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Borussia Dortmund : Milchbubis mit Meisterreife

Siesgetrunken: Lucas Barrios Bild: dapd

Borussia Dortmund führt die Bayern in deren Stadion vor: Beim 3:1 triumphiert Dortmunder Leidenschaft über Münchner Behäbigkeit. Nur Trainer van Gaal sieht sich frei von Schuld.

          3 Min.

          Von der Leidenschaft sprach der Trainer. Vom Stolz der Kapitän. Der aktivste Fan von Borussia Dortmund aber sprach von der Kunst der Respektlosigkeit: Kevin Großkreutz, der Dortmunder Junge, der es von der Südtribüne auf den Rasen geschafft hat. Er wurde zum selbstverständlichen Teil eines begeisternden Teams, das am Samstagabend in München mit einem 2:0 in Frankfurt - Stuttgart siegt trotz langer Unterzahlfamosen 3: 1-Sieg sein vorgezogenes Meisterstück feierte. Die Kollegen hatten sich vor dem Spiel zurückgehalten und die reizenden Wortmeldungen aus München ignoriert (Präsident Uli Hoeneß: „Wir gewinnen mit zwei Toren Unterschied“, Vorstandschef Karlheinz Rummenigge: „Warum nicht noch höher?“). Nur nicht Großkreutz, der lachend und lispelnd sein Herz auf der Zunge trägt. „Der darf das auch, er ist ja ein Fan“, sagt Kollege Mats Hummels.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Die Bayern sind reif“, hatte Großkreutz verkündet. Er tat eine Menge dafür, dass er recht behielt. Vor dem 1:0 durch Lucas Barrios nahm er Schweinsteiger wie einem Anfänger den Ball ab. Und durch konsequentes Defensivdoppeln mit Linksverteidiger Marcel Schmelzer schaffte er es, den anderen Münchner Superstar, Arjen Robben, so weit abzumelden, dass der Holländer erstmals in der Bundesliga keinen einzigen Torschuss hinbekam; ja nicht einmal eine Vorlage zu einem Torschuss. Großkreutz ist einer der Spieler, die dem Dortmunder Spiel diesen erfrischenden Hauch von Straßenfußball geben. Wort und Tat spielen bei ihm Doppelpass. Nach dem Schlusspfiff drückte er es so aus: „Große Klappe und was dahinter.“

          Die Verlierer sprachen aus, womit sich die Gewinner bisher geziert hatten. Bayern-Kapitän Philipp Lahm: „Dortmund wird Meister“. Sportdirektor Christian Nerlinger: „Wir haben den neuen Meister gesehen“. Klub-Chef Rummenigge: „Ich bin sicher, dass Dortmund Meister wird.“ Dessen Dortmunder Kollege Hans-Joachim Watzke wollte da nicht mehr dementieren: „Zehn Spieltage vor Ende ist der Zeitpunkt erreicht, an dem wir sagen: Jawohl, wir haben eine sehr gute Chance, deutscher Meister zu werden, und wir werden alles versuchen, diese deutsche Meisterschaft nach Dortmund zu holen.“ Verteidiger Hummels fand: „Es fällt mir kein Satz ein, in dem das Wort nicht vorkommt, das wir nicht sagen dürfen.“ Und Sportdirektor Michael Zorc korrigierte: „Das Wort war bei uns nie verboten.“

          Enttäuschung pur: Mario Gomez
          Enttäuschung pur: Mario Gomez :

          Dortmunder Demonstration

          Alles andere wäre nun auch unglaubwürdig nach dem Meisterwerk von München, das allen möglichen Relativierungen die Grundlage raubte. Mehr geht nicht im deutschen Fußball: als den FC Bayern, der alle Stars an Bord hatte, dazu Selbstvertrauen durch einen großen Sieg in der Champions League, dazu die Heimstärke von sieben Siegen mit mindestens drei erzielten Toren am Stück – als diese alleinige Großmacht der Bundesliga nicht nur besiegt, sondern vorgeführt zu haben.

          Es war eine Dortmunder Demonstration von Leidenschaft, Laufstärke, Mumm und einer taktischen Überlegenheit, die das van Gaalsche Positionsspiel oft wie behäbigen Breitwandfußball erscheinen ließ. „Wir waren superkonsequent, frech, mutig im richtigen Moment“, sagte Trainer Jürgen Klopp. Besonders begeisterte ihn, „dass eine so junge Truppe so mutig auftritt“. Es war mit einem Durchschnitt von 22,7 Jahren die jüngste der Dortmunder Bundesligageschichte.

          Van Gaals beliebte Ausrede

          Kollege Louis van Gaal beklagte die „individuellen Fehler“, besonders bei den frühen Gegentoren durch Barrios (9. Minute) und Sahin (18.), nachdem Luiz Gustavo zwischenzeitlich den Ausgleich erzielt hatte (15.). Das ist eine beliebte Ausrede. Sie spricht den Trainer scheinbar von Schuld frei – die Spieler waren es. Sie ignoriert aber, dass der individuelle Fehler auf diesem Niveau, dem von Nationalspielern, fast immer die Folge des strukturellen Fehlers ist. In diesem Fall war das unverkennbar. Das „Superpressing“ der Dortmunder, das auch van Gaal anerkannte, und ihr blitzschnelles Umschalten nach Ballgewinn setzten den Münchnern, die so viel Stress am Ball nicht kennen, sichtlich zu. Kollektive Klasse erzwang individuelle Fehler.

          Auch die Dortmunder Fähigkeit zum Rhythmuswechsel überforderte die Münchner, die derlei nicht im Repertoire haben – ihres sieht nur zwei Tempi vor, das metronomartige Aufbauspiel in der Tempostufe Andante, dazu als Beschleuniger ins Presto der Flügelvirtuose Robben, dem die Dortmunder aber sein Instrument wegnahmen. In der Anfangsphase wurden die Bayern vom Tabellenführer geradezu überfallen, der in den ersten zwanzig Minuten auf 64 Prozent Ballbesitz kam.

          Dank der Muttermilch

          Dann wieder überließen die Dortmunder den Bayern gern den Ball. „Wir ließen sie bis zur Mittellinie kommen, machten uns breit“, wie Hummels erklärte. Nach dessen Kopfball zum 3:1 nach einer Stunde hatte der BVB laut Hummels „keine Mühe, das Ding nach Hause zu bringen“. In den letzten 25 Minuten brauchten sie dafür kein einziges Foul. Es war der elfte Auswärtssieg der Saison, Einstellung des Bundesligarekordes. Und der erste für Dortmund in München seit Oktober 1991. „Nach 19 Jahren wurde es Zeit“, fand Großkreutz.

          Sportdirektor Michael Zorc beschrieb die historische Dimension: „Mario Götze war beim letzten Erfolg in München noch nicht einmal geboren, und alle anderen wurden noch gestillt.“ Was ganz nebenbei eine hübsche Erklärung für die physische Wucht des mit 26 Jahren ältesten Dortmunders böte, die des Torjägers Lucas Barrios. Nach Rechnung seines Sportdirektors hätte er bis zum Alter von sieben Jahren daheim in Argentinien an der Mutterbrust gesaugt. Heute haben die Milchbubis Meisterreife.

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