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Fußball-Bundesliga : Wie der Erfolg nach Gladbach zurückkehrte

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Gladbach wie es singt und lacht: Die Borussia spielt wohl nächste Saison in der Champions League Bild: Picture-Alliance

Die „Elf vom Niederrhein“ ist auf dem Weg in die Champions League. Vieles rund um Borussia Mönchengladbach erinnert an die Erfolge der siebziger Jahre. Das ist vor allem einem Mann zu verdanken.

          Als die Protagonisten längst in den Katakomben verschwunden waren, riefen die Fans von Borussia Mönchengladbach noch minutenlang nach dem Mann, der in ihren Augen den größten Anteil am Aufschwung besitzt. „Wir wollen den Trainer sehen!“ Dann wurden sie, zum ersten Mal an diesem Nachmittag, ein wenig enttäuscht.

          Der Stadionsprecher verkündete, Lucien Favre werde nicht mehr auf den Rasen kommen, um sich feiern zu lassen. Der Trainer ließ ausrichten, er wolle sich in Ruhe auf das nächste Spiel in Bremen am nächsten Samstag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) vorbereiten, werde aber in zwei Wochen, nach dem Bundesligafinale, vor der Nordkurve seine Aufwartung machen. Später erläuterte der eigenwillige Fußball-Lehrer, warum er dem Wunsch des Volkes reserviert gegenübersteht. „Wir haben noch nichts erreicht.“

          Noch nichts? Gladbach ist zur erfolgreichsten Rückrundenmannschaft der Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Zwei Spieltage vor dem Saisonende bieten sich der Borussia beste Chancen, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Gruppenphase der Champions League zu erreichen. Mit dem 3:0 über Verfolger Bayer 04 Leverkusen vergrößerte Gladbach den Vorsprung vor dem Tabellenvierten auf fünf Punkte. Rechnerisch fehlen noch zwei Zähler – falls die „Werkself“ ihre letzten beiden Spiele gewinnt. Also sieht Favre sich seinem Naturell gemäß gezwungen, davor zu warnen, aus dem Beutezug der vergangenen Wochen voreilige Schlüsse zu ziehen. „Es ist noch nicht fertig.“

          Sollte das Werk nach dem nächsten oder übernächsten Spieltag jedoch vollendet sein, hätte Gladbach auch formal die nächste Stufe einer erstaunlichen Entwicklung genommen. Unabhängig davon, welcher Tabellenplatz herausspringt: Die aktuelle Borussia avanciert zur besten Mannschaft seit jenem Goldenen Zeitalter der siebziger Jahre, in dem Spieler wie Netzer, Heynckes und Vogts mit ihrer Füße Arbeit den Mythos der „Fohlenelf“ erschufen.

          Als Favre kam, ging es gegen den Abstieg

          Den aktuellen Fortschritt belegt neben dem künstlerischen Eindruck die Effektivität, die dem Spiel innewohnt, gerade im unmittelbaren Vergleich mit den anderen Teams aus der Spitzengruppe. Zuletzt besiegten die Borussen München, Wolfsburg und Leverkusen, ohne ein einziges Gegentor zugelassen zu haben. „Wir haben auch die Großen geschlagen, das war eines unserer Ziele vor der Saison“, sagt Granit Xhaka, der sich vom Talent zu einem veritablen Mittelfeldstrategen entwickelt hat und noch eine Weile in Gladbach zu bleiben gedenkt.

          Der Einzug in die Gruppenphase der europäischen Königsklasse wäre der Bestätigungsvermerk einer Metamorphose, wie sie im modernen Fußball nur noch selten gelingt, erst recht, wenn die Mittel im Vergleich zu den Marktführern so begrenzt sind wie in Mönchengladbach. Als Favre dort vor gut vier Jahren anfing, war der Klub dem Abstieg geweiht, kämpfte sich aber in die Relegation und setzte sich dort in zwei engen Spielen gegen den Zweitligaklub VfL Bochum durch. Das Siegtor im Heimspiel gegen die Westfalen war erst in der Verlängerung der Nachspielzeit gefallen. Als die Borussia daniederlag, leistete Favre Erste Hilfe und setzte, kaum dass der Patient wieder stabil war, eine effiziente Langzeit-Therapie in Gang, die beachtliche Erfolge nach sich zieht.

          Trainer Lucien Favre brachte die Borussen wieder auf Erfolgskurs

          Inzwischen steht Gladbach für rasanten, innovativen Fußball, der schwer auszurechnen ist. Favre hat seinen Männern beigebracht, zwischen Ballbesitz- und Konterfußball so zu variieren, wie es dem Gegner und der Spielsituation am besten gerecht wird. Vor allem zwei Stilmittel machen das Team gefährlich: schnelles Denken und Handeln beim Konterspiel sowie raffinierte Standardsituationen. Beides war auch gegen Leverkusen zu sehen, so etwa bei den ersten beiden Toren von Kruse (50. Minute) und Herrmann (81.); den dritten Treffer erzielte Traoré (88.).

          Der Gladbacher Weg nach oben dürfte nicht nur die leidenschaftlichen Fans erfreuen, die der fünfmalige deutsche Meister hat – im Stadion herrscht zuweilen eine Atmosphäre, die an das heranreicht, was man aus Dortmund oder Schalke kennt. Der Aufschwung der Borussia macht allen Mut, die sich nach dem Comeback der alteingesessenen Klubs sehnen und an der Illusion festhalten, dass es mit einer geschickten Personal- und Wirtschaftspolitik auch ohne das ganz große Geld möglich ist, in die besseren Kreise vorzudringen. Wenn die Gladbacher so weitermachen, wird ihr Erfolg vielleicht sogar einem noch größeren Klub wie Schalke 04 die Angst nehmen, die Abkehr von der Tradition des eingetragen Vereins zu wagen.

          Gladbach nimmt Kruse den Wechsel nicht übel

          Damit es nicht zu romantisch klingt: Auch in Gladbach beziehen Leistungsträger immense Gehälter, aber gemessen an der nationalen und vor allem internationalen Entwicklung, geben die Verantwortlichen das Geld mit Augenmaß aus – und lassen Leistungsträger ziehen, wenn es zu teuer wird. So verlässt Max Kruse die Borussia, ein Stürmer, der schon achtmal in dieser Saison das 1:0 geschossen hat. Der Nationalspieler wechselt zum VfL Wolfsburg, wie der dortige Sportvorstand Klaus Allofs am Sontag bestätigte. Gemeinsam mit Christoph Kramer, der nach Leverkusen zurückkehrt, reiht Kruse sich ein in eine Gruppe hochqualifizierter Fachkräfte wie Reus, Dante und ter Stegen, die anderswo (noch) bessere Perspektiven ausgemacht haben.

          Doch es nicht Gladbacher Stil, einem Profi, der sich um den Klub verdient gemacht hat (und eine beträchtliche Ablöse einbringt), seinen Wechselwillen zu verübeln. „Wie Max Kruse sich die letzten vier Wochen, als dieser Wechsel öffentlicher wurde, verhalten hat, ist herausragend und hochprofessionell“, sagt Max Eberl. Der Sportdirektor sieht auch immer, was so ein Wechsel finanziell bedeutet: dass die wirtschaftlich kerngesunden Gladbacher auf dem Transfermarkt offensiver auftreten können als vor drei oder vier Jahren. Dennoch versichert er, an der Linie des Klubs festzuhalten. „Wir werden nichts Verrücktes machen.“

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