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Bayern München : Kraft ist alles andere als ein Protz

„In der Ruhe fliegt der Kraft” Bild: dapd

Vom Hinterbänkler zum Mann des Tages: Thomas Kraft. Der neue Bayern-Torwart erregt die Gemüter. Nur der 22 Jahre alte Westerwälder sagt nichts vor seinem Debüt in der Fußball-Bundesliga.

          Wenn der FC Bayern München mitten in der Saison seinen 36 Jahre alten Torwart durch einen jungen Mann ersetzt, der noch nie ein Bundesligaspiel bestritten hat, dann ist das fast so, als tauschte die Kanzlerin ihren altgedienten Finanzminister während der Finanzkrise gegen einen BWL-Absolventen aus. Der Vergleich ist natürlich leicht übertrieben. Aber in der Wirkung auf das von König Fußball regierte Volk gab es Ähnlichkeiten, nachdem Trainer Louis van Gaal bekannt gab, dass Jörg Butt, mit dem er in der letzten Saison das Double gewann, fortan auf der Bank sitze. Und dass Thomas Kraft künftig die Nummer eins beim deutschen Rekordmeister sein werde.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Kein aufsehenerregender Transfer, kein millionenteurer Star wird also an diesem Wochenende, an dem die Bundesliga ihren Winter beendet, das Debüt des Tages bieten. Sondern ein bisheriger Hinterbänkler im teuersten deutschen Kader. Für Kraft beginnt der Weg an dem selben Ort, an dem er für den letzten Bayern-Jungtorwart, für Michael Rensing, endete. Nach dem 1:5-Debakel im April 2009 in Wolfsburg hatte Jürgen Klinsmann in seiner letzten Personalentscheidung als Trainer Rensing aus dem Tor genommen, wovon sich dessen Karriere trotz einer kurzen Chance unter van Gaal nicht wieder erholte.

          Über die technischen Fähigkeiten Krafts gibt es keine Zweifel

          Kraft habe nun ein halbes Jahr Zeit, um zu zeigen, „ob er der Belastung standhält“, sagte der frühere Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld auf einer Veranstaltung des Bezahlfernsehsenders Sky, für den er als Experte tätig ist. Wenn Kraft das gelinge, „dann gewinnt Bayern München viel Geld“ – das sich der Meister laut Hitzfeld dann für die Verpflichtung eines Manuel Neuer sparen könne.

          Wie ein BWL-Student als Finanzminister: Thomas Kraft darf ins Bayern-Tor

          Wer ist der Mann, der auf die Probe gestellt wird? Über die technischen Fähigkeiten Krafts gibt es keine Zweifel, vor allem sein Reaktionsvermögen, sein Verständnis für den Spielaufbau, seine unaufgeregte Art. „Die Frage ist, wie er mit dem Druck umgeht“, räumt van Gaal ein. „Das weiß ich selbst nicht.“ Weil der Klub dem Novizen Ruhe vor dem Sturm verordnete, der an diesem Samstag auf ihn wartet, und die angekündigte Vorstellung Krafts vor der Presse kurzfristig wieder absagte, gibt es bisher nur spärliche Informationen über den 22 Jahre alten Torwart: dass er schon seit zwei Jahren verheiratet sei, Hunde liebe und Billard möge.

          Ein Mann für Wortspiele: Kraft-Probe, -Werk, -Akt, -Feld, -Stoff

          Die meisten verwendeten Zitate stammen aus einem Interview mit dem „Münchner Merkur“ vom Saisonbeginn. In einem erklärt Kraft seine frühe Selbständigkeit: „Als ich gerade ein halbes Jahr hier war, ist mein Vater gestorben. Das war sehr hart. Ich hatte mir gleich zum Start bei Bayern eine eigene Wohnung genommen, habe damals bewusst nicht im Internat gewohnt – ich denke, das hat mir viel gebracht, dass ich schon früh für mich allein verantwortlich gewesen bin.“ Während sein Vorgänger Butt bis zum Alter von 16 Jahren Feldspieler war, fing Kraft im Westerwald mit acht Jahren gleich im Tor an.

          Aber ausgerechnet, als die Bayern ihn beobachteten, musste er bei seinem Dorfklub im Sturm aushelfen. Sie nahmen ihn trotzdem. Dass er in über sechs Jahren in München nie auffiel, nie laut wurde, sich still und zäh hocharbeitete, zeigt einen Charakterzug, der großen Torhütern oft eigen ist. Die Kollegen gaben ihm den Spitznamen „Protz“, aber das hat weniger mit dem Auftreten zu tun als mit dem Namen. Dieser Name dürfte ihm noch in zahlreichen Variationen als Vorsilbe in medialen Wortspielen begegnen: Kraft-Probe, -Werk, -Akt, -Feld, -Stoff, -Worte. Oder, wie es der „Kicker“ schon vorgemacht hat: „In der Ruhe fliegt der Kraft“.

          Van Gaal leugnet das Risiko nicht, das er eingeht

          In den Kraftraum allerdings zieht es ihn nicht so sehr wie Rensing, der in Auftreten und Muskelbildung den übergroßen Kahn vergeblich zu kopieren versuchte. Der als auffällig zurückhaltend bekannte Kraft ist alles andere als ein Protz, er ist die stille Hoffnung des mutigen Spielerentwicklers van Gaals. Der sagt: „Ich denke, wir kommen mit ihm weiter.“ Aber auch: „Wenn Kraft in zwei Spielen alles falsch macht, werde ich wieder reagieren.“

          Van Gaal leugnet das Risiko nicht, das er eingeht. Er setzt neben dem 22 Jahre alten Neuling im Tor auch auf die neu gebildete Innenverteidigung der beiden jeweils 21 Jahre alten Breno und Badstuber. Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann, wie Hitzfeld Sky-Experte, ist skeptisch: „Ich habe noch nie erlebt, dass so etwas funktioniert: junger Torwart und junge Abwehr. Es funktioniert nur: alter Torwart und junge Abwehr. Oder umgekehrt.“ Für Kraft sei der unverhoffte Sprung „ein Geschenk des Himmels“. Beim FC Bayern werden für solche Geschenke Gegenleistungen erwartet.

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