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Borussia Dortmund : Auf einer Woge der Begeisterung

Wer soll diesen verschworenen Dortmunder Haufen nur aufhalten? Bild: dapd

Über die Titelchancen reden nur die anderen – die Borussia lässt Taten sprechen. Beim 2:1 in Freiburg zeigt der Spitzenreiter, dass grenzenlose Leidenschaft in ihm steckt. Und das Restprogramm bis zur Winterpause ist durchaus günstig.

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          Der schwarze Bus mit den dunklen Scheiben, die Ordner mit ernsten Gesichtern, die ab und an einen prüfenden Blick in Richtung der Absperrgitter warfen – und hinter den Gittern jede Menge drängelnde, kreischende Fans, die Stifte und Kameras bereithielten, um ein kleines Andenken an ihre Stars zu ergattern. Die ganze Szenerie glich mehr einem Popkonzert als einer Sportveranstaltung.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Aber gerade weil es keine Musikgrößen am Bühnenausgang einer Konzertarena waren, die da auf beinahe hysterische Weise bejubelt wurden, sondern die Fußballprofis von Borussia Dortmund auf ihrem Weg aus dem Freiburger Stadion, illustrierten die Bilder eines ganz eindrucksvoll: Welche Begeisterung rund um diesen Klub ausgebrochen ist, seit er nach entbehrungsreichen Jahren wieder als ernstzunehmender Anwärter auf die Meisterschaft gehandelt werden muss.

          Dass dem tatsächlich so ist, darf auch ohne ausdrückliche Bestätigung aus Dortmunder Trainer-, Spieler-, oder Präsidentenmund als gesichert gelten. Alle Versuche, den Schwarz-Gelben so etwas wie ein offizielles Statement in dieser Sache zu entlocken, sind ebenso ermüdend (man könnte auch sagen: langweilig) wie überflüssig. Denn wer nach etwas mehr einem Saisondrittel die Tabelle mit sieben Punkten Vorsprung anführt, wer sieben Auswärtsspiele in Serie gewonnen und damit einen Bundesligarekord aufgestellt hat, und wer ein Spiel wie dieses spektakuläre am Samstag in Freiburg noch für sich entscheidet, der kann sich seine Worte getrost sparen.

          Entscheidendes Tor: Barrios und Götze warten auf das Überqueren der Linie
          Entscheidendes Tor: Barrios und Götze warten auf das Überqueren der Linie : Bild: dpa

          Keine herbeigesehnten Ermüdungserscheinungen

          Daten wie Taten lassen ohnehin keinen anderen Schluss zu, wie auch Franz Beckenbauer aus einiger Ferne – räumlich wie tabellarisch – erkannte. Auf dem Weg zur Herbstmeisterschaft jedenfalls, so mutmaßte der ehemalige Präsident des FC Bayern am Samstag, könne nur noch eine „Epidemie“ diese Dortmunder stoppen.

          Im Augenblick aber sind noch nicht einmal die von der Konkurrenz herbeigesehnten Ermüdungserscheinungen zu beobachten. Gut, in der ersten Halbzeit von Freiburg war es alles andere als meisterlich, was die Borussen zu diesem Spiel beitrugen. Gegen eine Freiburger Mannschaft, die mit Hingabe und taktischer Extraklasse nicht nur ihr Terrain verteidigte, sondern selbst ihre Chance suchte, lag der BVB zur Pause völlig verdient mit 0:1 im Hintertreffen.

          Und weil sich die sonst so sattelfeste Abwehr beim Gegentreffer auch noch selbst übertölpelt hatte, als Neven Subotic seinen Kollegen Mats Hummels anschoss, bevor der Ball dann ins Tor trudelte, schien es, als könne es ein schwarzer Tag für die Borussia werden. „Teilweise grotesk“, sagte Hummels später, sei es gewesen, wie der BVB in der ersten Hälfte von den Freiburgern „hergespielt“ worden war. Aber es war, wie sich nach der Pause schnell zeigte, keine Frage der Kraft oder gar der Klasse, sondern allenfalls eine des Kopfes. Trainer Jürgen Klopp sagte, seine Mannschaft sei „einer Fehleinschätzung erlegen“: der, es mit ein paar Prozent weniger auch zu schaffen.

          Emotional eine besondere Energie freigesetzt

          Die Verwandlung, die Klopp in der Pause mit deftigen Worten und einer kleinen Systemkorrektur im Mittelfeld herbeiführte, war dafür umso eindrucksvoller. In der zweiten Hälfte nämlich spielte Dortmund rundum Fußball auf höchstem Niveau, raubte den Freiburgern Raum und Nerv und erzwang die Treffer durch den kurz zuvor eingewechselten Robert Lewandowski (75.) und durch das Eigentor des Freiburgers Mensur Mujdza (79.). Es war jetzt ein hochklassiges Spiel und eines von höchster atmosphärischer Dichte: der leichte Novembernebel und das enge Stadion englischen Typs trugen dazu bei.

          Dortmund hätte höher gewinnen können, wenn Jakub Blaszczykowski nicht aus elf Metern das leere Tor verfehlt hätte – oder auch gar nicht, wenn Julian Schusters Kopfball in der Nachspielzeit ins Tor statt gegen die Latte gesegelt wäre. Dass sie aber überhaupt als Sieger vom Platz gingen, schien emotional noch einmal eine besondere Energie freizusetzen, wie dem enthemmten Jubel von Spielern wie Fans. abzulesen war. Man kann das auch den Spirit nennen, aus dem Meister geboren werden.

          Haltet Euch bereit, verstärkt die Barrikaden!

          Gewiss ist es bei aller Begeisterung noch nicht der Zeitpunkt, um verlässliche Prognosen zu wagen. Insofern haben die Dortmunder schon recht mit ihrer verbalen Zurückhaltung. Wer aber aus der Nähe erlebt, mit welchem Spaß am Spiel diese Mannschaft zu Werke geht, wie viele Einzelkönner sie hat, die jederzeit den Unterschied ausmachen können, und wer nun auch weiß, wie sie widrigen Umständen trotzen kann, der darf sich schon einmal eine kleine Hochrechnung erlauben – so wie der Freiburger Kapitän Oliver Barth das tat. „Wenn sie so weitermachen“, sagte er, „wird es schwer, sie da oben wegzuholen“.

          Mönchengladbach, Nürnberg, Bremen und Frankfurt heißen die Gegner bis zur Winterpause, das ist ein Programm, dem die Dortmunder mit einigem Selbstbewusstsein entgegenblicken können, vorausgesetzt natürlich, sie haben die Freiburger Lektion der ersten Hälfte auch als Warnung begriffen. Für die Konkurrenz in der Liga gilt bis auf weiteres: Haltet Euch bereit, verstärkt die Barrikaden – der Dortmunder Tourbus macht demnächst womöglich auch vor Eurem Stadion halt.

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