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Borussia Dortmund : Immer noch unersättlich?

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Hand an der Schale: Die Borussia ist heiß auf die dritte Meisterschaft in Folge Bild: REUTERS

Die Gier war die wichtigste Zutat zum Erfolgsrezept von Borussia Dortmund. Trainer Jürgen Klopp fordert, dass auch nach zwei Titeln weiter Vollgas-Fußball gespielt wird. Er setzt auf Werte, die ihm heilig sind.

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          In den Gängen und in den Zimmern hinter der Osttribüne wirbeln Bauarbeiter Staub auf. Sie fahren Wagen mit Schutt vor sich her. Auf der Pressetribüne werden letzte Kabel verlegt. Die Lederpolster der neuen Logen sind noch mit Folie überzogen, damit nichts dreckig wird. Den neuen Mietern bleibt wenig Zeit, die Möbel und das übrige Interieur für den Einzug zurechtzurücken. Mancher Sponsor hat seine neue Heimat im Stadion schon adrett tapeziert. Männer mit nackten Oberkörpern arbeiten ähnlich hart wie die Fußballprofis von Borussia Dortmund auf den Bundesligastart hin, den der BVB an diesem Freitag, wie am 24. August vor 49 Jahren, gegen Werder Bremen (20.30 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) bestreitet.

          Der Ruhrgebietsklub besitzt das größte deutsche Stadion und baut nochmals aus und um. Wann, wenn nicht jetzt? Dortmund, Meister vor der ersten wie vor der fünfzigsten Ausgabe der Liga, wächst und wächst. Während die Poliere letzte Hand anlegen, arbeitet Jürgen Klopp mit seiner Mannschaft an den Feinheiten, pustet gewissermaßen den Staub weg, der sich als trockene Patina gebildet hat. Deutscher Meister und Pokalsieger? Das ist der aktuelle Status seiner Mannschaft.

          Die Liga folgt Code gelb und Code rot

          In gewisser Weise ist Borussia Dortmund aber auch gerade erst aufgestiegen - ins Establishment der Liga, so jedenfalls wollen es die Verantwortlichen als Meister des Understatements verstanden wissen. Andererseits hat der BVB zweimal nacheinander die deutsche Fußballmeisterschaft gewonnen, zuletzt mit der Rekordzahl von 81 Punkten. So schön das Frühjahr sich angefühlt haben mag, bleibt es bei dem Märcheneinstieg: Es war einmal. „Nichts ist älter als die Leistung der letzten Saison“, sagt Klopp. Jetzt muss er schon zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Monaten so tun, als wäre Dortmund, trotz meisterlicher Meriten, nur Außenseiter im Vergleich mit Bayern München.

          Auf ihnen ruhen die Hoffnungen: Gündogan, Götze, Reus und Schmelzer (v. li.)

          BVB-Manager Michael Zorc sagt: „Mit dieser Mannschaft muss es möglich sein, sich in der Spitzengruppe zu etablieren, das bedeutet, auf Platz eins bis vier abzuschließen.“ Es ist buchstäblich ein Duell geworden zwischen den beiden einzigen Klubs, die derzeit als Favoriten auf den Jubiläumstitel genannt werden. Bremen, Stuttgart, Wolfsburg - die Profiteure früherer Münchner Schwächeperioden, stehen in den hinteren Startreihen, ohne Titelambitionen auch nur anzudeuten; ebenso die notorischen Liga-Zweiten Schalke und Leverkusen. Sie alle wagen es nicht, Dortmund und Bayern die Vorherrschaft streitig zu machen. Es ist, als folgte die Liga einem Code gelb (Dortmund) und einem Code rot (Bayern).

          Pressing, Laufarbeit und Gier

          Die wichtigste Zutat im Dortmunder Erfolgsrezept der vergangenen Jahre lautet: Gier. So schwer den Borussen die Auftritte auf der internationalen Bühne gefallen sind - die Kernkompetenz Bundesliga haben sie stets nachgewiesen, mit Pressing, mit viel Laufarbeit, mit schnellem Umschalten, wie es neudeutsch heißt, und vor allem mit Gier. Mit der Gier, unerwartet etwas Außergewöhnliches zu leisten. Den Dortmundern bietet sich die Chance, zum dritten Mal nacheinander deutscher Meister zu werden. Das ist seit Gründung der Liga nur Bayern und Gladbach gelungen. So bescheiden die Gierigen sich geben: Natürlich wollen sie genau das erreichen, nur aussprechen wollen sie es nicht. Ohne den natürlich gewachsenen Anspruch zu benennen, sagt Klopp, er werde auch künftig von jedem Spieler „diese Leidenschaft einfordern“, die das ganze Fußball-Land, inklusive Bayern München, seit zwei Jahren beeindruckt.

          Diese (historische) Chance zu ergreifen erfordert entweder kühle Berechnung - dafür steht weder Dortmund noch Klopp - oder neue Gier. Wie aber lässt sich diese Gier, dieses Verlangen hervorrufen? „Den wenigsten Menschen gelingt es, nach Erfolgen gierig zu bleiben“, sagt Klopp. „Uns aber hilft es, glaube ich, ein bisschen, dass ich nicht genug kriegen kann.“ Bis jetzt ist es dem Trainer stets gelungen, sein Verlangen, seine Leidenschaft auf die Spieler zu übertragen und so die „Vollgasveranstaltungen“ hervorzubringen, die er von seinem ersten Dortmunder Tag an propagiert hat.

          Werte, die heilig sind

          Wie aber kann es jetzt gelingen, nach zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg binnen zweier Jahre zu bestehen? Natürlich mit Marco Reus, dem teuersten Einkauf dieses Sommers (der im Winter schon bekanntgegeben wurde). Der frisch gekürte „Fußballer des Jahres“ gilt als derzeit bester Spieler der Bundesliga und ersetzt Shinji Kagawa, den explosiven Japaner, der nach England abgewandert ist. BVB-Geschäftsführer Watzke spricht immer noch von „Lichtjahren“, die München entfernt sei. Er meint die Finanzen, und er hat recht, auch wenn Dortmund einen Tag vor dem Start in die neue Saison einen Rekordumsatz bekanntgegeben hat. Einen Tag vor dem Start hat der börsennotierte Klub seine Bilanz veröffentlicht. Der schwarz-gelbe Fußballkonzern überschreitet die Schwelle von zweihundert Millionen Euro. Das ist bisher nur Bayern und Schalke gelungen.

          Unabhängig vom Personal-Tableau setzt Klopp auch in seiner fünften Dortmunder Saison auf Werte, die ihm vertraut, die ihm heilig sind. Also auf das größte deutsche Stadion voll mit Fans, die unersättlich sind und dem Vereinsmotto gemäß „echte Liebe“ empfinden. „Wenn du einläufst, und achtzigtausend sind schon da, dann musst du schon eine dicke Hornhaut haben, um zu sagen: Ist ja wie im letzten Jahr“, sagt Klopp.

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