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Borussia Mönchengladbach : Rückschlag mitten im Aufschwung

  • -Aktualisiert am

Dieter Hecking (Mitte) Bild: AP

Dieter Hecking erlebt gegen den AC Florenz seine erste Niederlage mit den Gladbachern. Doch die Aufholjagd in der Bundesliga soll gegen RB Leipzig weitergehen.

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          Aus Spaß trat Max Eberl einen Schritt zur Seite. „Hier habe ich doch meine Wutrede gehalten“, sagte er. Der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach stand im Kellergeschoss des Stadions genau dort, wo er Ende November zu einer Rede angehoben hatte – nach dem Unentschieden gegen Manchester City. An jenem Abend war André Schubert noch Cheftrainer, und Gladbach kickte noch in der Champions League, zum vermutlich letzten Mal für längere Zeit. Eberl hatte sich mächtig geärgert über Pfiffe, mit denen manche Fans ihre Unzufriedenheit ausgedrückt hatten; sie hatten sich gegrämt über das Scheitern in der europäischen Königsklasse und besonders über Schubert, der auf der Kippe stand. Eberl fand diese Reaktionen unangemessen und polterte los: Nur „dumme Menschen“ könnten erwarten, dass Mönchengladbach eine Mannschaft wie Manchester City „aus dem Stadion fegt“. Wer mit diesem Anspruch ins Stadion geht, „soll nach München fahren“.

          „Wir kämpfen mehr“:  Yann Sommer ist vom Aufschwung überzeugt.
          „Wir kämpfen mehr“: Yann Sommer ist vom Aufschwung überzeugt. : Bild: EPA

          Seitdem hat sich einiges geändert bei den Borussen. Nicht nur, dass Spekulationen aufgekommen sind, Eberl selbst könnte demnächst nach München fahren, um dort in den Dienst des FC Bayern zu treten. Die Gladbacher haben den lange umstrittenen Schubert am Ende doch weggeschickt und unter der Regie seines Nachfolgers einen veritablen Neustart hingelegt. Beim 0:1 am Donnerstag gegen den AC Florenz musste allerdings auch Dieter Hecking seine erste Pflichtspielniederlage hinnehmen. So überlegen zu spielen und doch zu verlieren, das war Grund genug, sich zu ärgern, schon der vielen vergebenen Chancen wegen. Doch diesmal wollte Eberl keine Wut- oder Brandrede halten, als er in der Mixed Zone an derselben Stelle haltmachte wie nach jenem Spiel gegen City. Stattdessen ging es ihm darum, die Niederlage in der Europa League so zu deuten, dass sie den Aufschwung, der seit dem Ende der Winterpause eingesetzt hat, nicht konterkariert. „Der Trend ist, dass die Mannschaft stabil ist, dass sie Torchancen erspielt, dass sie Laufstärke, Mentalität und Bereitschaft hat“, sagte der Sportdirektor. „All das sind positive Dinge, die man nach diesem Spiel weiter unterstreichen kann“, sagte er.

          Die Gladbacher hatten den Tabellen-Achten der italienischen Serie A auf ansehnliche Weise beherrscht, es aber versäumt, eine Fülle guter und sehr Chancen zu nutzen, die sich vor allem in der ersten Hälfte geboten hatten. Deshalb stehen die Chancen schlecht, zum ersten Mal das Achtelfinale zu erreichen, auch wenn Eberl immerhin „noch eine Dreißig-Prozent-Chance“ sieht und Trainer Hecking aus der Leistung seines Teams „viel Hoffnung“ schöpft für den Versuch, „das Ding nächste Woche noch zu drehen“.

          Wie sehr die Gladbacher sich an ihrem überlegen geführten Spiel und den vielen Tormöglichkeiten ergötzten, mag ein wenig übertrieben gewirkt haben. Aber seit der Spielbetrieb wieder läuft, hat die Mannschaft unverkennbar an Stabilität und an Selbstsicherheit gewonnen. Hecking hat ihr mit seiner Ruhe offenbar Kraft gegeben; genug Kraft, um in der Bundesliga zehn von möglichen zwölf Punkten einzuspielen und im DFB-Pokal eine Runde weiterzukommen; um auch schwierige Situationen zu meistern wie beim Rückrundenstart in Leverkusen, wo aus einem 0:2 noch ein 3:2 wurde. Mit dem Trainerwechsel ging ein Wechsel des Systems einher, der dem Team gut tut. Gladbach ist zum 4-4-2 zurückgekehrt; das Spiel wirkt strukturierter, und die Profis fühlen sich offenbar wohl in ihren Räumen auf dem Rasen. Auch das setzt Energie frei. „Wir kämpfen mehr und verlassen uns nicht mehr nur auf unsere fußballerischen Qualitäten“, sagt Torhüter Yann Sommer.

          Spannend wird sein, wie die Borussia die erste Niederlage seit dem Einsetzen des Aufschwungs verkraftet; ob das Stimmungshoch diesem Tiefausläufer zu trotzen vermag. Auf die Frage, ob die Gefahr bestehe, dass die Enttäuschung über die unglückliche Niederlage gegen Florenz nachteilige Folgen über den internationalen Wettbewerb hinaus mit sich bringen könnte, reagierte Hecking auffallend gereizt. Die Frage sei unnötig, sie brauche an dieser Stelle nicht gestellt zu werden, sagte er. „Die Mannschaft wird daran nicht kaputt gehen.“ Mit Blick auf die vergebenen Großchancen bewies der Trainer aber auch Humor. „Vielleicht sind die Tore in Florenz etwas größer.“

          Das ist unwahrscheinlich, aber selbst wenn: Schon bald wird Gladbach wieder auf die beiden Tore spielen müssen, die sich am Donnerstag als zu klein erwiesen haben – an diesem Sonntag in der Bundesliga gegen Rasenballsport Leipzig, den Aufsteiger, der zuletzt zweimal nacheinander verloren hat, aber immer noch den zweiten Tabellenplatz belegt. In dieser Partie wollen die Rheinländer alles mögliche verbinden, was sie zuletzt stark gemacht hat: Abwehrstärke, Laufvermögen und Angriffslust. Wenn sie dann auch noch besser treffen als gegen Florenz, könnte die Niederlage schon bald verarbeitet,, ja vergessen sein. Die Profis scheinen entschlossen, es darauf anzulegen. „Wir wären ganz schön dämlich, wenn wir uns von dem einen Spiel aus der Bahn werfen ließen“, sagte Verteidiger Tony Jantschke. Das Leipzig-Spiel wird also Aufschluss geben darüber, wie robust die Borussia, auch innerlich, inzwischen ist. Und es wird zeigen, wie die Gladbacher Fans sich gerieren beim ersten Leipziger Auswärtsspiel nach den Ausschreitungen gegen RB-Fans in Dortmund. Mit Protesten gegen das umstrittene Geschäftsmodell der Sachsen und ihres Geldgebers Red Bull ist zu rechnen. Doch Eberl ist zuversichtlich, dass die Grenze des Erlaubten und des guten Geschmacks nicht überschritten wird. „Meinungsäußerung ja, friedlich fair. Und mit Kreativität, das wäre mir am liebsten“, sagt er, „unsere Fans waren im Grunde immer kreativ. Ich gehe davon aus, dass das auch am Sonntag so sein wird“.

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