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Bayern München : Van-Gaal-Fußball ohne van-Gaal-Ego

Der neue Chef: Andries Jonker sieht optimistisch seiner Aufgabe entgegen Bild: dpa

Andries Jonker hat sich lange überlegt, ob er sich von seinem Chef emanzipieren soll. Nun übernimmt er in München von Landsmann Louis van Gaal. Nach fünf Spielen wird der uneitle Holländer zurück ins zweite Trainerglied der Bayern treten.

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          Andries Jonker hat eine klare Vorstellung davon, wie die aufregendsten 33 Tage seines Lebens zu Ende gehen werden: „Ich werde am 14. Mai abends nach Hause kommen, mich auf die Couch setzen und zufrieden sein“. Wenn er es nicht sein sollte, dann wird etwas Entscheidendes misslungen sein, nämlich die Qualifikation für die Champions League, die der bisherige Assistent von Louis van Gaal nach dessen Entlassung beim FC Bayern auf den letzten Drücker retten soll.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der 48 Jahre alte Niederländer ist nicht eine solch überraschende und überzeugende Interimslösung für den Chefposten, wie es vor zwei Jahren Jupp Heynckes war, den der Vorstand aus dem Ruhestand holte, um Jürgen Klinsmann abzulösen und um das Minimalziel Champions League zu erreichen – in den letzten fünf Partien, genauso viel Zeit, wie nun Jonker bekommt. Aber er ist die bestmögliche Notlösung, die blieb.

          Der langjährige Mann an der Seite van Gaals, der dessen oft harsche, übermäßig selbstbewusste Art gegenüber der Mannschaft sozialverträglich abfederte, soll die spielerische Linie seines Lehrmeisters fortsetzen. Um etwas anderes zu proben, bleibt auch keine Zeit. Aber er soll das ohne die Sturheit des alten Chefs tun, der sich besonders in der Defensive zuletzt völlig verrannt hatte. Jonker soll also den Fußball der letzten Saison liefern, van-Gaal-Fußball ohne van-Gaal-Ego.

          Jonker fragte Louis van Gaal um Erlaubnis, ihm nachfolgen zu dürfen
          Jonker fragte Louis van Gaal um Erlaubnis, ihm nachfolgen zu dürfen : Bild: dpa

          „Ich brauche auch keine Philosophie hineinzubringen“

          „Ich brauche in fünf Spielen keine Spieler auszubilden“, sagte Jonker. „Ich brauche auch keine Philosophie hineinzubringen.“ Ausbildung und Ausrichtung sind ausreichend vorhanden. „Denn Louis van Gaal hat sehr, sehr viele Sachen sehr gut gemacht.“ Kein Wort der Kritik über den Freund und Vorgänger, das wäre auch nicht Jonkers Stil.

          Er gilt als integrer, uneitler Mann, der deshalb nach der Niederlage in Hannover, als der Klub van Gaals Vertragsverlängerung bis 2013 kassierte und diesem nur noch eine Frist bis Saisonende gab, sofort das Angebot bekam, über van Gaal hinaus zu bleiben – nicht als Assistent von Heynckes, der im Sommer zurückkehrt, sondern als Trainer der zweiten Mannschaft, die derzeit vor dem Abstieg in die Regionalliga steht. Dort soll er helfen, die Nachwuchsarbeit neu aufzustellen.

          Am Montag, in seiner ersten Pressekonferenz als Cheftrainer, erzählte Jonker, wie turbulent die letzten Tage verliefen: „Am Donnerstag entschied ich mich, das Angebot anzunehmen, am Freitag sagte ich das Sportdirektor Nerlinger.“ Am Samstag, nach dem 1:1 in Nürnberg, wurde van Gaal abgelöst, und Jonker bekam noch ein Angebot: ihn bis Saisonende zu ersetzen. Für den treuen Gehilfen, der mit van Gaal in Amsterdam, Barcelona und München lange „und mit Vergnügen“ zusammengearbeitet hat, war das „eine schwierige Frage“. Erst nach zwei Telefonaten mit van Gaal sagte Jonker zu; erst als er sicher war, „dass unsere private Relation bleibt, wie sie ist“. Entscheidend sei gewesen, dass van Gaal sagte: „Wenn ich in deinen Schuhen stehen würde, ich würde es tun“. Auch den Spielern hat er in seiner Antrittsrede erklärt, wie wichtig ihm diese Versicherung des Vorgängers war.

          Andries Jonker: „Es ist ein komisches Gefühl“

          Jonker war bei seinen bisherigen Episoden als Cheftrainer, bei den niederländischen Provinzklubs in Volendam, Maastricht und Tilburg, weitgehend erfolglos. Dass er sich eher als Teamarbeiter sieht, zeigt auch sein Bedauern darüber, dass nach einer „unglaublich erfolgreichen ersten Saison“ in München „die Gruppe auseinander gefallen ist“ – womit er nicht die Mannschaft meint, sondern den holländischen Stab van Gaals, von dem nun nur er noch übrig ist. Während andere Assistenten ein Leben lang nach einer solchen Chance lechzen, einmal, und sei es nur für fünf Wochen, ein Team wie den FC Bayern zu trainieren, sagt Jonker, er sei „nicht froh“, wie es sich entwickelt habe. „Es ist ein komisches Gefühl.“

          Jonker sorgte dafür, dass der Chef und die drei Gehilfen, die sein Schicksal teilen, sich am Montag noch einmal persönlich „auf ihre Art von der Mannschaft verabschieden“ konnten. Ob sich auch Thomas Kraft, dessen Fehler in Nürnberg zum letzten Auslöser für van Gaals Entlassung wurde, verabschieden muss, nämlich vom Posten im Tor und damit wohl auch von einer Zukunft beim FC Bayern, darüber wollte Jonker noch nichts sagen.

          Zufrieden mit Memmingen und Pfullendorf

          Am Montag allerdings fehlte Kraft beim Training, „wegen Rückenbeschwerden“, wie Jonker erklärte. Es würde dem Kurzzeit-Cheftrainer gleich eine Menge an Konfliktbereitschaft abverlangen, Kraft abermals ins Tor zu stellen – nach den harschen Worten des Präsidenten Uli Hoeneß vom Sonntag, wonach mit dessen Hereinnahme durch van Gaal „die ganze Scheiße“ angefangen habe.

          Wenn alles gut geht für den nervösen Rekordmeister, wird sich Jonker also am 14. Mai nach Feierabend zufrieden auf seine Couch setzen. Zufrieden damit, dass sein Nachfolger mit den Bayern in der nächsten Saison in Manchester oder Barcelona spielen kann. Und zufrieden damit, dass er selbst mit den Bayern II in Memmingen und Pfullendorf antritt.

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