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Bayern München : Werkeln an einem „echten van Gaal“

  • -Aktualisiert am

Kreiert er ein holländisches Meisterwerk? Bayern-Coach Louis van Gaal Bild: AFP

Entsteht das Gesamtkunstwerk eines holländischen Meisters? Louis van Gaal gibt in München bereits vor seinem Amtsantritt die Richtung vor. Stück für Stück entsteht sein Wunschteam - das manches Opfer unter arrivierten Kräften fordert.

          3 Min.

          Louis van Gaal zeigt sich derzeit hochmotiviert und einsatzfreudig. Vor einigen Tagen sprach er in Den Haag vor 400 Managern aus den Niederlanden und erzählte ihnen etwas über seine Trainer-Philosophie. Es gehe ihm um den „ganzen Menschen“, weshalb er sich für seine Arbeit viel mit dem Geist der Spieler beschäftige. Das gilt wohl ganz besonders für seinen neuen Job beim Fußball-Rekordmeister FC Bayern München, für den sich van Gaal vor seinem offiziellen Dienstantritt am 1. Juli schon mächtig ins Zeug legt. Er lese gerade ein deutsches Buch über das „ganzheitliche Prinzip“ und lerne jeden Tag von neun Uhr morgens bis abends um sechs intensiv die neue Sprache.

          Was wollen die Bayern im Moment mehr erwarten von ihrem zukünftigen Chefcoach, der sich vor seinem offiziellen Dienstantritt so wissbegierig zeigt? Doch in erster Linie haben sie einen Trainer-Strategen geholt. Nach dem gründlich gescheiterten Projekt mit dem Novizen Klinsmann vertrauen die Münchner jetzt der Routine und Fachkompetenz des 57 Jahre alten Holländers. Unlängst weilte er ein paar Tage in München, um mit den Chefs in Uli Hoeneß' beeindruckendem Domizil am Tegernsee seine Pläne durchzugehen. Der Niederländer verabschiedete sich bester Laune. Auch das anhaltende Werben von Real Madrid um Franck Ribéry kann die guten Perspektiven nicht trüben, es käme ja viel frisches Geld in die Kasse. Die Bayern versicherten ihrem Trainer, seine Wünsche zu erfüllen. Und tatsächlich sind sie eifrig bemüht, Pinselstrich für Pinselstrich ein Gemälde zusammenzusetzen, das letztlich ein Kunstwerk werden soll, von dem man am Ende behaupten kann, es sei „ein echter van Gaal“.

          Manchmal sind die Pläne von van Gaal schwer zu ergründen

          Dass in München ein Team vor allem nach seinen Überzeugungen entsteht, ist nach ersten Transfers deutlich zu erkennen. Spieler wie Danijel Pranjic und Edson Braafheid passen nicht ins typische Bayern-Beuteschema, das bisher meist auf einer durchschaubaren Einkaufspolitik basierte: Wer gegen die Bayern ein paar Tore schießt, hat mit einem Angebot zu rechnen. Oder es wird sich mit teuren Offerten um diejenigen bemüht, die sich in Fußball-Europa zwar einen gewissen Namen erarbeitet haben, aber noch nicht oder nicht mehr auf den Listen der Superklubs stehen - Spieler wie seinerzeit Ribéry, Toni oder Makaay.

          Louis van Gaal gibt die Richtung vor

          Der 27 Jahre alte Pranjic und sein neuer, ein Jahr jüngerer Kollege Braafheid sind weder teuer noch bekannt. Noch waren sie sonderlich begehrt. Sie sind nicht einmal mehr jung. Aber van Gaals Wort hat nun Gewicht in München. Die beiden Profis können zwar nichts überragend, aber alles ziemlich gut. Und sie sind vielseitig. Manchmal sind die Pläne von van Gaal schwer zu ergründen, doch in der Regel gehen sie auf. Er wird sich etwas gedacht haben bei diesen Transfers.

          Flügelspiel holländischer Prägung

          Offensichtlich ist, dass van Gaal vor allem die Außenbahnen stärken möchte. In den Niederlanden wird das Flügelspiel seit jeher geliebt, und in Zukunft lauern in der Münchner Sturmspitze Miroslav Klose und Mario Gomez. Pranjic schlägt saubere Flanken von links, und wenn Braafheid die linke Verteidiger-Position übernimmt, würde Philipp Lahm die Hereingaben von rechts übernehmen. Der Nationalspieler will schon seit langem die Seiten wechseln. Denkbar ist auch, dass Braafheid in der Innenverteidigung aufläuft, Lahm auf links bleibt und die Flanken von rechts José Bosingwa übernimmt. Der 26 Jahre alte Portugiese vom FC Chelsea steht ebenfalls auf der Münchner Wunschliste. Opfer dieses Transfers wäre wohl der Brasilianer Lucio, der in diesem Fall wohl zum Ersatzspieler degradiert würde und beim Confed-Cup im fernen Südafrika schon mal vorab wütend reagierte: „Wenn der Coach denkt, andere seien besser, dann spiele ich keine Sekunde mehr für Bayern“, sagte der 31-jährige Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft in einem Interview mit der Münchner „tz“.

          Pranjic, Braafheid, Gomez, Timoschtschuk, Olic, Baumjohann und Rückkehrer Görlitz - die Bayern haben bereits sieben Neuzugänge an die Säbener Straße gelockt. Nahezu jeden begleitet jedoch auch eine gewisse Portion Skepsis. Kommt der sündhaft teure Gomez mit dem Druck klar? Können Pranjic, Braafheid, Timoschtschuk und Olic auf Dauer auf hohem Niveau überzeugen? Und werden Baumjohann und Görlitz dem Team tatsächlich weiterhelfen?

          Was wird aus Ribery?

          Dazu schleppen die Münchner ein paar Altlasten des Klinsmann-Erbes in die neue Spielzeit - allen voran die Torwartfrage. Michael Rensing ist nach der Demontage durch den früheren Trainer angeschlagen. Und der in die Jahre gekommene Hans-Jörg Butt ließ sich zwar nichts zuschulden kommen, hat aber einst seinen Platz im Leverkusener Tor nicht zu Unrecht an René Adler verloren. Des Weiteren ist die Zahl der Mitläufer im Kader groß geworden. Borowski, Breno, Sosa, Ottl stagnieren in ihrer Entwicklung und sollen den Verein verlassen. Käme noch Bosingwa, stünde wohl auch Christian Lell vor dem Abschied. Schweinsteiger und Toni bauten unter Klinsmann ab. Als würden den großen Neuanfang damit nicht schon genug Wolken umwehen, belastet nun die Hängepartie um Ribéry plötzlich die Atmosphäre doch mehr als gedacht.

          In dieser Woche bemühte sich der Vorstand um Rummenigge und Hoeneß, den Franzosen als „unverkäuflich“ zu deklarieren, nachdem zuvor Vereinspräsident Beckenbauer ganz locker davon gesprochen hat, einen vorzeitigen Wechsel abhängig vom Angebot nicht mehr ausschließen zu wollen.

          Der Fall Ribéry und auch einige andere ungeklärte Personalien sind für die Bayern noch längst nicht gelöst. Van Gaal aber macht den Eindruck, als wolle er sich seinen Start und die Münchner Aufbruchsstimmung davon nicht verderben lassen. Er gibt sich tatkräftig und voller Energie. Nach einem verlorenen Jahr können die Münchner neue Impulse auch ganz gut gebrauchen. (siehe auch: Louis van Gaal: Der calvinistische Zuchtmeister)

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