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Bayern München : Zwei verscheuchte Gespenster

Ein Pokal der Wiedergutmachung: Die Bayern revanchieren sich für 2012 Bild: dpa

Bayern befreit sich mit dem Sieg im Elfmeterschießen vom Chelsea-Fluch, Guardiola vom Mourinho-Makel: Der an sich unbedeutende Titel im europäischen Supercup erhält Gewicht.

          Man konnte den großen Abend von Prag von zwei Seiten aus betrachten. Als Erstes war da natürlich, wie immer, wenn der Fußball sich als dramatische Kunst dargestellt hat, die emotionale Seite. Etwa die Art, wie Franck Ribéry nach seinem Treffer zum 1:1 kurz nach der Pause auf Pep Guardiola losjagte und ihm in die Arme sprang - „dieses Tor war für ihn“, sagte er später. Dann der Ausbruch der Erleichterung, als Javi Martíinez in der letzten Aktion des Spiels, vier Sekunden vor Ende der Nachspielzeit der Verlängerung, doch noch das 2:2 schoss. Und am Ende, nachdem Manuel Neuer den entscheidenden Elfmeter von Romelu Lukaku gehalten hatte, die vielen Umarmungen der Sieger auf dem Feld und ihre Gesänge mit den Fans bis weit nach Mitternacht.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          All das wirkte, als hätte der FC Bayern hier etwas ganz Großes geschafft. Obwohl er natürlich mit dem Gewinn des Supercups nur eine kleine, eher unbedeutende Zugabe zur Triple-Saison gegeben hat. Aber es war eben Chelsea und damit auch die Revanche für das verlorene „Finale dahoam“ 2012, es war wieder Elfmeterschießen, diesmal ein gewonnenes. Und es war so, dass das Team am Freitag auch die Wiederkehr eines Selbstvertrauens feierte, das man sich in einer neuen Spielzeit und unter einem Trainer stets neu erarbeiten muss: dass man zu den Gewinnern gehört.

          Das schlechte Gefühl von 2012 wurde verscheucht, das gute von 2013 wiederbelebt. „Ich bin total verliebt in den FC Bayern. Hier bin ich zu Hause, das ist meine Familie“, sagte Ribéry 24 Stunden nach seiner Ehrung als „Europas Fußballer“ der vergangenen Saison. „Für diesen Trainer ist es nicht einfach, er hat viel Druck. Dieses Spiel war so wichtig für ihn. Ich bin so glücklich für ihn.“ Mit etwas Abstand kommt die andere Seite hinzu, die rationale. Doch auch die kühle Betrachtung des Spiels, des Teams, des „Prozesses“, wie Matthias Sammer das nennt, kam zu einem positiven Ergebnis.

          Fußball wie Roulette

          Zwar wurde aus Prag nur ein zweitrangiger Pokal mitgenommen (immerhin als erstes deutsches Team), dafür etwas vielleicht Wichtigeres aus Sicht des Sportvorstandes der Bayern: „Der Titel ist für uns sehr wichtig, weil wir Erfolgserlebnisse brauchen. Wir haben das deutsche Supercup-Finale verloren. Das hat uns geärgert. Wenn wir heute wieder verloren hätten, wäre es schwierig geworden.“

          Rational betrachtet, war es eines jener Spiele, in denen der Fußball, um sich für einen Sieger zu entscheiden, am Ende Roulette spielt: Rot oder Blau? Um die Kugel auf Blau fallen zu lassen, hätte sie nach dem letzten Schlag der Bayern Richtung Strafraum nur anders abprallen müssen oder der Schiedsrichter vier Sekunden eher abpfeifen müssen - Sekunden, die Sammers Prozess um Wochen, ja Monate hätten zurückwerfen können. „Die Kritik, die es hätte geben können“, konnte er sich gut vorstellen. Es werde dann „viel geredet, oft auch falsch“. So aber galt der Zwischenstand: „Wir sind noch lange nicht über den Berg, aber wir sind dabei, ihn zu erklimmen“.

          Aus beidem, den Reaktionen der hemmungslos emotionalen Spieler und des dosiert rationalen Sportchefs, wurde jedoch gleichermaßen deutlich, dass Guardiola bei allen spielerischen Risiken und Nebenwirkungen, die seine taktische Neujustierung auch in Prag in der konteranfälligen Defensive und der manchmal ziellos zirkelnden Offensive begleiteten, einen entscheidenden Schritt schon geschafft hat: die Mannschaft bedingungslos hinter sich zu bringen. Zumindest dieser Teil des Barça-Modells scheint ihm mit seiner empathischen, charismatischen Art bereits auch in München gelungen zu sein. Für Außenstehende mag es mitunter seltsam klingen, wenn Guardiola selbst nach unterdurchschnittlichen Darbietungen wie beim 1:1 in Freiburg erklärt, er sei „sehr, sehr stolz“ auf seine Spieler - im inneren Zirkel, in der Mannschaft selbst, schafft diese unbedingte öffentliche Rückendeckung des Chefs eine Nähe zum Trainer, die in der Willensleistung und in der Siegesfreude von Prag sichtbar wurde.

          Prestigesieg auch für Guardiola

          Sammer pries, wie Guardiola in seinen leidenschaftlichen Ansprachen den Ton des Teams traf: „Er war vor dem Spiel und in der Halbzeit grandios.“ Guardiolas Worte vor dem Elfmeterschießen hätten dazu geführt, „dass die fünf Schützen sich von selber gefunden haben“ - anders als im Mai 2012, als gegen Chelsea nur zwei Feldspieler den Mumm hatten, sich freiwillig zu melden, und Torwart Neuer als dritter Schütze antreten musste. Diesmal musste Neuer nur halten. Er lobte die „überragend geschossenen Elfmeter“ seines Teams: „Das hätte ich gerne schon vor zwei Jahren im Champions-League-Finale so gesehen.“

          Das Chelsea-Gespenst des FC Bayern und sein persönliches Mourinho-Gespenst hat Guardiola fürs Erste verscheucht. Der alte Rivale José Mourinho war über die späte Niederlage nach zweimaligem Vorsprung durch Fernando Torres (8.) und Eden Hazard (93.) so erbost, dass er in bewährter Weise den Schiedsrichter wegen der Hinausstellung von Ramires (85.) zum Schuldigen erklärte und sein Team „mit zehn Mann das bessere“ fand. „Sie waren schon mit elf schlechter“, konterte Toni Kroos.

          Guardiola wirkte dagegen wie befreit. Er umarmte nach dem Ende jeden, der in der Nähe war, und vergaß nicht, sich beim Vorgänger Jupp Heynckes zu bedanken: „Er war die wichtigste Person, der Grund, warum wir hier waren.“ Bei all der generösen Hochstimmung und zartfühlenden Lobhudelei musste aber dann doch einer vorsichtig mahnen, dass man die Holprigkeiten des Weges in der Bundesliga nicht vergessen möge. „Zwei verschenkte Punkte“, erinnerte Sammer am Ende des emotionalen Abends von Prag mal ganz rational an Freiburg: „Das reicht auch erst einmal.“

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