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Borussia Dortmund : Thomas Doll: Dirigent ohne Orchester

  • -Aktualisiert am

Stoßgebete ohne Wirkung: Thomas Doll Bild: ddp

Was Borussia Dortmund seinem seit Jahren schmerzerprobten Anhang gegen den HSV zumutete, war an fußballerischer Armseligkeit nur noch schwer zu unterbieten. Nicht nur Thomas Doll war nach dem 0:3 gegen seinen früheren Klub geschockt.

          Während des Spiels sah man Thomas Doll in seinem dunklen Kapuzentrainingsanzug immer wieder gestenreich den großen Einsatz proben: Schwungvoll mit beiden Armen in Richtung gegnerisches Tor winkend, versuchte sich der Cheftrainer von Borussia Dortmund an einer Zeichensetzung, die seine Spieler an diesem Dienstagabend nicht zu verstehen schienen. Und so kamen die Handlungsanweisungen des spillerig anmutenden Dirigenten ohne Orchester geradezu grotesk rüber. Wer Action einfordert und Stillstand erntet, kann später vielleicht nur noch so resigniert reden wie der 41 Jahre alte Fußballlehrer.

          Der BVB blamierte sich bei der 0:3-Heimniederlage gegen den Hamburger SV vor 72.000 größtenteils entsetzten oder wütenden Zuschauern bis auf die Knochen. Doll, ein liebenswerter, gegen seinen früheren Klub aber wieder so hilflos wie in seiner HSV-Spätphase wirkender Kumpelcoach, entschuldigte sich als erstes beim Publikum und bemühte in seiner ratlosen Analyse gleich fünfmal den mitleiderregenden, nach Zahnarztbesuchen immer wieder gern gebrauchten Satz: „Das hat sehr weh getan.“

          „Das war eine Demütigung für uns“

          Was die Borussen ihrem seit Jahren schmerzerprobten Anhang diesmal zumuteten, war an fußballerischer Armseligkeit nur noch schwer zu unterbieten: Fußball jenseits der Baumgrenze. Entsprechend geladen äußerten sich Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung, und Sportdirektor Michael Zorc. Während Doll noch um Schadensbegrenzung bemüht war und für das Auswärtsspiel am Samstag in Karlsruhe das Versprechen, „wir werden vieles besser machen und uns anders aufstellen“, abgab, übten Watzke und Zorc verständlicherweise Fundamentalkritik.

          Doll als Dirigent ohne Orchester

          Der Geschäftsführer, einst selbst ein leidenschaftlicher Fußball-Amateur und notorischer Angreifer, fällte über die - eigentlich ausgefallene - Dienstagsvorstellung der schwarzgelben Profis ein vernichtendes Urteil: „Das war eine Demütigung für uns. Ich bin gnadenlos sauer. Ich erwarte, dass die Spieler nach dieser Niederlage ohne Wenn und Aber rangenommen werden. Wir müssen jetzt Klartext sprechen!“

          Ein völlig verkorkster Abend

          Schon geschehen und noch verstärkt durch Zorc, den ehemaligen Mannschaftskapitän erfolgreicher Borussen-Mannschaften. Der einst defensive Mittelfeldmann ging am Dienstag vehement in die Offensive und warf dem Team „Kollektivversagen“ sowie „Weicheier-Fußball“ vor. Laut wie selten wurde Zorc auch gegenüber den Journalisten, als er seine Bilanz eines aus Dortmunder Sicht völlig verkorksten Abends zog: „Der HSV war uns über die komplette Spielzeit in jeder Beziehung überlegen. Heute war der Abstand zwischen uns und denen so groß wie von hier bis zum Mond.“ Wie Watzke bei seiner Brandrede kündigte auch Zorc an, „dass wir im Klub uns in den nächsten Tagen sehr hart aufstellen werden“.

          Schwang da vielleicht schon ein starker Hauch von Kritik an Doll mit, der es nach zwei überzeugenden Heimsiegen gegen Cottbus und Bremen diesmal überhaupt nicht verstanden hatte, seine Spieler auf die Begegnung mit Dolls Vergangenheit einzuschwören? (Siehe auch: )

          Der Trainer hatte vorher vielleicht auch ein Signal falscher Großzügigkeit gegeben, als er seinem kroatischen Stürmer Mladen Petric erlaubte, am Tag vor der Bundesliga-Partie in der Schweiz zu heiraten. Wenn in einer hochbezahlten, professionell ausgeübten Mannschaftssportart der persönliche Rahmenterminkalender wichtiger wird als der Ligafahrplan, stimmt etwas nicht an der Prioritätensetzung. Petric war der einzige BVB-Spieler, der am Dienstag noch einen Satz zu sagen hatte: „Wir waren einfach nur schlecht.“ Da hatte er recht.

          Stevens zu „99,9 Prozent“ zufrieden

          Die Dortmunder Dürre fing beim unsicheren Torhüter Weidenfeller an, setzte sich über die dilettierenden Innenverteidiger Wörns und Brzenska bis zum brach liegenden Mittelfeld - aus dem Kringe auch noch die Gelb-Rote Karte sah (51. Minute) - und unsichtbaren Angriff fort.

          So waren die Voraussetzungen für einen Abend geschaffen, an dem das Hamburger Spiel nicht nur nach Ansicht von HSV-Kapitän Rafael van der Vaart „perfekt gelaufen war“. Der überragende Guerrero (7.), van der Vaart mit seinem fünften Saisontor (42.) und Olic (64.) erzielten, begünstigt durch schwere BVB-Schnitzer, locker die Tore zum Sieg.

          Trainer Huub Stevens war zu „99,9 Prozent“ zufrieden und wusste doch sogleich, wie der Dortmunder Triumph und der damit verbundene Satz in die Spitzengruppe der Liga daheim eingeschätzt würde. „In Hamburg glauben die Leute nun wieder, dass man Meister werden kann.“ Die einen desillusioniert, die anderen gegen Illusionen ankämpfend: Es ist ein Kreuz mit dem Fußball.

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