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BVB trennt sich von Favre : Der letzte Ausweg aus der Sackgasse

  • -Aktualisiert am

Beim BVB ist Schluss: Trainer Lucien Favre Bild: EPA

Lucien Favre hatte keine Lösung mehr, um den fußballerischen Zerfall seiner hochtalentierten Mannschaft aufzuhalten. Das 1:5 gegen Stuttgart wirkte wie eine Selbstaufgabe und ein Hilferuf. Nun gibt es Konsequenzen.

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          Es ist eine bemerkenswerte Leistung, das Bundesligapublikum als Titelanwärter zunächst mit einer 1:5-Niederlage gegen einen Aufsteiger zu verblüffen und gleich am nächsten Tag für eine noch größere Überraschung zu sorgen. Borussia Dortmund hat sich ziemlich unerwartet von Trainer Lucien Favre getrennt, der gemessen am Punkteschnitt bis zu dieser Niederlage erfolgreicher gewesen war als jeder seiner Vorgänger (und nun hinter Thomas Tuchel zurückfiel). Doch offenbar hatte der 63 Jahre alte Schweizer keinen funktionierenden Plan mehr, um den zuletzt immer desolateren Zustand, in dem die Mannschaft sich präsentierte, effizient zu bekämpfen.

          Bundesliga

          Die Trennung falle allen Beteiligten schwer, verkündete Sportdirektor Michael Zorc in einer Klubmitteilung und erklärte: „Gleichwohl sind wir der Meinung, dass das Erreichen unserer Saisonziele aufgrund der zuletzt negativen Entwicklung in der gegenwärtigen Konstellation stark gefährdet ist und wir deshalb handeln müssen.“ Bis Saisonende wird der 38 Jahre alte Assistenztrainer Edin Terzic das Team übernehmen, der schon am Sonntag mit der Vorbereitung auf das Spiel in Bremen begonnen hat.

          Das war die heftige Reaktion auf einen Tag des fußballerischen Zerfalls, den der BVB erlebt hatte. Favre hatte den Auftritt an seinem letzten Tag auf der Dortmunder Bank als „Katastrophe“ beschrieben, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verwendete das Bild von einem „schwarzen Tag“, und Kapitän Marco Reus bezeichnete die Leistung als „sehr, sehr beschämend“. Selbst wohlwollende Betrachter konnten nicht mehr übersehen, dass dieses Team unter tiefgreifenden Problemen leidet. Dem BVB fehlt die Fähigkeit, konstant als homogene Einheit zusammenzuarbeiten. „Wir sind keine Mannschaft, die gut verteidigen kann“, hatte Reus festgestellt, und die Grundsätzlichkeit dieser Aussage deutete bereits darauf hin, dass der Glaube an diesen Trainer auch unter den Spielern schweren Schaden genommen hat.

          Nicht nur eine Formschwäche

          Selbst ein 1:7 oder ein 2:8 hätte gut zum Verlauf dieses Spiels gegen den schwäbischen Aufsteiger gepasst. Erfahrene Spieler, Weltmeister, Nationalspieler, Europameister und große Anführer wie Mats Hummels, Axel Witsel, Marco Reus, Emre Can oder Raphael Guerreiro waren genauso hilflos untergegangen wie die jungen Talente Jude Bellingham, Jadon Sancho oder Mateo Morey. Es war der Tag, an dem endgültig klar wurde, dass der BVB nicht nur eine Phase der Formschwäche durchläuft. Nach nur einem Sieg aus den fünf jüngsten Pflichtspielen und einer zweiten Halbzeit, die Züge einer Selbstaufgabe trug, ist nicht zu übersehen, dass irgendetwas nicht stimmt mit diesem BVB. Favre erwiderte auf die Frage nach den Hintergründen nur, das alles sei „schwer zu erklären“, und sprach immer wieder von der „Balleroberung“, die irgendwie nicht funktioniert hatte.

          Der Neue in der Verantwortung: Edin Terzic übernimmt.
          Der Neue in der Verantwortung: Edin Terzic übernimmt. : Bild: EPA

          In der Welt dieses Trainers verkörpert die „Balleroberung“ all die Dinge, die andere Experten meinen, wenn sie von den Merkmalen eines erfolgreichen Verteidigungsspiels reden: von einem klugen taktischen Verhalten, aber auch von Kampf, Einsatz, Mentalität, mannschaftlichem Zusammenhalt und Einstellung. Am Samstag spielten die Dortmunder weder taktisch klug noch engagiert, vielmehr produzierten sie permanent „große, große Fehler“, erklärte Favre.

          Favres große Schwäche

          Wie gewohnt blieb er in seiner Analyse konsequent fußballfachlich und machte damit ein letztes Mal die große Schwäche sichtbar, die die Verantwortlichen nun nicht länger akzeptieren wollen: den Umgang mit der menschlichen Seite des Spiels, mit Emotionen und gruppendynamischen Prozessen, die eben auch eine zentrale Rolle spielen im Fußball. Als Favre am Samstag mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass im Fußball auch Dinge wichtig sind, die über die technisch-taktische Dimension hinausgehen, erwiderte er immerhin: „Darüber will ich nicht sprechen. Ich bestätige, es hat gefehlt.“ Er reflektierte diesen Aspekt seiner Arbeit also, aber es gehörte nie zu seinen Stärken, solche Dynamiken zu steuern, sie in die gewünschte Richtung zu lenken.

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