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Brandherd Stadion : Die Schattenseite des Spiels

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Manche Vereine wollen ihre Fans zur Kasse bitten, wenn wieder eine Strafe wegen Zündelei fällig wird Bild: dapd

Die neuesten Statistiken zeigen: Die Gewalt rund um den Fußball ist weiter eine Bedrohung. Obwohl die Zahl der Verletzten einen Höchststand erreicht hat, spricht die DFL nicht von Eskalation.

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          Die Lage ist unverändert, das Vergnügen Bundesligafußball wird weiterhin durch die Bedrohung Gewalt eingeschränkt. Aus dem Jahresbericht Fußball der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) für die Saison 2010/11, den die Polizeibehörde am Dienstag veröffentlichte, geht hervor, dass aus Anlass der 612 Begegnungen der ersten und zweiten Liga 846 Personen verletzt wurden. Dies ist die höchste Zahl, seit diese Statistik 1999 eingeführt wurde. In der Spielzeit zuvor gab es 784 Verletzte. Die Polizei unterscheidet in der Statistik Polizeibeamte, Störer und Unbeteiligte. Die höchste Zahl der Opfer ist unter den Unbeteiligten zu finden: 344. Dazu wurden 243 Polizisten und 259 Störer verletzt. In der Dritten Liga wurden 231 Personen verletzt, in den drei Regionalligen 146. Unfallopfer sind nicht berücksichtigt. Für den unterklassigen Fußball werden keine zentralen Statistiken geführt. Die weiteren relevanten Statistiken verzeichnen Rückgänge im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Strafverfahren sank von 6043 auf 5818, die der Freiheitsentziehungen von 6784 auf 6061. In der Saison 2008/09 waren sogar 9174 Personen vorläufig festgenommen oder verhaftet worden. Weiterhin wurden 983 Stadionverbote ausgesprochen.

          Stimmung im Stadion

          Deshalb sprach die Deutsche Fußball Liga (DFL) in einer Stellungnahme auch nicht von einer Eskalation der Lage, trotz des Rekordes an Verletzten: "Das Gesamtbild hat sich, auch aufgrund des Engagements aller Beteiligten, offensichtlich nicht wesentlich verändert." Ligaverband und DFL "werden den eingeschlagenen Weg der Prävention und des Dialogs fortsetzen. Denn jede Verletzung und jedes Strafverfahren ist eines zu viel." Der 2010 vorgestellte Zehn-Punkte-Plan mit zahlreichen konkreten Maßnahmen werde daher gemeinsam mit allen Beteiligten weiter "konsequent umgesetzt".

          Die Polizei schätzt die Zahl der gewaltbereiten oder gewaltsuchenden Fans von der Bundesliga bis zur dritten Liga derzeit auf etwa 14.900, einen Wert, der in den vergangenen Jahren kaum Schwankungen unterliege. Die meisten seien unter den sogenannten "Ultras" zu finden: Gruppen, die sich ihrem Klub besonders eng verbunden fühlen, dabei aber ihre eigenen Regeln aufstellen. Viele Straftaten werden im Zusammenhang mit dem Abfeuern von Pyrotechnik verübt, das zur "Fan-Choreographie" gehört und Stimmung im Stadion erzeugen soll.

          Die Polizei stellt dabei eine steigende Aggressivität der Ultra-Gruppen fest sowie eine Solidarisierung gegenüber den Ordnungsdiensten, wenn diese gegen Mitglieder der jeweiligen Gruppe einschreiten. Insgesamt wurden 2010/11 1572 Strafverfahren wegen Körperverletzung eingeleitet und 817 wegen Verstoßes gegen das Sprengmittelgesetz. Als Trend war festzustellen, dass die Straftäter älter wurden. Ein Drittel war älter als 26 Jahre.

          Der Weg der Privatklage

          Die Zahl der geleisteten Polizeiarbeitsstunden lag um knapp 30 Prozent über dem Durchschnitt der zurückliegenden zwölf Jahre. Im direkten Vergleich der Spielzeiten 2009/10 und 2010/11 ging die Summe laut DFL um 11,2 Prozent zurück, was die DFL "besonders erfreut" zur Kenntnis nahm. Die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) betrachtet die Entwicklung bei den Verletztenzahlen durch Krawalle in der vergangenen Saison kritisch. "Die steigende Zahl der Verletzten ist etwas, was auch uns Sorgen bereitet", sagte KOS-Leiter Michael Gabriel. "Ich gehe davon aus, dass die Ursache im zunehmenden Einsatz von Böllern liegt, die oftmals Knalltraumata auslösen können."

          Der Erstligaklub Hannover 96 will mit höheren Ticketpreisen für zündelnde Fans auf den Einsatz von Pyrotechnik in den Stadien reagieren. "Das sind Kosten, die Dritte verursachen. Deshalb gibt es die Überlegung, diese Kosten durch höhere Eintrittspreise aufzufangen", sagte Vereinschef Martin Kind. Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern ist von DFL, Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Europa-Dachverband (Uefa) verboten, dennoch werden bei vielen Bundesliga- und Europacupspielen bengalische Feuer abgebrannt. Die Vereine müssen Strafen zahlen. Bei Hannover 96 können sie sich laut Kind auf mehr als 50.000 Euro summieren. Viele andere Klubs beklagen ebenfalls hohe Geldbußen und gehen immer häufiger den Weg der Privatklage gegen die Verursacher.

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