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Fußball-Talentreport (6) : Großes Bussi vom lieben Gott

Talente, die andere auch gerne hätten: Die B-Junioren bei einem Spiel in der Bundesliga Süd/Südwest Bild: Imago

Beim FC Bayern führt der Weg von der Nachwuchsabteilung zu den Profis durch ein Nadelöhr. Ein, zwei Ausnahmekönner pro Jahr sind das Ziel – und für den Schuldirektor ein echtes Dilemma.

          Kurz nach zehn, im Hinterhaus der Säbener Straße geht es zu wie im Taubenschlag. Wolfgang Dremmler ist seit knapp zwei Stunden da und wird noch weitere zehn da sein. Auf 180 ist er jetzt schon. Im Normalzustand strahlt er die Ruhe des Niedersachsen aus. Aber dieses Thema, es bringt ihn auf Touren, noch bevor das Gespräch richtig begonnen hat: dass der FC Bayern nun in der Nachwuchsarbeit „richtig Vollgas“ geben wolle. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef, sagte das im Oktober. Dremmler, sein früherer Mitspieler, fragt nun: „Was soll das sein, Vollgas?“ Er meint: wenn nicht das, was sie hier ohnehin schon geben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Nachwuchsabteilung des FC Bayern hat in der öffentlichen Wahrnehmung Nachholbedarf. Oft heißt es, sie entspreche nicht ganz dem Maßstab, den der Weltklub an sich anlegt: überall der Beste zu sein. Bernhard Peters, Sportdirektor des Hamburger SV, sprach in dieser Zeitung von „der einzigen Baustelle, die sie noch haben“. Dremmler macht sprachlos, dass ein Kollege derart über andere urteilt.

          „Ich fühle mich als einsamer Kämpfer gegen den falschen Ruf unserer Nachwuchsabteilung in der Öffentlichkeit. Das schmerzt manchmal. Warum wird der FC Bayern so negativ, so destruktiv dargestellt?“ Dremmler, als Spieler WM-Zweiter 1982, war 17 Jahre lang Chefscout der Bayern. Als 2012 Jörg Butt absagte, sprang er ein für den Job als Nachwuchsleiter, in dem er halb verständnisvoller Schuldirektor, halb knallharter Chef der Entwicklungsabteilung eines Weltunternehmens sein muss - ganz der Typ, der er als Spieler auch war, einer, der im Hintergrund bleibt, Probleme löst, Löcher stopft. Ein Macher, kein Verkäufer.

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          Doch nun, wegen der „vielen Halbwahrheiten“, geht er in die Offensive. „Das sind die Fakten“, sagt er und legt ein Blatt auf den Tisch. Die DIN-A4-Bilanz von „20 Jahren Junior Team“. Neun Champions-League-Sieger. Fünf Weltmeister. Und fast hundert Spieler, „die wir in den letzten zwanzig Jahren in den Profibereich gebracht haben, mit einem geschätzten Marktwert von 375 Millionen Euro“. Die Jugendarbeit jedes Profiklubs führt in einen Flaschenhals. Von Hunderten Jungs mit Talent und dem Traum, ein Star zu sein, sollen am Ende in jedem Jahrgang ein bis zwei den Sprung in den Profikader schaffen. Und das ist schon die Wunschvorstellung. Denn beim FC Bayern ist der Flaschenhals eher ein Nadelöhr – zwischen einem Jugendteam und der Weltspitze des Fußballs.

          Unübersehbare Superspieler

          Wer sich da mit 18 oder 19 durchzwängt, muss ein Ausnahmekönner sein – einer, wie man ihn nicht entwickeln, nur entdecken kann. Das führt zu Dremmlers Dilemma: Von außen betrachtet, kann er es nie richtig machen. Entweder schafft jahrelang keiner wirklich den Durchbruch, wie er zuletzt David Alaba 2011/12 gelang. Dann gibt es Kritik. Oder doch, wie etwa Thomas Müller und Holger Badstuber 2009/10. Dann heißt es: Solche Superspieler kann man ja gar nicht übersehen.

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          In den guten alten Tagen kamen die Superspieler zu Fuß zum FC Bayern, wie Franz Beckenbauer, um die Ecke in Giesing geboren, wie „Katsche“ Schwarzenbeck, der zweihundert Meter vom Vereinsgelände zur Volksschule ging, oder mit dem Moped wie Sepp Maier aus dem Ortsteil Haar. Bis heute hält die Tradition, dass die ganz großen Mannschaften von Spielern aus der Umgebung geprägt waren. Die Beckenbauer- und Maier-Bayern der Siebziger. Die Lahm-, Schweinsteiger- und Müller-Bayern der Gegenwart. Heimische Stars auszubilden ist gut angelegtes Geld. Aber mindestens ebenso wichtig für die Identifikation.

          Das wird nicht einfacher. „Noch vor zwanzig Jahren fanden wir mehr als die Hälfte unserer Jugendspieler in München und Umgebung“, sagt Dremmler. „Die demographische Entwicklung, gerade in den großen Städten, ist schlecht für uns. Du findest heute deine Spieler nicht mehr wie früher rund um die Säbener Straße.“ Die Bayern suchen heute überall, und sie müssen nicht immer die Ersten sein. Sie haben die Möglichkeiten, Talente zu kriegen, die andere auch gern hätten, wie Kroos oder Alaba. Nun bezahlen sie über sieben Millionen Euro für den 19-jährigen Joshua Kimmich. Auch um Europas Wunderkind, den 16-jährigen Norweger Martin Ödegaard, warben sie, wollten aber nicht zahlen, was Real Madrid bot.

          Flexbilität – auch beim Nachwuchs

          „Wenn du als Fußballer auf die Welt kommst, küsst dich der liebe Gott. Dem einen gibt er ein kleines Bussi, dem anderen ein größeres“, sagt Dremmler. Beim FC Bayern geht es immer darum, die mit dem größten Bussi zu finden. „Dazu braucht man Glücksmomente.“ Dremmler hat zum Beispiel „nicht erkannt, was in Thomas Müller steckt“. Jugendtrainer Björn Andersson erkannte es, so blieb Müller – anders als Mats Hummels, den man nach Dortmund ziehen ließ. „Alle großen Klubs haben heute eine gute Jugendarbeit“, sagt Dremmler.

          „Aber jeder braucht auch mal eine glückliche Phase.“ Einer unverwechselbaren „Philosophie“ in der Nachwuchsarbeit wie etwa in Barcelona folgt man nicht. Von einheitlichen Spielsystemen, wie sie Barça, Ajax Amsterdam und inzwischen auch RB Salzburg pflegen, sind die Bayern abgekommen. „Noch vor vier Jahren spielten wir in allen Jugendteams mit einer Mittelfeldraute“, sagt Dremmler. „Heute nutzen wir alle Grundsysteme, 4-2-3-1, 4-1-4-1, 3-5-2.“

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          Das aktuelle Profiteam spielt wechselnde Systeme. Das erfordert Flexibilität auch beim Nachwuchs. Wenn Pep Guardiola anrufe und ein paar Talente rüberschicken lasse, um seine Trainingsgruppe aufzufüllen, weil die Nationalspieler auf Reisen seien, „dann haben wir kein Problem, ihm Spieler zu schicken, die das nötige Niveau haben“, sagt Dremmler. Seit Guardiola kam, lege man „noch mehr Wert auf technische Ausbildung, vermehrten Ballbesitz und Passgenauigkeit“.

          Wichtig ist dem Pragmatiker, egal in welchem System, „dass alle hellwach sind und in der Lage, Spielsituationen vorauszuahnen“. Hier ist Dremmler in seinem Element - beim Fachsimpeln etwa darüber, wie die Außenverteidiger zurückspurten, um ihrem Torwart nach einem Rückpass Anspielmöglichkeiten zu geben. Oder in welchem Körperwinkel die Innenverteidiger sich vom Torwart wegbewegen sollen – seitlich laufend, mit ständigem Blickkontakt, um Anspielbarkeit zu signalisieren. Dremmler springt auf und macht vor, wie es nicht sein soll – und wie ein bestimmter Bayern-Profi, so erzählt er lächelnd, es trotzdem tue. „Diese Details, die Abstände, die Bewegungen, all das schon in der U 13 zu sehen, daran kann ich mich ergötzen.“

          Spieler Dremmler: 1984 Pokalsieger mit den Bayern

          Öfter als die Bayern selbst profitieren von dieser Ausbildung andere Klubs. Wer hier durchkommt bis ins Erwachsenenalter, nicht vorher ausgesiebt wird, hat auch gute Karrierechancen, wenn es nicht zum Bayern-Profi reicht. Emre Can etwa: Stammspieler in Liverpool. Roberto Soriano: italienischer Nationalspieler bei Sampdoria Genua. Nicola Sansone, ein weiterer Deutsch-Italiener: Stammkraft beim Serie-A-Überraschungsteam US Sassuolo. Sansone, an dem Interesse aus der Bundesliga bestehen soll, nennt die Ausbildung der Bayern „die beste, die man in Deutschland bekommen kann“.

          Elf Mannschaften, zweieinhalb Plätze

          Es ist bald Mittag inzwischen, Dremmler schaut durchs Fenster auf die Halbstarken, die in der Märzsonne über den Rasen flitzen, hundert Meter weg von Guardiolas Stars beim Morgentraining. Niemand weiß, ob wieder ein Müller darunter ist. Und ob man das rechtzeitig erkennt. Noch ist Platz auf dem Platz, die meisten Jungen haben noch Unterricht. Nach Schulschluss am Nachmittag wird es voll sein: elf Mannschaften, nur zweieinhalb Plätze.

          Es ist seit Jahren das Hauptproblem, auch wenn Dremmler ihm etwas Positives abzugewinnen versucht: „Unsere Jugendspieler kommen sehr gut auf engem Raum zurecht.“ Nicht mehr lang. Dremmler zeigt auf die verglaste Panorama-Fotografie über seiner Sitzecke. Die Allianz Arena bei Nacht, rot erleuchtet, im Hintergrund Schwärze. „Da, wo es dunkel ist“, sagt er, „werden bald wir sein.“ Fernab der Enge der Säbener Straße ist bis 2017 das neue Nachwuchsleistungszentrum für rund 35 Millionen Euro geplant: „Mit acht Plätzen und einer Fußballhalle für den Winter. Ein Quantensprung.“ Er soll den Bayern künftig auch im Kampf um internationale Toptalente auf die Sprünge helfen.

          „Uli tut uns einen großen Gefallen“

          Bei der Fertigstellung allerdings, sagt der Sechzigjährige, „werde ich zu alt sein“. Es deutet sich danach ein Wandel in der Jugendarbeit an, mit möglicher Vereinheitlichung des Spielsystems, der Verankerung einer wiedererkennbaren Spielweise, wie sie nicht nur einige der Trainer bereits befürworten sollen. Im Hintergrund hat der Verein schon an Schrauben gedreht, hat mit Männern wie Sportvorstand Matthias Sammer, der sich mehr als bisher um die Jugend kümmern will, und dem Technischen Direktor Michael Reschke auch Nachwuchs-Expertise von außen in den Klub geholt. Und dann ist da natürlich Uli Hoeneß.

          Uli Hoeneß bei einem Jugendspiel in Mainz Anfang März

          „Das Ergebnis seiner Arbeit bei uns wird nach außen nicht erkennbar sein“, sagt Dremmler über den Mann, der derzeit offiziell als sein „Assistent“ geführt wird. „Aber er verschafft uns im Moment Aufmerksamkeit, das ist gut.“ Früher habe Hoeneß nie Zeit gefunden für den Nachwuchs. Jetzt, als Freigänger, hat er sie. Anfang März besuchte er erstmals seit seiner Inhaftierung ein Fußballspiel: U-19-Bundesliga, FSV Mainz gegen FC Bayern. „Uli Hoeneß tut uns einen großen Gefallen. Er ist ungeduldig, stellt viele Fragen“, sagt Dremmler. „Er ist immer noch ein großer Querdenker.“

          Kürzlich wollte Hoeneß Bescheid wissen über die Talentsituation. Dremmler berichtete von einigen guten Jahrgängen, von Nationalspielern. Und dann habe Hoeneß die Frage gestellt, „die er immer stellt, die er früher schon, wenn man ihm als Scout einen Spieler vorschlug, immer als letzte gestellt hat: Sind das Spieler für den FC Bayern?“ Es ist die Frage, die Dremmlers Job und den seiner Nachfolger zum schwierigsten macht, den es gibt in der Nachwuchsarbeit. Den Job, nicht sehr gute Spieler zu entwickeln. Sondern Bayern-Spieler.

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