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Borussia Dortmund : Die neue Seite an Thomas Tuchel

  • -Aktualisiert am

Thomas Tuchel stand bei Dortmund vor der Winterpause in der Kritik Bild: dpa

In der Winterpause hieß es schon, eine Trennung im Sommer sei kein Tabu mehr. Beim 2:1 in Bremen meldet sich der Perfektionist Thomas Tuchel allerdings mit einer Seite zurück, die man so von ihm noch nicht kannte.

          Offenbar hatte ihm dieser mühsame Arbeitssieg viel besser gefallen als ein rauschendes 4:0. „Dieses Ergebnis fühlt sich für uns top an“, sagte der als Perfektionist bekannte Thomas Tuchel, „wir wollten gewinnen, egal wie, und waren kämpferisch und emotional bereit. Das ist das dominierende Gefühl.“ Tuchel strahlte. 2:1. Endlich mal ein schmutziger Sieg!  Sechs Unentschieden hat Borussia Dortmund in dieser Saison schon produziert, gerade auswärts lief es selten rund, wirklich ärgerliche Punktverluste waren dabei. So sind die zwölf Zähler Rückstand auf den FC Bayern aufgelaufen, so ist der Druck entstanden, den die Dortmunder Führung um Vorstand Hans-Joachim Watzke mit markigen Worten in Richtung Tuchel übertragen hat.

          Sogar die grundsätzliche Sinnhaftigkeit einer weiteren Zusammenarbeit zwischen Trainer und Verein war in Frage gestellt worden. Tuchels Vertrag läuft 2018 aus, und Watzke hatte gegenüber dem „Stern“ Gespräche über eine etwaige Vertragsverlängerung für den Sommer auffallend leidenschaftslos angekündigt: „Wir werden dann das Gefühl entwickeln, ob das für beide Seiten auch über die drei Jahre hinaus Sinn ergibt.“ Der „Kicker“ hatte im Dezember berichtet, dass eine Trennung von Tuchel im Sommer kein Tabu mehr sei.  Solche gefährlichen Tendenzen können natürlich am besten durch Siege unterbunden werden – gleichgültig, wie fehlerhaft sie zustande gekommen sind.

          Auch Arbeitssiege lassen sich trefflich feiern.

          Dementsprechend gut gelaunt war Tuchel in der Bremer Kälte nach diesem letztlich glücklichen Sieg gegen nur noch zehn Werderaner – Torwart Jaroslav Drobny hatte nach einem üblen Foul an Marco Reus außerhalb des Strafraumes die Rote Karte in der 39. Minute gesehen. Regelrecht ins plaudern kam er, als Tuchel mit der Aussage Watzkes konfrontiert wurde, der jüngst wieder die direkte Qualifikation für die Champions League gefordert hatte. „Das ist doch nicht neu“, antwortete der 43 Jahre alte Fußball-Lehrer lächelnd, „ich habe noch nie etwas anderes gehört. Diese Zielvorgabe war mit meiner Unterschrift unter den Vertrag klar. Aber ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir in Dortmund den größten Umbruch seit zehn Jahren haben." 

          Umbruch plus Verletzte, das hat aus dem so überzeugenden Bayern-Jäger der Vorsaison ein Team gemacht, das sich und seine allgemeine Robustheit erst finden muss – und dafür Zeit brauchen wird, wie Tuchel in Bremen ausführte. Es war seiner Mannschaft nämlich misslungen, den erleichternden dritten Treffer zu erzielen, nachdem Bremens Fin Bartels in der 59. Minute die Dortmunder Führung durch André Schürrle aus der fünften Minute ausgeglichen und Lukasz Piszczek zum 2:1 in der 71. Minute getroffen hatte.

          In den letzten Spielminuten drängten die dezimierten Bremer auf den Ausgleich, und das störte die Spieler. Torwart Roman Weidenfeller sagte: „Bremen war in Unterzahl, da dürfen wir nicht so unter Druck geraten. Das ist fehlende Erfahrung.“ Torschütze Schürrle ergänzte: „Wir haben keine Ruhe ins Spiel gekriegt, das müssen wir uns ankreiden lassen.“ Tuchel sah das – erwartungsgemäß – differenzierter: „Vielleicht müssen wir diese Instabilität lieber hinnehmen, als etwas hinterherzujagen, was wir derzeit nicht haben. Wir müssen die Unausgewogenheit in unserem Spiel in Kauf nehmen, aber wir sind auch in der Lage, in einem Auswärtsspiel 22 Mal aufs Tor zu schießen. Vielleicht bringt uns auch einfach der Sieg in so einem Spiel weiter in Sachen Stabilität.“

          Weniger störanfällig wird das Dortmunder Spiel sicher sein, wenn endlich alle Verletzten zurück sind, auch Typen wie der erfahrene Sven Bender. Oder, wenn einer wie Sokratis nicht angeschlagen spielen muss. Es bleibt müßig, darüber zu spekulieren, ob Pierre-Emerick Aubameyang gegen die langsame Bremer Abwehr und das aufgerückte Mittelfeld zu leichten Toren gekommen wäre. Vielleicht, um mit Tuchel zu sprechen – wäre er nicht mit Gabun beim Afrika-Cup. Schürrle hatte in der Aubameyang-Rolle gute 30 Minuten, dann war immer weniger von ihm zu sehen.  Dass es ihm Spaß gemacht hatte ganz vorne, hob er später gern hervor: „In der Rolle gehe ich auf, aber mir fehlt auch Praxis, das hat man deutlich gesehen.“ Immerhin gelang dem 30-Millionen-Euro-Mann der erste Saisontreffer.  Die Dortmunder wirkten kämpferisch nach dem Spiel. „Wir starten jetzt eine Aufholjagd“, sagte Weidenfeller, wobei für ihn das „wir“ bald wieder zum „sie“ wird, denn Tuchel sagte klipp und klar, dass Roman Bürki seine Nummer Eins sei, sobald er nach seiner Handverletzung zurückkehrt.

          Das Gegentor war allerdings vermeidbar.

          Das könnte schon am Sonntag in Mainz sein. Schürrle sagte, man nehme einen solchen Sieg sehr gern mit und war damit ganz auf Tuchels Linie. Die Bremer hatten sich bei dieser ersten Niederlage nach zuvor fünf unbesiegten Spielen selbst im Weg gestanden. Beim 0:1 hatte der von einem Magen-Darm-Infekt geschwächte Serge Gnabry Pech, dass sein Pressschlag Schürrle vor die Füße fiel. Torwart Drobny wirkte in einigen Szenen nicht auf der Höhe, kulminierend im Platzverweis. Für ihn kam Wiedwald, Pizarro ging runter. Als sich die Bremer zu zehnt in die Partie gebissen hatten und Bartels seinem Team den Ausgleich schenkte, fiel das vermeidbare zweite Gegentor. Allerdings war die numerische Unterlegenheit der Bremer nicht zu merken, was Trainer Alexander Nouri stolz auf seine Mannschaft machte: „Was gegen uns laufen konnte, ist gegen uns gelaufen. Wir haben trotzdem zusammen gestanden und das Spiel gegen einen Champions-League-Teilnehmer offen gestaltet.“ Erfreulich war dabei der Auftritt des neuen Dänen Thomas Delaney. Die für ihn vorgesehene Führungsrolle nahm der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler sofort ein und überzeugte neben Clemens Fritz im defensiven Mittelfeld.

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