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Labbadia in Bedrängnis : Bei Hertha ist sich jeder selbst der Nächste

  • -Aktualisiert am

Wird von seiner Mannschaft derzeit im Stich gelassen: Hertha-Trainer Bruno Labaddia Bild: EPA

Gegen Hoffenheim stehen bei Hertha BSC elf Solisten auf dem Platz. Diese bringen ihren Trainer Labbadia in die Bredouille – und mit ihm Manager Preetz. Ein Nachfolger wird bereits gehandelt. Für beide.

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          Vor einem Dreivierteljahr, als Bruno Labbadia Trainer bei Hertha BSC wurde, war er mit einem Vorsatz nach Berlin gekommen, den nur einer haben kann, der wie er viel erlebt hat in diesem Geschäft. Nach all den Höhen und Tiefen, all den Anstrengungen und Unannehmlichkeiten, die der Beruf mit sich bringt, wolle er sich den Spaß am Fußball nicht mehr nehmen lassen, sagte Labbadia. Und schon damals fragte sich so mancher Zuhörer, ob sein neuer Arbeitgeber dafür die richtige Wahl sei.

          Bundesliga

          Gilt die Hertha doch als mindestens leicht aufgeregter Verein, bei dem die handelnden Akteure spätestens seit dem Einstieg des Investors Lars Windhorst unter einem Brennglas arbeiten. Wie hoch der Spaßfaktor bei Labbadia nach dem 0:3 am Dienstagabend gegen die TSG Hoffenheim noch ist, kann nur vermutet werden. Labbadia versuchte sich im Anschluss möglichst aufgeräumt zu geben, der Frust aber war dann doch sichtbar nach „einem Spiel, das wir normalerweise nicht verlieren dürfen“, wie Labbadia sagte.

          Wenn eine komplette Hinrunde in 90 Minuten gepackt werden müsste, das Spiel gegen Hoffenheim würde sich dafür anbieten. Hertha begann dominant, verlor aber nach einem verschossenen Elfmeter von Krzystof Piatek zuerst die Orientierung und dann das Spiel. „Wir haben sehr unterschiedliche Leistungen in der Hinrunde gebracht“, sagte Labbadia dazu. Das mag grundsätzlich stimmen, doch waren die guten Auftritte wie gegen Wolfsburg (1:1) Augsburg (3:0) oder Union Berlin (3:1) deutlich in der Unterzahl.

          Nur viermal gewann Hertha seit September. So beendeten die Berliner die Hinrunde mit nur 17 Punkten auf Platz 14 – weit hinter den eigenen Ambitionen zurück. Eigentlich wollte man mit der teuren Mannschaft, in die allein in den vergangenen zwölf Monaten über 100 Millionen Euro geflossen waren, um die Teilnahme am Europapokal mitspielen. Doch schon wie in der Vorsaison lautet die Realität Abstiegskampf. Was automatisch zu der Frage nach den Verantwortlichkeiten führt.

          Auch Preetz ist umstritten

          In den Berliner Medien wurden am Mittwoch bereits Namen möglicher Nachfolger Labbadias diskutiert. Ganz oben auf der Liste: Ralf Rangnick. Der ehemalige Chefarchitekt des Red-Bull-Fußballimperiums ist seit vergangenem Sommer ohne Anstellung und wäre nach ausgiebiger Erholung bereit für eine neue Aufgabe. Zuletzt scheiterte ein Engagement beim AC Mailand trotz fortgeschrittener Verhandlungen. In Mailand forderte Rangnick wie schon auf einigen seiner vorherigen Stationen die vollständige Kontrolle über alle sportlichen Belange, das dürfte auch in Berlin nicht anders sein.

          Wenn er denn überhaupt bei der Hertha anheuern möchte. In der Vergangenheit war ein Engagement zwischen beiden Seiten mehrfach gescheitert. Aus Rangnicks näherem Umfeld heißt es, ihn reize vor allem ein Posten, ob als Trainer oder Sportdirektor, wo er sofort um Titel mitspielen könnte. Das trifft auf Hertha aktuell nicht zu. Dort ist Manager Michael Preetz, der Sportliche Leiter, höchst umstritten. Allein in der abgelaufenen Saison heuerte er vier verschiedene Cheftrainer an. Die meisten seiner jüngeren Transfers floppten.

          Was bei der Hertha fehlt, ist eine Achse an Führungsspielern.
          Was bei der Hertha fehlt, ist eine Achse an Führungsspielern. : Bild: dpa

          Wie wenig derzeit bei Hertha BSC zusammengeht, wurde gegen Hoffenheim mehr als deutlich. Elf Solisten versuchten in erster Linie, sich selbst der Nächste zu sein, jeder spielte für sich, von einer funktionierenden Spielidee ist Hertha derzeit weit entfernt.Labbadia deutete nach dem Spiel an, dass der Teamgedanke und das Eintreten für ein gemeinsames Ziel durchaus energischer verfolgt werden könnten. Nach dem 0:1 durch Sebastian Rudy wäre eine „deutliche Ansprache“ nötig gewesen, so der Trainer, „weil eine unzufriedene Art reingekommen ist über die vergebenen Chancen und wir dann nicht den Fokus darauf hatten, dass wir das Spiel noch drehen können“.

          Finale gegen Bremen

          Labbadia hatte im Laufe der Hinrunde immer wieder darauf hingewiesen, dass ihm eine sogenannte Achse, bestehend aus Spielern, die in schwierigen Momenten vorangehen, fehlt. Im vergangenen Jahr hatte sich der Verein von langjährigen Führungskräften wie Per Skjelbred, Salomon Kalou und Vedad Ibisevic getrennt. Auch dass ihm aufgrund des engen Terminkalenders kaum Zeit blieb, die neuen Spieler zu integrieren, monierte der Trainer. Kritiker entgegnen, Labbadia habe anders als viele seiner Kollegen ein vergleichsweise moderates Pensum zu erfüllen gehabt.

          Keine internationalen Spiele, keine Doppelbelastung im DFB-Pokal nach dem frühen Aus gegen den Zweitligaklub Eintracht Braunschweig. Viel mehr Zeit, Hertha nach oben zu führen, bleibt Labbadia nicht. Das kommende Spiel gegen Werder Bremen gilt als richtungweisend. Eine weitere Niederlage dürfte ihm nicht nur den Spaß am Fußball weiter verderben, sondern ihn auch aus dem Amt befördern.

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