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Berlin : Stadt ohne Hertha-Gefühl

In Berlin bewegt die Hertha kaum, beim Spiel in Hannover gab es allerdings einen Hoffnungsschimmer Bild: ddp

Fußball vereint die Emotionen - nur nicht in der Hauptstadt. Hertha-Anhänger zu sein ist so ziemlich das Uncoolste, was man in Berlin sein kann. Den Abstieg fürchten aber auch Politiker und Manager anderer Sportarten.

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          Am vergangenen Montag kreiste ein Hubschrauber mit schräg gestellten Rotorblättern über dem Olympiastadion. Der Schnee hatte sich bedenklich auf dem Glasdach getürmt. Es drohte unter weiteren Lasten einzustürzen. Aber nach zwei Stunden hatten die Rotoren den Ballast des Winters weggefegt. Mit derselben Technik trocknen die Hubschrauber im Frühjahr die Kirschen im Tiefflug an den Bäumen, um das Platzen der Früchte zu verhindern. Saubere Arbeit, für nur 2500 Euro. Die Arbeit auf dem Stadiondach hätten auch angeseilte Helfer erledigen können. Der Hubschraubereinsatz war weniger gefährlich. Vor allem aber war er billiger. Das ist wichtig in Berlin.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Winter ist ein Thema in der Stadt. Es lagen dreißig Zentimeter Schnee, so viel wie seit dreißig Jahren nicht mehr. Am Straßenrand türmten sich weiße Berge, und wer sein Auto ein paar Tage nicht bewegte, kam kaum mehr rüber. Der Winter machte auch der S-Bahn zu schaffen, dem Symbol des Stillstands in einer Stadt, die Stillstand nicht kennen will. Erst versagten die Räder, dann die Bremsen. Seitdem ist die S-Bahn ein Politikum.

          Ein paar Manager mussten gehen. Aber es rumpelte weiter, und jetzt verliert sie auch noch gegen den Winter. Betreiber und Sündenbock ist die Deutsche Bahn, die seit Jahren als Hauptsponsor auch noch eine andere schlecht gewartete Berliner Institution finanziert: Hertha BSC, die schwächste Mannschaft der Fußball-Bundesliga, Abstiegskandidat Nummer eins.

          Nach dem 3:0-Auswärtssieg ist ein wenig Hoffnung im Abstiegskampf zurückgekehrt

          „Nicht zulassen, dass Hertha BSC fast unbemerkt absteigt“

          Was dem Winter spielend und der S-Bahn nervend gelingt, daran scheitert die Hertha selbst in ihrer größten Not: die Stadt zu bewegen. Nicht einmal nach über hundert Jahren und einem Sommer, der das Olympiastadion füllte und Berlin für ein paar Wochen von der deutschen Meisterschaft träumen ließ. „Wir bleiben ein Spiegel der Stadt. Hertha ist nicht besser und nicht schlechter“, sagt Bernd Schiphorst, der Aufsichtsratsvorsitzende von Hertha BSC. Und zu einem Politikum wird der drohende Verlust des Bundesligastandorts in der Hauptstadt auch nach einem beispiellosen Absturz nicht. Er taugte vor dem erfolgreichen Rückrundenauftakt in Hannover am Samstag nur für ein paar Boulevard-Schlagzeilen.

          Frank Steffel ist Bundestagsabgeordneter der CDU. Er hat einmal die Bürgermeister-Wahl gegen Klaus Wowereit verloren und ist Präsident des Handball-Bundesligaklubs Reinickendorfer Füchse. Vor Weihnachten hat er einen Brief an Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und an ein paar Leute in der Stadt geschrieben, der nun öffentlich wurde. In einem groben Konzept kommt er auf 21,6 Millionen Euro, die der Hertha im Abstiegskampf zufließen könnten.

          Ein Rettungsplan soll das sein. Aber dafür ist zu viel Populismus drin. Manager Michael Preetz soll für einen Euro im Monat arbeiten, die Betreiber des Olympiastadions sollen auf ihre Einnahmen verzichten, und die Berliner sollen eine Million SMS für Hertha schreiben. Aber für eine Sache hat der CDU-Politiker ein feines Gespür: „Wir dürfen es im Interesse Berlins nicht zulassen, dass Hertha BSC fast unbemerkt absteigt.“ An diesem Dienstag treffen sich nun der Politiker und die Hertha-Führung.

          „Berlin ist nie eine Fußball-Hochburg gewesen“

          In anderen Städten macht die Stadtgesellschaft im Fußball-Notfall mobil. Dann appellieren und mobilisieren die ehemaligen Stars die Öffentlichkeit, die kollektive Erinnerung wird geweckt, und man erinnert und vergewissert sich seines „Wir“-Gefühls. In Hamburg trägt zu solchen Zeiten eine Ikone wie Uwe Seeler dieses Gefühl, in Köln Wolfgang Overath, in Frankfurt Bernd Hölzenbein. In Dortmund und Schalke muss man über Fußball und die Region gar nicht reden und in München auch nicht.

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