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Bayern München : Louis van Gaal als Trainer auf Abruf

Noch neun Bundesligaspiele und die Partien in der Champions League: Louis van Gaal beim FC Bayern Bild: REUTERS

Beim FC Bayern München bekommt Louis van Gaal eine Chance zur Schadensbegrenzung - und muss nach der Saison gehen. Der Klub gewinnt Zeit, einen Nachfolger zu suchen. Die Entscheidung des Klubs birgt allerdings auch eine Gefahr.

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          Es gibt einen neuen Trainer beim FC Bayern? Der Anruf von der Säbener Straße löste keinen großen Aufruhr im Münchner Büro des Sportinformationsdienstes (sid) aus. Reporter hatte die Nachrichtenagentur nicht zum Klubgelände geschickt, das tat ja sonst auch keiner. Wozu denn? Es gab ja Telefon. Ob der Anrufer vom FC Bayern vielleicht den Namen des Neuen buchstabieren könne, damit man auch keinen Fehler produziere in der kurzen Meldung, die die Agentur davon an die Zeitungen schicken würde? Er konnte: Lattek, Vorname Udo.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Anekdote, die der ehemalige sid-Büroleiter Uli Kaiser gern erzählt, stammt aus dem Jahr 1970. Heute, 41 Jahre, zwanzig Meistertitel und fünf Europacupsiege später, reicht schon der Verdacht einer möglichen Trainerrochade, um beim größten deutschen Fußballklub eine Art Belagerungszustand zu erzeugen: mit Scharen von Reportern und Schaulustigen, mit Live-Schaltungen des Fernsehens und seitenweise Berichterstattung in den Zeitungen. Das war am Sonntag so, als sich die Trennung von Louis van Gaal andeutete.

          Am Ende bewahrheitete sich allerdings, was der heutige Altmeister Lattek schon am Vormittag in „Doppelpass“, dem Fußball-Stammtisch des Fernsehsenders Sport 1, angekündigt hatte: dass am Samstag, im nächsten Bundesligaspiel gegen Hamburg (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker), „derselbe auf der Bank sitzen wird“ wie beim 1:3-Debakel in Hannover. Und warum? „Weil sie keinen anderen finden.“

          „Unsere Saisonziele, Mindestziele sind infrage gestellt. Es wird sehr, sehr schwierig, die
Champions-League-Teilnahme noch zu erreichen”: Karl-Heinz Rummenigge

          Van Gaal bleibt - noch ein bisschen jedenfalls. Die Vereinsführung mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Präsident Uli Hoeneß, Finanzchef Karl Hopfner und Sportdirektor Christian Nerlinger saß am Sonntagnachmittag fünf Stunden in Rummenigges Haus in München-Grünwald beisammen. Doch man fand für den 59 Jahre alten Niederländer keinen Ersatz, der als Problemlösung für den Rest dieser Saison und als Dauerlösung für die Zeit danach tauglich erschien. Der Markt von Trainern, die erstens erstklassig und zweitens frei sind, ist naturgemäß äußerst klein, nur zehn Wochen vor Saisonende.

          Die Vereinsführung verschafft sich drei Monate Zeit

          Deshalb gab der Klub am Montagnachmittag bekannt, dass man weiter an van Gaal festhalten wolle, jedenfalls bis Saisonende: „Alle Beteiligten sind sich einig darüber, dass in der derzeit schwierigen sportlichen Situation des FC Bayern München gemeinsam sämtliche Kräfte eingesetzt werden, um die sportlichen Mindestziele dieser Saison noch zu erreichen.“ Danach wird zum 30. Juni 2011 der Vertrag, der erst im September auf Initiative des Klubs um ein Jahr bis 2012 verlängert worden war, vorzeitig „in beiderseitigem Einvernehmen“ aufgelöst. Grund der Trennung sei „die unterschiedliche Auffassung über die strategische Ausrichtung des Klubs“.

          Diese Lösung, auf die sich Klub und Trainer am Montag verständigt hatten, ist nicht nur preisgünstig für den FC Bayern, anders als 2009 der Rauswurf von Jürgen Klinsmann, dem man eine Abfindung von mehreren Millionen Euro zahlen musste. Sie schafft der Vereinsführung auch über drei Monate Zeit, einen Nachfolger zu suchen. Und eröffnet dabei die Möglichkeit, auch solche Kandidaten zu umwerben, die derzeit noch in festen Anstellungsverhältnissen sind. Im März erreicht selbst ein FC Bayern mit seiner sportlichen und finanziellen Anziehungskraft für einen erfolgreichen Trainer bei dessen Klub nicht die Freigabe aus einem laufenden Vertrag. Im Juni, nach Saisonende, kann das schon anders aussehen.

          Van Gaal begleitet die Gefahr, eine „lame duck“ zu werden

          Für van Gaal bedeutet dieser Kompromiss, dass er nach zwei trainingsfreien Tagen am Mittwoch zum Arbeiten an die Säbener Straße zurückkehren wird, und nicht um sich vom Team zu verabschieden. Wie bei der Trennung von Klinsmann steht die Qualifikation für die Champions League auf dem Spiel. Aber anders als damals gilt das Verhältnis von Team und Trainer immer noch als intakt, ausreichend intakt jedenfalls, um van Gaal nach Verspielen von Meisterschaft und Pokal wenigstens noch das Erreichen des Minimalziels, Platz drei, zuzutrauen.

          Allerdings bringt das van Gaal in die Gefahr, nun jede Woche als Trainer auf Abruf dazustehen. Was ist, wenn er nach drei Niederlagen nacheinander auch noch gegen Hamburg verliert? Oder drei Tage später gegen Inter Mailand? Ihn begleitet ab sofort die ständige Gefahr, eine „lame duck“ zu werden, ein Anführer, hinter dessen Autorität ein großes Fragezeichen steht - und für den noch lange nicht sicher ist, ob er das Saisonende tatsächlich in München erlebt.

          Die Fußball-Leichtigkeit von 2010 ist schnell verflogen

          Immerhin wird er nicht mit leeren Händen gehen, sondern mit einer Titelausbeute, die im langjährigen Mittel des FC Bayern im guten Durchschnitt liegt. Gekrönt wurden seine zwei Spielzeiten in München vom rauschenden Champions-League-Frühjahr 2010, das bis ins Finale führte - aber schon jetzt im Rückblick wie ein uneingelöstes Versprechen wirkt. Es war eine kurze spielerische Blütezeit mit dem seltenen Glücksgefühl des FC Bayern, nicht nur in Deutschland ganz oben zu sein, auch in Europa; nicht nur in der Erfolgs-, auch in der Beliebtheitsskala.

          Doch diese Leichtigkeit ist schnell verflogen. Plötzlich spielten andere den schönen Erfolgsfußball, vor allem die Dortmunder, die das Modell van Gaal vor einer Woche demontierten. Nun bekommt er die späte Chance zur Schadensbegrenzung in der Bundesliga. Und, in der Champions League, womöglich zu einer letzten, unerwarteten Zugabe.

          Die Erklärung des FC Bayern zur Trainerfrage:

          Louis van Gaal bleibt bis zum Saisonende Trainer beim deutschen Fußball-Rekordmeister FC Bayern München. Darauf haben sich am Montag der Vorstand und der niederländische Coach geeinigt. Die Nachrichtenagentur dpa dokumentiert die gemeinsame Presseerklärung des Bayerns-Vorstandes und van Gaal im Wortlaut.

          „Am heutigen Montag, den 7. März 2011, hat ein Gespräch des Vorstands des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner, Sportdirektor Christian Nerlinger und Cheftrainer Louis van Gaal zur aktuellen Situation stattgefunden. Als Fazit dieses Treffens wurde folgendes festgelegt:

          - Louis van Gaal bleibt Cheftrainer des FC Bayern München bis zum Saisonende am 30.6.2011.

          - der ursprünglich bis zum 30.6.2012 laufende Vertrag zwischen dem FC Bayern München und Louis van Gaal wird in beiderseitigem Einvernehmen zum Ende dieser Saison aufgelöst.

          - Grund für die Auflösung des Vertrages ist die unterschiedliche Auffassung über die strategische Ausrichtung des Klubs. Alle Beteiligten sind sich einig darüber, dass in der derzeit schwierigen sportlichen Situation des FC Bayern München gemeinsam sämtliche Kräfte eingesetzt werden, um die sportlichen Mindestziele dieser Saison noch zu erreichen.“

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