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Fußball-Talentreport (6) : Großes Bussi vom lieben Gott

Das wird nicht einfacher. „Noch vor zwanzig Jahren fanden wir mehr als die Hälfte unserer Jugendspieler in München und Umgebung“, sagt Dremmler. „Die demographische Entwicklung, gerade in den großen Städten, ist schlecht für uns. Du findest heute deine Spieler nicht mehr wie früher rund um die Säbener Straße.“ Die Bayern suchen heute überall, und sie müssen nicht immer die Ersten sein. Sie haben die Möglichkeiten, Talente zu kriegen, die andere auch gern hätten, wie Kroos oder Alaba. Nun bezahlen sie über sieben Millionen Euro für den 19-jährigen Joshua Kimmich. Auch um Europas Wunderkind, den 16-jährigen Norweger Martin Ödegaard, warben sie, wollten aber nicht zahlen, was Real Madrid bot.

Flexbilität – auch beim Nachwuchs

„Wenn du als Fußballer auf die Welt kommst, küsst dich der liebe Gott. Dem einen gibt er ein kleines Bussi, dem anderen ein größeres“, sagt Dremmler. Beim FC Bayern geht es immer darum, die mit dem größten Bussi zu finden. „Dazu braucht man Glücksmomente.“ Dremmler hat zum Beispiel „nicht erkannt, was in Thomas Müller steckt“. Jugendtrainer Björn Andersson erkannte es, so blieb Müller – anders als Mats Hummels, den man nach Dortmund ziehen ließ. „Alle großen Klubs haben heute eine gute Jugendarbeit“, sagt Dremmler.

„Aber jeder braucht auch mal eine glückliche Phase.“ Einer unverwechselbaren „Philosophie“ in der Nachwuchsarbeit wie etwa in Barcelona folgt man nicht. Von einheitlichen Spielsystemen, wie sie Barça, Ajax Amsterdam und inzwischen auch RB Salzburg pflegen, sind die Bayern abgekommen. „Noch vor vier Jahren spielten wir in allen Jugendteams mit einer Mittelfeldraute“, sagt Dremmler. „Heute nutzen wir alle Grundsysteme, 4-2-3-1, 4-1-4-1, 3-5-2.“

Einer von wenigen: David Alaba 2010 bei Profi-Trainer Louis van Gaal

Das aktuelle Profiteam spielt wechselnde Systeme. Das erfordert Flexibilität auch beim Nachwuchs. Wenn Pep Guardiola anrufe und ein paar Talente rüberschicken lasse, um seine Trainingsgruppe aufzufüllen, weil die Nationalspieler auf Reisen seien, „dann haben wir kein Problem, ihm Spieler zu schicken, die das nötige Niveau haben“, sagt Dremmler. Seit Guardiola kam, lege man „noch mehr Wert auf technische Ausbildung, vermehrten Ballbesitz und Passgenauigkeit“.

Wichtig ist dem Pragmatiker, egal in welchem System, „dass alle hellwach sind und in der Lage, Spielsituationen vorauszuahnen“. Hier ist Dremmler in seinem Element - beim Fachsimpeln etwa darüber, wie die Außenverteidiger zurückspurten, um ihrem Torwart nach einem Rückpass Anspielmöglichkeiten zu geben. Oder in welchem Körperwinkel die Innenverteidiger sich vom Torwart wegbewegen sollen – seitlich laufend, mit ständigem Blickkontakt, um Anspielbarkeit zu signalisieren. Dremmler springt auf und macht vor, wie es nicht sein soll – und wie ein bestimmter Bayern-Profi, so erzählt er lächelnd, es trotzdem tue. „Diese Details, die Abstände, die Bewegungen, all das schon in der U 13 zu sehen, daran kann ich mich ergötzen.“

Spieler Dremmler: 1984 Pokalsieger mit den Bayern

Öfter als die Bayern selbst profitieren von dieser Ausbildung andere Klubs. Wer hier durchkommt bis ins Erwachsenenalter, nicht vorher ausgesiebt wird, hat auch gute Karrierechancen, wenn es nicht zum Bayern-Profi reicht. Emre Can etwa: Stammspieler in Liverpool. Roberto Soriano: italienischer Nationalspieler bei Sampdoria Genua. Nicola Sansone, ein weiterer Deutsch-Italiener: Stammkraft beim Serie-A-Überraschungsteam US Sassuolo. Sansone, an dem Interesse aus der Bundesliga bestehen soll, nennt die Ausbildung der Bayern „die beste, die man in Deutschland bekommen kann“.

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