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Blick nach oben : Ein Stück Hoffenheimer DNA

Alexander Rosen (links) und Markus Gisdol sollen die Hoffenheimer wieder in die Spur bringen. Bild: imago sportfotodienst

Es läuft längst nicht mehr so rund wie vor ein paar Jahren. Doch Alexander Rosen hat den Klimawandel bei der TSG Hoffenheim eingeleitet. Nur der Fall Derdiyok trübt die Wetterlage.

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          Dieses Büro hat schon einige Chefs kommen und gehen sehen. Jan Schindelmeiser hatte als Erster seinen Schreibtisch dort, danach auch Ernst Tanner und Andreas Müller. Nur Markus Babbel sah keinen Anlass, dort einzuziehen, als er den Posten des Managers kommissarisch mit übernahm, er blieb im Trainerraum. Jetzt residiert hier oben, im ersten Stock des Hoffenheimer Trainingszentrums und mit bestem Blick auf den Übungsplatz, Alexander Rosen.

          Die Einrichtung habe er komplett umgestellt, sagt er. Es sei einfach dynamischer so. Ein Scherz natürlich, aber einer, an dem durchaus etwas dran ist. Rosen ist nicht nur der Jüngste, der als Sportlicher Leiter der TSG Hoffenheim diesen Raum bezog, er ist auch derjenige mit der lockersten und positivsten Ausstrahlung. Eine echte Erfrischung, nachdem die TSG zuletzt unter Müller und Marco Kurz als Trainer so knurrig-verzagt rüberkam.

          Der 34 Jahre alte Rosen verkörpert, zusammen mit Trainer Markus Gisdol, das neue Hoffenheim. Jung und erfolgreich - das war der Klub ja schon einmal. Bis Trainer Ralf Rangnick ging. Danach wurde so viel falsch und fast nichts richtig gemacht, dass Hoffenheim so unsexy wie nur irgend möglich daherkam. Und Rosen vor einer ziemlich schweren Aufgabe stand, als er seinen Job im April antrat.

          Auf die Frage, wie groß denn die Baustelle gewesen sei, malt er mit seinen Händen einen Berg. „Ich will es nicht überhöhen“, sagt er, „aber ich würde die Situation schon als extrem bezeichnen.“ Da war der maßlos aufgeblähte Spielerkader, mehr als 40 Mann. Dann der Zeitpunkt. Normalerweise, sagt Rosen, hätten die Klubs ihre Kaderentscheidungen da schon zu 80, 90 Prozent vorbereitet: „Wir mussten fast bei null anfangen.“ Und obendrein wusste er ja noch nicht einmal, in welcher Liga es weitergehen würde.

          Rosen und Gisdol sind im Projekt Gisdol sozialisiert

          Das Schlimmste aber war, dass Hoffenheim nicht mehr Hoffenheim war. Die ständigen Wechsel in der Sportlichen Leitung hatten einen zerfledderten und demoralisierten Klub zurückgelassen. „Unsere DNA“, sagt Rosen, „war nicht mehr zu erkennen. Das waren nicht mehr wir.“ Er hatte das Unheil aus der Nähe miterleben müssen. Seit 2010 war der frühere Profi, der auf einer Auslandsstation in Norwegen erste Management-Erfahrungen sammelte und später Sportökonomie studierte, Leiter des Hoffenheimer Nachwuchsleistungszentrums.

          Ein toller Job eigentlich, aber seine Arbeit blieb ein Stück weit sinnlos, weil das Profiteam eine Welt für sich war - in der die pure Verschwendung herrschte. Ein dekadentes Imperium im Zerfall. Erst als alles schon zu spät und der Abstieg besiegelt schien, besannen sich die Verantwortlichen um Mäzen Dietmar Hopp ihrer Wurzeln - und ließen Rosen und Gisdol ans Werk.

          Heute ist Hoffenheim wieder wer. Ein Klub, den man vielleicht nicht lieben muss, dem man aber durchaus wieder gern beim Fußballspielen zuschaut. Nach dem im letzten Moment geschafften Klassenverbleib ist die TSG ordentlich in die neue Saison gekommen - und das auf sehr unterhaltsame Art und Weise. Fünf Punkte und 10:6 Tore stehen nach drei Spielen auf dem Konto, an diesem Sonntag geht es zum Südwest-Derby nach Stuttgart. „Ich denke, man kann sehen, wo wir hinwollen“, sagt Rosen.

          Der gebürtige Augsburger käme nie auf die Idee, seine Arbeit zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Nach der Relegation gegen Kaiserslautern war es Rosen, der die größten Loblieder auf Gisdol sang. Aber jetzt, da der Ausnahmezustand gewichen ist und Planungs- und Konzeptfragen an Gewicht gewinnen, gerät auch sein Beitrag stärker in den Fokus. Die erste Bilanz des derzeit jüngsten aller Bundesliga-Manager kann sich durchaus sehen lassen.

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