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Impf-Bevorzugung für Sportler? : „Diese Diskussion ist völlig irrsinnig“

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„Mit gesundem Menschenverstand lässt man sich impfen, wenn man an der Reihe ist“: Turner Marcel Nguyen Bild: Picture-Alliance

Die Idee von Karl-Heinz Rummenigge zur Impfung für Bayern-Spieler sorgt weiter für Aufregung. Eine Umfrage ergibt ein klares Bild. Aus Sport und Politik kommen auch deutliche Aussagen zur möglichen Bevorzugung von Sportlern.

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          Turner Marcel Nguyen ist gegen eine bevorzugte Corona-Impfung bei Sportlern und kann die umstrittenen Aussagen von Karl-Heinz Rummenigge nicht nachvollziehen. Der Vorstandschef des FC Bayern München hatte bei „Sport1“ gesagt, man wolle sich überhaupt nicht vordrängen, aber Fußballer könnten als Vorbild einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. „Ganz ehrlich, da musste ich herzlich lachen“, sagte der zweifache Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele 2012 in London bei „t-online.de“.

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          „Mit gesundem Menschenverstand lässt man sich impfen, wenn man an der Reihe ist. Dass ein Impfgegner vom FC Bayern überzeugt wird, halte ich für eine sehr gewagte These“, fügte der 33-Jährige in dem am´Freitag veröffentlichten Beitrag hinzu. Rummenigges Aussagen hatten in den vergangenen Tagen wiederholt Kritik hervorgerufen.

          Die Diskussion um die Frage, ob Sportler zum Beispiel für eine Olympia-Teilnahme bevorzugt geimpft werden sollten, halte er für völlig irrsinnig, sagte Ngyuen. „Wir sollten dann geimpft werden, wenn wir an der Reihe sind. Sollte ich geimpft werden müssen, um an den Olympischen Spielen teilzunehmen, man dafür aber einer anderen Person quasi die Dosis wegnehmen würde, dann würde ich lieber auf die Olympischen Spiele verzichten.“

          Mehrheit gegen eine Bevorzugung

          DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass mögliche Olympia-Teilnehmer „im zweiten Quartal möglichst bald an die Reihe kommen – nicht im Sinne einer Bevorzugung, sondern dann, wenn genügend Impfstoff da ist.“ Man werde sich in keiner Weise vordrängen, betonte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes schon Mitte Januar. Die Diskussion um die bevorzugte Impfung von Olympia-Teilnehmern war nach entsprechenden Äußerungen von Richard Pound aufgekommen, dem dienstältesten Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee.

          Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind drei Viertel der Deutschen gegen eine bevorzugte Impfung von Profifußballern. Die Frage lautete: „Der Vorstandschef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, hat vorgeschlagen, Profifußballer bevorzugt zu impfen. So könnten sie als Vorbild gelten. Würden Sie es befürworten oder ablehnen, wenn Profifußballer bei der Impfung bevorzugt würden?“

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          74 Prozent lehnen es laut Umfrage ab. 15 Prozent machten keine Angabe, 11 Prozent befürworteten ein solches Vorgehen. Zur  Ermittlung hatte YouGov am Donnerstag 1807 Personen in Deutschland befragt. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren. Unter den befragten Männern war die Ablehnung einer bevorzugten Impfung für die Kicker höher (78 Prozent) als bei den Frauen (71 Prozent).

          Der hessische Landessportbund-Präsident Rolf Müller sieht eine bevorzugte Behandlung von Leistungssportlern beim Impfen als „absolut unangebracht“ an. Dies sagte Müller in einem am Freitag veröffentlichten Statement des Verbandes. „Solange nicht feststeht, wann Personen mit schweren Lungenerkrankungen, Diabetiker und zum Teil vergessene Risikogruppen wie Menschen mit Behinderung geimpft werden, sollte man hierzu nicht einmal Gedankenspiele anstellen“, sagte der Funktionär. Dies habe die Mehrheit der Athletinnen und Athleten „im Gegensatz zu so manchem Sportfunktionär auch erkannt“, betonte Müller.  Eine Forderung nach einer Bevorzugung stellte der 65-Jährige nicht.

          Der Sportsoziologe Gunter Gebauer unterstellte Rummenigge in der ARD-Sportschau Eigennutz und betonte ganz grundsätzlich, eine bevorzugte Impfung von Profisportlern sei „zutiefst unsozial und moralisch nicht zulässig“. Auch wenn dem Sport keine weitere coronabedingte Stilllegung wie im Frühjahr 2020 droht, waren die vergangenen Tage ein Vorgeschmack, was ihm bevorsteht: Debatten über zusätzliche Reisen für Heimspiele im Europapokal oder bevorzugte Impfungen, für die es bislang keine konkreten Forderungen gibt, auch von Rummenigge nicht. „Kein Fußballer – allesamt junge und gesunde Menschen – sollte älteren Menschen oder Pflegekräften, Polizisten und Lehrern eine Impfung zum jetzigen Zeitpunkt wegnehmen“, sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc.

          Am Donnerstag griff auch Bremen Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) Rummenigge an und kritisierte ihn für den Vorschlag, die Fußballer als Vorbild zu nutzen. „Was mich an diesem Spruch besonders gewundert hat, ist, wie man simples Vordrängeln „Ich will zuerst geimpft werden“ dann noch versucht, als Realisierung einer gesellschaftlichen Vorbildfunktion zu verkaufen. Da muss man erstmal drauf kommen, indem man sagt: Wir ziehen vorbei an Erzieherinnen und Erziehern, an Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern, vielleicht auch an medizinischem Personal und Polizisten“, sagte Bovenschulte.

          Rummenigge: „Fußballer als Vorbild“

          „Wir wollen uns überhaupt nicht vordrängen, aber Fußballer könnten als Vorbild einen gesellschaftlichen Beitrag leisten“, hatte Rummenigge bei Sport1 angeregt. Bovenschulte sieht das komplett anders. „Mir fällt einiges ein, wie Fußballprofis ihrer gesellschaftlichen Vorbildrolle in der Pandemie gerecht werden könnten. Sie könnten zum Beispiel darauf verzichten, an sportlich wertlosen Turnieren teilzunehmen und dafür um die halbe Welt zu reisen“, monierte der 55-Jährige mit Blick auf die Klub-WM.

          Für Ilkay Gündogan ist in puncto Reisen vor allem „die Sicherheit aller Partizipierenden am wichtigsten, dass jeder gesund bleibt. Andererseits fühle ich mich nach wie vor privilegiert, dass ich noch meinen Job ausüben darf“, sagte der Profi von Manchester City in einem Sky-Interview. Er höre von Freunden aus Deutschland immer wieder, dass derzeit die Bundesliga oder das Schauen der Premier League „das einzige Normale in ihrem Leben ist“, sagte der 30-Jährige. „Es ist auch schön zu hören, dass man diesen Menschen ein Stück weit Normalität geben kann in diesen schwierigen Zeiten, aber über allem steht letztendlich natürlich die Gesundheit.“

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