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Büchsenwurf in Mönchengladbach : Der „Cold Case“ vom Bökelberg

Ausstellungsstück: Die Dose, die vor 50 Jahren in die Fußball-Geschichte eingegangen ist. Bild: dpa

Vor 50 Jahren erlebte der Traditionsverein seine größte wie umstrittenste Stunde auf internationaler Bühne. Beim furiosen 7:1 gegen Inter Mailand gab es einen ominösen Zwischenfall: einen Büchsenwurf.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Rainer Bonhof gibt am Mönchengladbacher Borussia-Park schon seit längerem einen entspannten „Elder Statesman“ des Weltfußballs. Der 53-fache Nationalspieler und Weltmeister aus Emmerich verströmt als gemächlich plaudernder Charmeur jene spröde Gelassenheit, die bestens zu seinem niederrheinischen Stammverein passt.

          Selbst wenn ihm hier mal eine Entscheidung der Unparteiischen oder dort die Äußerung eines Spielers nicht behagt, behält der 69-jährige Vizepräsident des VfL 1900 stets eine wohltuende Distanz. Sie war auch am Montag wieder gefragt, als der Traditionsverein an seine größte wie umstrittenste Stunde auf internationaler Bühne erinnerte.

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          Ein Haus voller Leute, die den ganzen Abend bei einer Cola sitzen: Was für den landläufigen Gastronom ein Albtraum ist, wurde im „Büchsenwurf“, dem Fan-Restaurant am Vereinsmuseum, zum launig inszenierten Programm. Darin kam dem silberblonden Souverän eine Hauptrolle zu: Ebenso wie Tischnachbar Wolfgang Kleff, einst Torwart, war er Teil jener Mannschaft, die am 20. Oktober 1971 im Achtelfinal-Hinspiel des Europapokals (der Landesmeister) die Auswahl von Inter Mailand 7:1 aus dem Bökelbergstadion fegte.

          Eigentlich ein Anlass zu ungebremster Freude – wäre das Spiel nicht nachträglich wegen dieses ominösen Zwischenfalls in Minute 28 annulliert worden. Da segelte eine Dose mit Resten des Erfrischungsgetränks von den Rängen auf Inter-Profi Roberto Boninsegna herab, der in der Folge vom Platz getragen wurde.

          Borussia scheidet am Ende aus

          Eine fiese, durchsichtige Schauspieleinlage, wie der Moderator seinem Stargast auf die Zunge legen wollte? „Das hast du gesagt“, konterte Bonhof geschickt, um alsbald den Fokus der Debatte dezent umzuleiten. Er sei bis heute in erster Linie „froh, dass man immer wieder von diesem Spiel spricht“. Sie hatten nach der Unterbrechung ja „weiter Vollgas gegeben“ und nach dem Abpfiff „ein sehr stolzes Gefühl“ in der Brust. Nur wurde die Freude darüber, einen renommierten Weltklub sportlich zerlegt zu haben, bald von einem bangen Gedanken eingebremst: „Wir dachten alle: Na, wenn das mal gut geht.“ Ging es aber nicht, denn beim neu angesetzten Rückspiel in Berlin, das auf das 2:4 in Mailand folgte, kamen beide Teams nicht über ein torloses Remis hinaus. Borussia war ausgeschieden.

          Der historische, aber aus der offiziellen UEFA-Statistik eliminierte Kantersieg ist über die Jahrzehnte zu einem ambivalenten Fixpunkt für den Verein mit der Raute geworden. Einerseits markiert er den furiosesten Sieg, den die „Fohlen“ auf internationaler Bühne hingelegt haben. Vom ersten, frühen Tor durch Jupp Heynckes an steigerten sich Netzer, Wimmer, Vogts & Co. unter der Regie von Jahrhundert-Trainer Hennes Weisweiler zunehmend in den berühmten Spielrausch hinein. Sie zelebrierten einen kühnen Angriffsfußball, wie er damals eben nicht nur in Amsterdam und Rotterdam exerziert wurde. Andererseits ist dieses Hinspiel auch ein Menetekel, ja ein „Cold Case“ geblieben – die genaueren Umstände sowie der Urheber der Spielunterbrechung konnten nie ermittelt werden.

          Woher kam die Dose?

          Saßen tatsächlich „nur Italiener“ im Block F, aus dem die Dose der Pandora angeblich geflogen kam? Die Aussage des leitenden Ordners, der am Montag ebenfalls auf dem Forum erschien, legt das zumindest nahe. Der betagte Kronzeuge will auch beobachtet haben, dass Signore Boninsegna seinerzeit nicht am Kopf, sondern „im Bereich zwischen Hals und Schulter“ erwischt worden ist. Fünfzig Jahre danach hat die Vereinsleitung aber vielleicht das Richtige getan, als sie statt einer bitteren Revision ohne offizielles Mandat lieber einen bunten, nostalgischen Abend inszenierte – eingerahmt von Schwarz-Weiß-Fotos des Spiels, die den Raum nicht erst seit heute bis zur Decke hinauf dekorieren.

          In diesem Rahmen konnte die Medienabteilung der Borussia auch gleich noch einen neuen Text-Bildband rund um „eine der größten Sensationen im Fußball der letzten Jahre“ (Rheinische Post) beziehungsweise den „Nibelungenangriff“ (La Stampa) präsentieren. Er widersteht der Versuchung, anhand des Fußball-Skandalons ranzige Klischees von angeblich betrügerischen Südländern aufzuwärmen und lässt stattdessen lieber Augenzeugen und Akteure zu Wort kommen. Außerdem werden da interessante Randgeschichten erzählt – von den Verhandlungen mit der ARD über eine zeitversetzte TV-Übertragung, die in letzter Minute an einem Streit über die Mehrwertsteuer scheiterten, bis zur gesegneten Heimkehr des Wurfgeschosses. Das war von Schiedsrichter Jef Dorpmanns in einem (unbewussten) Akt kultureller Aneignung in die Vitrinen von Vitesse Arnheim verbracht worden, bevor es Ende 2011 der Borussia zurückgegeben wurde.

          Bonhof war damals Teil der hochrangigen Delegation, die mit fünf Limousinen und einem gefütterten Karton für das künftige Exponat des Vereinsmuseums vorfuhr. Wenn er von diesem Staatsakt erzählt, schäumt eine gewisse Prise Selbstironie dabei auf. Auch das ist erfrischend. So ganz ausgesöhnt ist der einstige Innenverteidiger allerdings nicht. In der offiziellen Europacup-Statistik der UEFA wird das tollste Spiel, an dem er beteiligt war, bis heute nicht aufgeführt – als könne man ein Kunststück, das 27.500 Zeugen erlebt haben, einfach unterschlagen. „Wir sind dessen beraubt worden“, stellt er auf dem Podium zum Ende fest. Aber auch da könnte sich im Dialog mit UEFA-Gremien bald etwas bewegen, wie er hinterher durchblicken lässt.

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