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Borussia Mönchengladbach : Wo ist das Drehmoment im Abstiegsstrudel?

  • -Aktualisiert am

Gladbachs Trainer Jos Luhukay steht vor dem Derby gegen Köln unter enormem Druck Bild: dpa

Die berühmte Gladbacher Borussia pendelt erfolglos zwischen extremen Offensiv- und Defensivstrategien. Nur ein Sieg gegen Köln wird den Spielraum von Trainer Luhukay erweitern - und das schon am siebten Spieltag.

          Es wird Zeit, dass sich was dreht. Dieser Kernsatz aus Herbert Grönemeyers Soundtrack für das deutsche Sommermärchen 2006 beschreibt auch die Lage an einem berühmten Bundesliga-Standort. Um etwas derart Großes wie bei der WM 2006 geht es in Mönchengladbach zwar nicht, aber auch hier wird es Zeit, dass sich was dreht - für die vielbesungene, einst gerühmte „Elf vom Niederrhein“ und besonders für ihren Cheftrainer Jos Luhukay.

          Nach einem misslungenen Start mit fünf Niederlagen und nur einem Sieg ist die Gladbacher Borussia am Ende der Tabelle angekommen. Der Bonus des Aufstiegstrainers geht zur Neige; im Frühherbst sieht Luhukay sich gefährlichen Tiefausläufern ausgesetzt. Vor dem traditions- und gefühlsbeladenen Derby gegen den 1. FC Köln an diesem Samstag (15.30 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) annoncierte ein Fachblatt schon „das Endspiel für Luhukay“.

          Missgünstige Reporter machen Stimmung gegen Luhukay

          Ob der Niederländer seine Taktik ändert und wieder mehr wagt als zuletzt in Hamburg, um den richtigen Dreh zu finden, wird sich erst zeigen, wenn seine Mannschaft auf dem Platz Position bezieht. Sein verbales Krisenmanagement indes hat der Fußball-Lehrer im Laufe dieser Woche gründlich überarbeitet. Zunächst hatte er sich von der Schelte beeindrucken lassen, die eine Fülle von Misserfolgen für gewöhnlich mit sich bringt, gerade an einem Standort wie Mönchengladbach. Luhukay ärgerte sich über die vielen Vorwürfe, denen er sich ausgesetzt sah. Missgünstige Reporter und Experten machten Stimmung gegen ihn, sagte er mit anklagendem Unterton.

          Im Mai nach dem Erstliga-Aufstieg sah die Gemütsverfassung noch anders aus

          Als das Spiel gegen Köln näherrückte, beschloss er jedoch, sich dem Herbststurm zu stellen und die Vorteile herauszukehren, die sich aus seiner misslichen Lage für das Gladbacher große Ganze ergeben könnten. Dass seit zwei Wochen allein der Trainer im Fokus steht, biete den Spielern die Chance, „sich in Ruhe auf das Derby vorzubereiten“. Wie stark er den wachsenden Druck empfinden muss, offenbart die Vergleichsgröße, die Luhukay wählt: „Das sind hier Kölner Verhältnisse.“ Bei den Kölnern geht es meist noch lauter, noch ungemütlicher zu als in Mönchengladbach.

          „Das lässt mich völlig kalt, das geht an mir vorbei“

          Luhukay gibt sich ausgeglichen und bestimmt, als hätte er den Wandel vom gefeierten Aufstiegstrainer zum misstrauisch beäugten Abstiegskandidaten längst verarbeitet. Während er sich sonst oft im verbalen Niemandsland bewegt, spricht er vor dem Derby Sätze von ungewohnter Klarheit. Er habe nicht so hart gearbeitet, um sich den Aufstieg in die höchste Klasse jetzt von Leuten kaputtmachen zu lassen, „die alles besser wissen, ohne in der Verantwortung zu stehen“. Wie mancher Außenstehende alles zu Ungunsten des Trainers auslegt, „lässt mich völlig kalt, das geht an mir vorbei“, sagt Luhukay mit fester Stimme.

          In Hamburg hatte er der Defensive so starken Vorrang eingeräumt, dass die zu erwartende Niederlage sich in Grenzen hielt, an einen (Teil-)Erfolg aber kaum zu denken war (siehe auch: 1:0 gegen Mönchengladbach: Hamburg wieder an der Tabellenspitze). Auf Angriffs- und Antriebskräfte wie den routinierten Kapitän Oliver Neuville und den aufstrebenden Jungstar Marko Marin zu verzichten hatte dem Trainer viel Kritik eingetragen. Einem zuvor vernachlässigten Sicherheitsbedürfnis folgend, ließ er die beiden populärsten Borussen-Profis wegen ihres nicht gerade ausgeprägten Abwehrverhaltens zunächst aus dem Spiel und erzeugte damit Unruhe - und Unzufriedenheit.

          Neuville: „Unsere Stärken liegen in der Offensive“

          Der spät eingewechselte Neuville verlangte auch öffentlich vom Trainer mehr Mut zum Risiko. „Unsere Stärken liegen in der Offensive und nicht in der Defensive.“ Ob Luhukay dem Wunsch nachkommt, ließ er offen. Über Personal und Taktik werde er „in aller Ruhe entscheiden“. Unabhängig von der Aufstellung im Einzelnen, sei er sicher, „eine Mannschaft mit Herz“ auf den Platz zu schicken. Marin etwa will „auch für den Trainer spielen“ - wenn Luhukay ihn lässt.

          Die Gladbacher Profis gehen ihre Aufgabe offenbar überaus gewissenhaft an - und geschlossen. Der Trainer hat sein komplettes Aufgebot zur Verfügung. „Es ist ein richtig gutes Zeichen, dass in solch einer Phase alle an Bord sind“, sagt Sportdirektor Christian Ziege. In anderen Vereinen habe er schon erlebt, dass unzufriedene Profis sich gerade in schwierigen Situationen „mit irgendwelchen Zipperlein“ vor der Verantwortung gedrückt hätten.

          Höchste Zeit, dass sich in Gladbach was dreht

          In den ersten Wochen waren die Borussen oftmals zu naiv drauflosgestürmt und hatten wenig Fortune im Abschluss gehabt. Also muss Luhukay das rechte Maß zwischen vorsichtigem und forschem Auftreten finden. So schwer ihm die Suche fallen mag - er scheint stark genug, an sich zu glauben. „Ich zweifle nicht an meiner Kompetenz.“ Und wie sieht es bei seinen Vorgesetzten aus?

          Auch Sportdirektor Christian Ziege sieht keinen Grund zu zweifeln - jedenfalls dann nicht, wenn Gladbach mit einem Sieg über Köln den Umschwung einleitet und in den folgenden Wochen gegen ungefähr gleichwertige Mitbewerber wie Bochum, Karlsruhe, Frankfurt oder Bielefeld Versäumtes nachholt. Fürs Erste setzt Ziege auf den Spaßfaktor. „Das Derby wird ein schönes Spiel, solche Spiele bereiten besonders viel Spaß. Ich bin davon überzeugt, dass wir gegen Köln gewinnen. Dann wird sich hier alles beruhigen“, sagt der Manager.

          Was indes geschieht, wenn die Überzeugungsarbeit auf dem Rasen nicht gelingt, wollte Ziege nicht erörtern - vermutlich, weil er keine Garantie abgeben will, die er am Ende vielleicht doch nicht einlösen kann. Schließlich ist es schon spät in Mönchengladbach, auch wenn der Terminplan erst den siebten Spieltag ausweist. „Es ist fünf vor zwölf“, sagt Mittelfeldstratege Patrick Paauwe. Höchste Zeit also, dass sich was dreht.

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