sich in seinen letzten Amtsmonaten (Ende des Jahres ist Schluss) nicht nachsagen lassen, er habe den grün-weißen Karren vor die Wand gefahren.

          Unabgestimmt mit seinen Kollegen von der Geschäftsführung Eichin und Klaus Filbry (zuständig für die Finanzen) ließ Fischer Mitte vergangener Woche im Gespräch mit dem „Kicker“ und der „Syker Kreiszeitung“ die Katze aus dem Sack. „Der traumhafte Werder-Weg ist auf Dauer nicht haltbar“, sagte er. Er begrüße eine Öffnung für Investoren. Längst schreibt der Klub, der von 2004 bis 2009 in der Champions League spielte, rote Zahlen: Für das vergangene Geschäftsjahr steht ein Minus von acht Millionen Euro in den Büchern.

          „Es gibt eindeutig Ressentiments gegen ihn“

          Im aktuellen Jahr ist von einem ähnlich hohen Fehlbetrag auszugehen. Das Eigenkapital, aufgebaut in den fetten Jahren, ist am Saisonende verbraucht. Dem trägt die sportliche Leitung Rechnung. Eichin hat die Kosten der Mannschaft von fast 50 auf unter 30 Millionen Euro reduziert. Abgegeben hat er die letzten Helden: Sokratis, de Bruyne, Hunt. Herausgekommen ist ein Team, das gegen den Abstieg kämpft. Ein Team, das bald in der zweiten Liga spielt?

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