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Schlechte Laune trotz Erfolg? : Das Gladbacher Kuriosum

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Mal erfolgreich, mal erfolglos: Josip Drmic (l) und Denis Zakaria wollen mit Mönchengladbach dennoch zu einem guten Saisonabschluss kommen. Bild: dpa

Mönchengladbach ist auf Kurs in die Champions League, doch bei vielen Anhängern herrscht Krisenstimmung. Die Borussia hat es sich auch selbst schwergemacht, diese vorzügliche Saison richtig zu genießen.

          Als Zerrbild der Realität, als listiges Täuschungsmanöver werden jene denkwürdigen Minuten nach dem 2:2 von Borussia Mönchengladbach gegen 1899 Hoffenheim am 32. Spieltag in die Geschichte der nun zu Ende gehenden Bundesligasaison des Klubs eingehen. Josip Drmic hatte kurz zuvor zum Ausgleich getroffen, er hatte seinem Team einen Punkt gesichert, der „Gold wert“ ist, wie Sportdirektor Max Eberl sagt, denn nur dank diesem Punkt hat der Traditionsverein vom Niederrhein nach dem folgenden 4:0 in Nürnberg sein großes Ziel erreicht: die Teilnahme an einem Europapokal. Die Gladbacher gehen sogar auf einem Champions-League-Platz in das finale Saisonspiel gegen den BVB an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky), sie stehen vor einem der größten Erfolge der jüngeren Klubgeschichte – und blicken auf Monate zurück, die sich in vielen Momenten anfühlten wie eine schmerzliche Krisendepression. Es ist ein Kuriosum.

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          Noch vor zwei Wochen, nach dem Unentschieden gegen 1899 Hoffenheim, wurde im Publikum gewütet und gepfiffen, die Mannschaft brach sogar ihren rituellen Gang in die Kurve ab. „Alles müssen wir uns nicht gefallen lassen“, sagte Abwehrspieler Matthias Ginter seinerzeit, grau und trostlos wirkte diese Borussia, die nun plötzlich gute Chancen hat, zum dritten Mal die Champions League zu erreichen.

          Dass Fußball zu einer emotionalen Achterbahnfahrt werden kann, ist keine ganz neue Erkenntnis, aber in Mönchengladbach schlägt die Stimmung immer wieder in besonders merkwürdigen Momenten um, wobei Eberl sagt: „Ich fand die Stimmungsschwankungen bei uns in dieser Saison nicht außergewöhnlich extrem.“ Das ändert aber nichts daran, dass mal wieder eine Frage im Raum steht, die hier schon öfter diskutiert wurde: Warum ist dieser Standort so anfällig für schlechte Laune in Phasen, in denen eigentlich noch gar nichts verloren ist?

          Aus Wohlwollen wird Missmut

          Kurz vor Weihnachten 2017 sah Eberl sich nach einer Begegnung mit dem Hamburger SV sogar einmal veranlasst, pfeifende Leute im Publikum wüst zu beschimpfen, am Ende hatte die Borussia trotzdem 3:1 gewonnen. Schon gut ein Jahr zuvor im Anschluss an ein 1:1 in der Champions League gegen Manchester City bezeichnete er die vielen Nörgler im Borussia-Park als „dumme Menschen“. Nach dem Hoffenheim-Spiel vor zwei Wochen mied Eberl Mikrofone und Kameras, womöglich aus Selbstschutz. Aber offenbar ist Mönchengladbach ein Standort, an dem das Wohlwollen der großen Mehrheit immer wieder unter einem Gefühl des allgemeinen Missmuts untergeht.

          Nun steht die Borussia vor dem Abschluss eines großartigen Spieljahrs, der Rückblick auf beträchtliche Teile der zweiten Saisonhälfte fühlt sich aber eher nach Krise an. In Mönchengladbach scheint es einem Teil des Publikums besonders schwer zu fallen, geduldig zu bleiben, auch kleine Erfolge zu genießen. Gerade in Traditionsvereinen trete dieses Problem öfter auf, glaubt Eberl, denn die Erlebnisse der Gegenwart werden immer wieder mit „diesen großartigen Fußballmomenten, die wir alle im Kopf haben“, verglichen. Auch bei der Borussia gibt sich die Kundschaft natürlich gerne den verklärten Träumen von den 1970er Jahren hin, zudem steckt der Verein viel Liebe in die Pflege der Erinnerung an die Legenden dieser Zeit, gegen die die Profis der Gegenwart kaum ankommen können.

          Beäugt die Entwicklung in Mönchengladbach stets mit aufmerksamen Augen: Manager Max Eberl

          Außerdem stieß Eberl bei seiner Ursachensuche auf ein fußballkulturelles Missverständnis, das die Problematik verstärkt. Nach einem seiner Wutausbrüche führte er Gespräche mit Fangruppen, die ihm erzählten, es werde gepöbelt, weil die Leute das Team kämpfen sehen wollen. „Aber wir sind keine Mannschaft, die nur vom Kampf kommt“, sagt der Sportdirektor. „Wir sind eine Mannschaft, die viel vom Fußball kommt, das hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt sind.“

          An schlechten Tagen kann dieser Fußball allerdings tatsächlich etwas leblos und energielos aussehen, darunter litt auch Dieter Hecking, dessen Abgang zum Saisonende im Verlauf des Frühjahrs beschlossen wurde, was die Atmosphäre nicht verbesserte. Zwischenzeitlich sah der Trainer sich sogar zu einer Kritik am Zeitgeist veranlasst: Der immer rauhere Umgang im Fußball sei ein Symptom gesellschaftlicher Entwicklungen. „In der heutigen Medienlandschaft werden viele Dinge zu oberflächlich behandelt“, sagte Hecking. „Wir müssen wieder zu unseren Werten kommen. Wenn wir nicht aufpassen in Deutschland, dann kippt irgendwann die Stimmung.“

          So grundsätzlich wird Eberl nicht, man müsse schon auch „verstehen, wenn die Leute unzufrieden sind oder Angst haben, das zu verlieren, was sie sich wünschen“, sagt er. Aber irgendwie haben die Gladbacher es sich auch selbst schwer gemacht, diese vorzügliche Bundesligasaison richtig zu genießen.

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