https://www.faz.net/-gtm-80o87

Fußball-Talentreport (6) : Großes Bussi vom lieben Gott

Talente, die andere auch gerne hätten: Die B-Junioren bei einem Spiel in der Bundesliga Süd/Südwest Bild: Imago

Beim FC Bayern führt der Weg von der Nachwuchsabteilung zu den Profis durch ein Nadelöhr. Ein, zwei Ausnahmekönner pro Jahr sind das Ziel – und für den Schuldirektor ein echtes Dilemma.

          Kurz nach zehn, im Hinterhaus der Säbener Straße geht es zu wie im Taubenschlag. Wolfgang Dremmler ist seit knapp zwei Stunden da und wird noch weitere zehn da sein. Auf 180 ist er jetzt schon. Im Normalzustand strahlt er die Ruhe des Niedersachsen aus. Aber dieses Thema, es bringt ihn auf Touren, noch bevor das Gespräch richtig begonnen hat: dass der FC Bayern nun in der Nachwuchsarbeit „richtig Vollgas“ geben wolle. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef, sagte das im Oktober. Dremmler, sein früherer Mitspieler, fragt nun: „Was soll das sein, Vollgas?“ Er meint: wenn nicht das, was sie hier ohnehin schon geben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Nachwuchsabteilung des FC Bayern hat in der öffentlichen Wahrnehmung Nachholbedarf. Oft heißt es, sie entspreche nicht ganz dem Maßstab, den der Weltklub an sich anlegt: überall der Beste zu sein. Bernhard Peters, Sportdirektor des Hamburger SV, sprach in dieser Zeitung von „der einzigen Baustelle, die sie noch haben“. Dremmler macht sprachlos, dass ein Kollege derart über andere urteilt.

          „Ich fühle mich als einsamer Kämpfer gegen den falschen Ruf unserer Nachwuchsabteilung in der Öffentlichkeit. Das schmerzt manchmal. Warum wird der FC Bayern so negativ, so destruktiv dargestellt?“ Dremmler, als Spieler WM-Zweiter 1982, war 17 Jahre lang Chefscout der Bayern. Als 2012 Jörg Butt absagte, sprang er ein für den Job als Nachwuchsleiter, in dem er halb verständnisvoller Schuldirektor, halb knallharter Chef der Entwicklungsabteilung eines Weltunternehmens sein muss - ganz der Typ, der er als Spieler auch war, einer, der im Hintergrund bleibt, Probleme löst, Löcher stopft. Ein Macher, kein Verkäufer.

          Bayerns Zukunft? Mehmet Scholls Sohn Lucas

          Doch nun, wegen der „vielen Halbwahrheiten“, geht er in die Offensive. „Das sind die Fakten“, sagt er und legt ein Blatt auf den Tisch. Die DIN-A4-Bilanz von „20 Jahren Junior Team“. Neun Champions-League-Sieger. Fünf Weltmeister. Und fast hundert Spieler, „die wir in den letzten zwanzig Jahren in den Profibereich gebracht haben, mit einem geschätzten Marktwert von 375 Millionen Euro“. Die Jugendarbeit jedes Profiklubs führt in einen Flaschenhals. Von Hunderten Jungs mit Talent und dem Traum, ein Star zu sein, sollen am Ende in jedem Jahrgang ein bis zwei den Sprung in den Profikader schaffen. Und das ist schon die Wunschvorstellung. Denn beim FC Bayern ist der Flaschenhals eher ein Nadelöhr – zwischen einem Jugendteam und der Weltspitze des Fußballs.

          Unübersehbare Superspieler

          Wer sich da mit 18 oder 19 durchzwängt, muss ein Ausnahmekönner sein – einer, wie man ihn nicht entwickeln, nur entdecken kann. Das führt zu Dremmlers Dilemma: Von außen betrachtet, kann er es nie richtig machen. Entweder schafft jahrelang keiner wirklich den Durchbruch, wie er zuletzt David Alaba 2011/12 gelang. Dann gibt es Kritik. Oder doch, wie etwa Thomas Müller und Holger Badstuber 2009/10. Dann heißt es: Solche Superspieler kann man ja gar nicht übersehen.

          Jugendinternat auf dem Trainingsgelände – das neue Leistungszentrum soll 2017 fertig sein

          In den guten alten Tagen kamen die Superspieler zu Fuß zum FC Bayern, wie Franz Beckenbauer, um die Ecke in Giesing geboren, wie „Katsche“ Schwarzenbeck, der zweihundert Meter vom Vereinsgelände zur Volksschule ging, oder mit dem Moped wie Sepp Maier aus dem Ortsteil Haar. Bis heute hält die Tradition, dass die ganz großen Mannschaften von Spielern aus der Umgebung geprägt waren. Die Beckenbauer- und Maier-Bayern der Siebziger. Die Lahm-, Schweinsteiger- und Müller-Bayern der Gegenwart. Heimische Stars auszubilden ist gut angelegtes Geld. Aber mindestens ebenso wichtig für die Identifikation.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Feierliches Rekrutengelöbnis und Gedenken an den Widerstand gegen das NS-Regime

          Wegen Sicherheitsbedenken : Bundeswehr weist extremistische Bewerber ab

          Seit den rechtsextremistischen Vorfällen 2017 innerhalb der Truppe durchleuchtet der Militärische Abschirmdienst jeden potentiellen Neusoldat. 63 Bewerber sind seither abgelehnt worden, darunter Neonazis, Islamisten und andere „Gewaltbereite“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.