https://www.faz.net/-gtm-9szmb

Eintracht Frankfurt : Sow und das „Tüpfli auf dem i“

  • -Aktualisiert am

Schuss ins Glück: Djibril Sow möchte nach seinem Tor gegen die Bayern die ganze Fußballwelt umarmen. Bild: Reuters

Torschütze Djibril Sow zeigt beim 5:1 gegen die Bayern sein bestes Spiel im Eintracht-Dress. Dabei war sein Start in Frankfurt holprig. Und auch jetzt sieht der Schweizer noch Luft nach oben.

          3 Min.

          Es gab viele erinnerungswürdige Szenen bei diesem historischen 5:1-Triumph der Frankfurter Eintracht über die Münchner Bayern am vergangenen Samstag. Boatengs doppelte Unbeholfenheit, die zu seinem Platzverweis führte und die der Eintracht das Tor zum spektakulären Sieg ebnete. Lewandowskis Alleingang, mit dem er sein Trefferkonto auf 14 ausbaute. Abrahams Rettungstaten, die verhinderten, dass bei Lewandowski nach dem zehnten Bundesligaspieltag schon 16 Tore zu Buche stehen. Da Costas geniale Flanke, die Abraham zum 3:1 verwertete. Silvas Dribbling, das Paciência mit einem Schnickser aus dem Fußgelenk zum 5:1 veredelte, was den Gipfel der bayrischen Demütigung darstellte.

          Bundesliga
          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Aber übertroffen wurden all die wunderbaren Fußball-Momente noch durch ein Gesamtkunstwerk – anders ist die Entstehung des 2:0 der Eintracht nicht zu nennen. Hintereggers Steilpass Richtung Münchner Strafraum fand Dost, und dann ging es nur noch mit Spitze oder Hacke über Paciência, Rode und Kostic weiter, bis Sow am Ende der Verwertungskette aus spitzem Winkel ins Bayern-Tor traf. Natürlich auch direkt, genauso wie seine Vorbereiter den Ball jeweils weitergeleitet hatten. Ein Tor, das wegen seines Esprits und seiner Eleganz in Entwicklung und Ausführung sehr gut auch nach Barcelona, Manchester oder Paris passte.

          Für den Torschützen war es das „Tüpfli auf dem i“, dass er seinen ersten Bundesligatreffer nach solch einer herrlichen Kombination und gegen einen Gegner der Güteklasse Bayern erzielte. Djibril Sow kann sein Schweizer Idiom nicht verbergen und schon gar nicht, wenn er glücklich ist. Der Sohn einer Schweizerin und eines Senegalesen erblickte vor 23 Jahren in Zürich das Licht der Welt.

          Der Mittelfeldspieler zählt das 5:1 über den Rekordmeister zu den besten Siegen seiner Laufbahn. „Er ist sicher unter den Top drei. Den Sieg in der Champions League mit Young Boys Bern gegen Juventus würde ich noch dazuzählen und das Spiel gegen Luzern, als wir Meister wurden. Auch wenn ich in jener Partie leider nicht mitspielen konnte.”

          In Bern hatte ihn Trainer Adi Hütter zum Juniorchef im Mittelfeld gemacht. Überzeugt von dessen Begabung, übertrug ihm der Österreicher reichlich Verantwortung, obwohl Sow erst 20 Jahre alt war. Sie wurden gemeinsam Meister mit Young Boys, und als Hütter im Sommer 2018 Bern Richtung Frankfurt verließ, bestand bei beiden der Wunsch, dass eines Tages Fußballlehrer und Lieblingsschüler wieder zusammenfinden würden. Schon ein Jahr später war es so weit. Hütter hatte bei der Eintracht eingeschlagen, Sow sich in Bern gut weiterentwickelt und die zweite Meisterschaft errungen. Die Eintracht verpflichtete dem Erfolgstrainer seinen Wunschspieler für gut neun Millionen Euro, was ihn zum Rekordeinkauf des hessischen Traditionsklubs macht. Auch für Hinteregger und Trapp zahlte die Eintracht eine ähnliche Ablöse, aber wenn Sow so weitermacht in Frankfurt, werden Zusatzzahlungen an Bern fällig, was bei den älteren Kollegen mit deren Klubs nicht ausgemacht worden ist.

          Der Mittelfeldspieler ist gerade dabei, in Frankfurt durchzustarten, nachdem sein Start ziemlich holprig verlaufen war. In der Vorbereitung stoppte ihn eine Sehnenverletzung im Oberschenkel. Und als er wieder fit war und in die Mannschaft kam, musste sich Sow erst an die Bundesliga gewöhnen. Er bescherte seinen Kollegen und seinem Trainer durch haarsträubende Abspielfehler mehrere aufregende Momente, hatte aber das Glück, dass die Gegenspieler seine Steilvorlagen nicht zu Toren verwerteten.

          Sow deutete schon in seinen ersten, verbesserungswürdigen Einsätzen seine umfassenden Fähigkeiten an. Lauf- und Zweikampfstärke, Schnelligkeit, gepflegte Ballbehandlung und ein gutes Gefühl für den Raum. Aber die ungewohnte Hektik auf dem Spielfeld raubte ihm manchmal den Überblick und verleitete ihn zu eklatanten Fehleinschätzungen. Das hat sich mittlerweile gegeben. Trainer Hütter gab ihm die Gelegenheit, sich anzupassen, und Sow wurde von Spiel zu Spiel besser. Gegen die Bayern zeigte er seine bisher auffälligste Leistung im Eintracht-Trikot, aber auch in dieser Begegnung trat Sow nicht so dominant auf wie bei Young Boys Bern. In Frankfurt ist er mehr der Läufer, der die Lücken schließt und den Gegner stört. So eine Art Gelson Fernandes de luxe und in Jung. Aber im Spiel nach vorn beschränkt sich der Schweizer noch auf Sicherheitspässe. In Bern zeigte er auch Spielmacher-Qualitäten.

          „Es ist noch Luft nach oben bei mir“, sagt Sow, der die Gabe einer realistischen Selbsteinschätzung besitzt. Der Schweizer wirkt für sein Alter sehr reif und sehr klar im Kopf. Und so scheint es nur eine Frage der Zeit, bis er in der Lage sein wird, im Eintracht-Mittelfeld das Zepter mitzuschwingen und nicht nur wie gegen die Bayern mit seiner Lauffreude (und seinem Tor) zu glänzen. 12,75 Kilometer legte Sow zurück, mehr als jeder andere an diesem Nachmittag in der WM-Arena. „Es war ein hartes Spiel, am Ball sind die Bayern schon unglaublich gut. Ich musste richtig lange Wege gehen. Aber gegen die Bayern habe ich auch nichts anderes erwartet.” Sow setzt sich mit dem Fußball ernsthaft auseinander, analysiert das Spiel und seine Leistung, auf der Suche nach Verbesserung. Schon als Kind wollte er sich am liebsten mit nichts anderem als Fußball beschäftigen. Nach seinem Berufswunsch befragt, sagte Djibril damals: „Ich will bezahlter Fußball-Fan werden.“

          Weitere Themen

          Aus der Spur

          FAZ Plus Artikel: Eintracht Frankfurt : Aus der Spur

          Die Frankfurter Eintracht hat nur eines ihrer letzten sieben Pflichtspiele gewonnen. Das hat Gründe. Vor dem Spiel gegen Schalke deutet wenig auf eine Wende.

          Eintracht Frankfurt und der Glücksfall Arsenal

          Europa League : Eintracht Frankfurt und der Glücksfall Arsenal

          In einer dramatischen Schlussphase wird die Eintracht beinahe zum großen Verlierer im Fernduell mit Standard Lüttich. Doch unverhoffte Hilfe verhindert das Aus in der Europa League. Nun geht der Blick zur Auslosung, bei der große Namen warten.

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.