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André Schubert im Gespräch : „Ich war vielleicht zu ungeduldig“

  • -Aktualisiert am

André Schubert ist nun auch offiziell richtiger Cheftrainer bei den Mönchengladbachern Bild: dpa

Borussia Mönchengladbach hat André Schubert zum Cheftrainer befördert. Doch kann er das auch? Im Interview mit der F.A.Z. spricht der Coach über Psychologie, eine notwendige Gelassenheit – und die Gefahren des Perfektionismus.

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          Herr Schubert, Gratulation zur Beförderung zum Cheftrainer. Sie haben Borussia Mönchengladbach ja auch kaum eine andere Wahl gelassen nach Ihrem fulminanten Start mit sechs Bundesligasiegen in Folge. Lag das lange Zögern des Vereins möglicherweise daran, dass man sagt, gewinnen kann er, aber was passiert, wenn er mal ein paar Spiele verliert. Kann er das auch?

          Das war kein Zögern, das müssen Sie da gar nicht reininterpretieren. Es ist völlig normal gelaufen. Lucien Favre hatte von einem Tag auf den anderen als Trainer aufgehört, es musste eine kurzfristige Lösung her, da liegt die Lösung mit dem U-23-Trainer nahe, und der war halt ich. Was sollte der Verein denn machen? Sollte er sagen: Der bekommt nach zwei gewonnenen Partien jetzt einen Dreijahresvertrag? Der Verein hatte nicht den Stress, von heute auf morgen entscheiden zu müssen. Wir konnten uns gegenseitig beobachten, uns kennenlernen, das war eine wunderbare Situation für alle Beteiligten. Der Verein konnte einerseits schauen, wie er sich künftig aufstellt, er konnte den Markt sondieren und hatte andererseits Gelegenheit, den eigenen U-23-Trainer zu beurteilen. Und er hat dann entschieden, das läuft gut, seine Arbeit und die Idee, die dahintersteckt, gefällt uns, das geht genau in die Richtung, die wir anstreben, und deshalb haben wir nun diesen Vertrag geschlossen.

          Aljoscha Pause hat vor zwei Jahren den schönen Dokumentarfilm „Trainer!“ gedreht. Jürgen Klopp ist dabei, Hans Meyer, und auch Sie. Und Pause hat Sie so beschrieben: „witzig, intelligent, korrekt, präzise, uneitel“. Damit kann man leben, oder?

          Ich will mich nicht selbst beschreiben. Man wirkt ja auf jeden anders, und es kommt immer auch darauf an, wie viel Kontakt man miteinander hat, wie man zueinander steht. Da muss sich jeder selbst ein Bild machen.

          Versuchen wir es. Wir hätten erst mal drei Vorschläge für Sie zum Unwort des Jahres: Konzepttrainer, Menschenführung, Interimstrainer. Was würden Sie präferieren?

          Für mich sind das alles keine Unwörter, die haben alle ihre Berechtigung. Die Frage ist, was man damit verbindet. Zum Thema Interimstrainer habe ich schon gesagt, dass wir irgendwie alle Interimstrainer sind. Die Verweildauer eines Trainers auf einer Station ist im modernen Fußball ja relativ kurz geworden. Die Zeit läuft immer schneller. Und Menschenführung, das hört sich schon ein bisschen komisch an, zugegeben, aber wenn es darum geht, eine Gruppe zu führen, mit Leuten umzugehen, mit den Spielern und auch den Menschen um die Mannschaft herum, dann ist es wichtig, dass man miteinander klarkommt und dass man Regeln schafft, wie man miteinander umgeht. Innerhalb dieser Regeln muss genügend Freiraum bleiben, damit sich jeder irgendwo auch verwirklichen kann. Und man muss den Spaß erhalten, denn er ist der Grund, warum wir alle mit dem Fußball angefangen haben. Was war das dritte Wort?

          Konzentriert bei der Arbeit: Schubert im schwarzen Trainingsanzug auf dem Trainingsplatz
          Konzentriert bei der Arbeit: Schubert im schwarzen Trainingsanzug auf dem Trainingsplatz : Bild: dpa

          Konzepttrainer.

          Das ist okay, wenn es nicht zu Schubladendenken führt. Konzepttrainer, Laptoptrainer - es gibt ja diese komischen Begriffe, mit denen kann ich relativ wenig anfangen. Wenn man in Schubladen denkt, würde man sagen, es gibt diese Laptoptrainer, die von der Theorie her kommen, und es gibt die ehemaligen Profis, die aus der Praxis kommen. Aber das ist Quatsch. Natürlich haben die ehemaligen Profis auch Konzepte, sonst könnten sie als Trainer nicht überleben. Jeder muss einen Plan haben, eine Idee, wo er hinwill.

          Und jeder kann aus seinem Bereich etwas mitbringen. Die Kollegen, die selbst im Profibereich Fußball gespielt haben, kennen zum Beispiel die mediale Seite, die der ein oder andere Quereinsteiger nicht kennt. Andererseits habe ich zum Beispiel den Job von der Pike auf gelernt, angefangen vom untersten Jugendbereich. Ich stehe seit 25 Jahren vor Gruppen und habe schon in Hunderten Wohnzimmern der Familien von Jugendspielern gesessen.

          Wie verstehen Sie den Beruf des Fußball-Lehrers? Geht es darum, Fußball zu lehren? Oder um mehr?

          Als Fußball-Lehrer beschäftigst du dich mit allen möglichen Bereichen, die Ausbildung ist sehr breit gefasst. Trainingslehre, Spielanalyse, Psychologie, Methodik, Didaktik, Umgang mit Medien. Das ist ein kleines Studium für sich in diesem einen Jahr Ausbildung.

          Aljoscha Pause hat auch gesagt: Bei St. Pauli, wo Sie nach durchaus erfolgreicher Arbeit entlassen wurden, hat er überzogen. Die Kommunikation mit den Spielern hat am Ende nicht mehr funktioniert. Andere haben Ihnen damals einen allzu schroffen Umgangston vorgeworfen, mangelnde Empathie.

          Es wird immer Spieler geben, mit denen du als Trainer Konflikte hast. Ich habe meine Vorstellungen von einem Fußballprofi. Wenn einer keine professionelle Einstellung mitbringt zu seinem Beruf, wenn er nicht adäquat lebt, habe ich ein Problem damit. Natürlich bin ich auch sehr perfektionistisch veranlagt und habe viel erwartet, von mir selbst, von den Spielern, vom Umfeld, vielleicht manchmal zu viel, ich war vielleicht das ein oder andere Mal zu ungeduldig.

          Aber man wird ruhiger, älter, erfahrener. Man merkt, dass es an einem selbst liegt, ob man sich immer nur treiben lässt, man erkennt, dass mit einem Schuss mehr Gelassenheit und Ruhe die Dinge besser zu bewältigen sind. Ich habe für mich gemerkt, dass es wichtig ist, sich auch mal rauszunehmen aus dem Hamsterrad, sich Ruhephasen zu gönnen und sich eben nicht 24 Stunden am Tag nur mit Fußball zu beschäftigen. Besonders wichtig ist das, wenn du mit Menschen arbeitest, weil du im Gespräch mit ihnen auch Ruhe brauchst, Unaufgeregtheit, um die Dinge klar zu sehen und das, was sie dir sagen, auch richtig aufzunehmen. Das war bei mir früher manchmal nicht der Fall, und das ist etwas, was sich geändert hat.

          Wie bekommt man eine angeschlagene Mannschaft dazu, so aufzutreten wie die Ihre? Wie bekommt man Selbstbewusstsein und Stolz in ein Team?

          Da geht es nicht um einen einzelnen Punkt. Da muss man an vielen verschiedenen Punkten ansetzen. Wir haben geschaut, wo sind die Problematiken im Spiel, technisch, taktisch. Wir haben gefragt: Was können wir verändern? Wo können wir an wichtigen Schrauben drehen, ohne alles auf den Kopf zu stellen, denn das würde wieder nur zu Verunsicherung führen. Man muss mit den Spielern reden, ihnen ihre Stärken und Qualitäten klarmachen. Die haben das Fußballspielen ja nicht verlernt. Man muss an vielen Dingen gleichzeitig arbeiten. An allem ein bisschen. Und alles muss am Ende zusammenpassen.

          Ist eine solche Abwärtsspirale, fünf Niederlagen in Folge zum Saisonstart unter Favre, überhaupt erklärbar?

          Ich denke schon, das ist erklärbar. Aber nicht eindimensional, es ist kompliziert. Es sind viele Punkte, die ineinandergreifen, die sich teilweise gegenseitig bedingen. Es geht um Abwehr- und Offensivverhalten, um Umschaltbewegung, um die Abstimmung, um die Frage, wo attackierst du, wo möchtest du den Ball gewinnen. An all diesen Punkten musst du arbeiten.

          Psychologische Aspekte spielen in einer solchen Abwärtsbewegung keine große Rolle?

          Doch, auch. Aber nicht nur.

          Sportdirektor Max Eberl vertraut auf die Fähigkeiten seines neuen Cheftrainers
          Sportdirektor Max Eberl vertraut auf die Fähigkeiten seines neuen Cheftrainers : Bild: AFP

          Im Trainer- und Betreuerstab eines großen Bundesligaklubs wie Borussia Mönchengladbach gibt es eine Menge Spezialisten, vom Torwarttrainer bis zum Videoanalysten, vom Physiotherapeuten bis zum Athletikcoach, vom Arzt bis zum Scout. Warum gibt es keinen Psychologen?

          Soll das in so ein Couchdenken reinführen? Ist das die Richtung, in der Sie fragen?

          Nein. Die Frage ist, wie man Spieler nicht nur physisch stärker macht, sondern auch psychisch.

          Und das trauen Sie einem Cheftrainer nicht zu?

          Nicht jedem. Und überfordert das nicht jeden Trainer? Kann er nach einem Jahr Ausbildung alles können, kann er sogar ein ernstzunehmender Psychologe sein?

          Ich fühle mich nicht überfordert. Wir haben vier Fußball-Lehrer im Verein in unserem Trainerteam, wir haben viele Augen, die darauf blicken, und wir haben auch ein Gefühl für Stimmungen bei den Spielern. Ein Cheftrainer muss nicht in jedem Teilbereich der absolute Spezialist sein, aber er muss in allen Bereichen fit sein, um alles koordinieren zu können. Fußball ist ein extrem komplexer Sport.

          Und eine Mannschaft ein komplexes Gebilde.

          Ja, es gibt immer auch den ein oder anderen Spieler, der nicht so selbstbewusst ist, es gibt den, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, es gibt den, der schnell zweifelt, mit jedem musst du anders reden. Es geht darum, den Kanal zu jedem einzelnen Spieler zu finden. Deshalb ist ja Psychologie auch ein Teil der Ausbildung zum Fußballlehrer.

          Für junge Spieler ist die Situation im gehobenen Profifußball auch psychologisch nicht einfach. Sie verdienen sehr früh sehr viel Geld, finden sich in einer Art Popstar-Rolle, und das normale Leben ist plötzlich ziemlich weit weg.

          Absolut, das stimmt. Und vieles, was bei Spielern von außen als Arroganz wahrgenommen wird, ist reiner Selbstschutz. Du musst als Spieler auch damit leben, dass du durch einen Stadiontunnel gehst und dich dann Tausende beleidigen und auch deine Mutter und dass, wenn es nicht gut läuft, deine Kinder in der Schule gehänselt werden, und und und. Das sind Dinge, die nicht einfach zu ertragen und zu beurteilen sind.

          Stichwort Couchdenken – es gibt immer noch diese diffuse Scheu vor der Psychologie. Die Nationalmannschaft arbeitet aber schon lange erfolgreich mit Hans-Dieter Hermann, einem Psychologen.

          Ich kenne Hermann, er ist ein überragender Typ, ich schätze ihn sehr. Vielleicht müsste ein Verein mal den Mut haben, damit anzufangen und den ersten Schritt zu machen. Man müsste das Profil des Psychologen dann aber klar definieren und den Leuten erklären, was macht der da. Es kann nicht darum gehen, die Hand aufzulegen, sondern zum Beispiel darum, im Gespräch den anderen zu reflektieren, Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen, darüber zu reden, wie kommst du besser mit anderen zurecht, wie gehst du mit Misserfolg um. Das geht über Gespräche, ich bin da bei Ihnen, das macht Sinn. Auch, wenn es darum geht, Teamprozesse zu begleiten und nachhaltig weiterzuentwickeln, macht das Sinn. Die Psychologie kann durchaus eine größere Rolle spielen in einem Verein, aber ich weiß nicht, ob das eine permanente Hauptamtlichkeit sein muss.

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          Wo sehen Sie generell das größte Potential für eine Weiterentwicklung des Fußballs? Geht es noch schneller, noch besser, noch moderner?

          Immer weiter, immer mehr, mehr, mehr - eine solche wirtschaftliche Denkweise mag ich nicht. Fußball ist ein dynamischer Prozess. Du hast eine Idee, überlegst, wie du den Gegner bespielen kannst, machst das erfolgreich, und irgendwann wird der Gegner eine Lösung dagegen finden. Wenn er den Schlüssel für deine Spielweise gefunden hat, musst du darauf reagieren und sie wieder verändern. Dann musst du ihn wieder vor neue Aufgaben stellen. So entwickelt sich Fußball. Das ist kein Mehr, sondern ein Anders. Das Spiel wird dadurch immer komplexer und anspruchsvoller.

          Was haben Sie nun mit Mönchengladbach vor? Wo kann die Mannschaft mit Ihnen stehen am Ende der Saison?

          Wir wollen unsere Mannschaft weiterentwickeln, unsere Spielidee entwickeln. Ich bin grundsätzlich kein Freund davon, irgendwelche Tabellenplätze oder Punktausbeuten als Ziele auszugeben. Bei Borussia ist man in den letzten Jahren sehr gut damit gefahren, einen realistischen und vernünftigen Weg zu gehen und keine überzogenen Ziele zu formulieren - auch wenn man gerade ein außergewöhnlich gutes Jahr hinter sich hat. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren.

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