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Bayern München in Amerika : Nachzügler im Siedler-Treck

  • -Aktualisiert am

Neue Erfahrungen in Übersee: Philipp Lahm darf den Anwurf ausführen beim Baseball-Spiel der Chicagoer Klubs Cubs gegen White Sox Bild: AFP

Die meisten Topklubs schauen schon lange regelmäßig in Amerika vorbei. Auch wenn keiner weiß, wie fruchtbar der Boden dort für sie überhaupt werden kann. Nun kommen auch die Bayern hinzu. Als Nachzügler, mit stotterndem Motor.

          Um die Sache in ihrer ganzen Skurrilität abzubilden, ist ein PR-Termin des FC Bayern dieser Tage in Chicago ein gutes Vehikel. Ein Sponsor hatte zum sogenannten „Chalk Talk“ geladen. Dicke Teppiche, Kronleuchter, Burger mit Krabbenfleisch, Sponsorenstelltafeln - im noblen Saal des City Centers der Millionenmetropole verdichteten sich alle Parameter des PR-Trips. Oben auf dem Podium lobten Xabi Alonso und Holger Badstuber eine Weile das steigende Interesse der Amerikaner am Fußball, dann durfte der Moderator endlich fragen, welches Auto sie sich gegenseitig empfehlen würden. Gastgeber war schließlich der Fahrzeughersteller, der die Münchner bezuschusst. Die Reihe kam auch noch zu den Abgesandten des AC Mailand, die ebenfalls auf dem Podium saßen. Riccardo Montolivo musste lachen, als er seinem Nebenmann Gianluigi Donnarumma ein Fabrikat ans Herz legen sollte. „Gigio“, der Spitzname einer Maus, ist erst 17.

          Die Anekdote sagt einiges aus über die PR-Trips, die Europas Fußballklubs in diesen Wochen in die Vereinigten Staaten unternehmen. Man möchte präsent sein, man möchte seine Botschaften unter die Amerikaner bringen, aber - um in der Welt der Motoren zu bleiben - es stottert noch. Als die Bayern vor zwei Jahren das erste Mal mit einer sorgfältig ausgetüftelten Strategie in die neue Welt jetteten, hatte Jörg Wacker, im Vorstand der Münchner für die Internationalisierung verantwortlich, gesagt, man wolle „ein Grundrauschen erzeugen“. Das Wort fällt auch dieses Mal immer wieder verlässlich. Eine Vorstufe zum Goldrausch.

          Fußball im Soldier Field: Die Bayern werben in Amerika für ihre Sache Bilderstrecke

          Der Vergleich zu alten Wildwest-Zeiten ist zu verlockend, die Journalisten greifen ihn in diesen Tagen gerne auf. Im Grunde sind die Bayern die Nachzügler im Siedler-Treck, die Claims mit den größten Goldnuggets wurden schon abgesteckt. Die Premiere League hat die Vereinigten Staaten erobert, auch Real Madrid und der FC Barcelona sind dank ihrer kickenden Marken Cristiano Ronaldo und Lionel Messi voraus.

          9655 Kilometer für die Bayern

          Dennoch stechen die Bayern zu Recht ebenfalls ihren Spaten in den amerikanischen Boden. Zwar weiß noch keiner so genau, wie fruchtbar er für die Saat Fußball ist. Aber die Sache stellt sich nun einmal so dar: Alle Top-Klubs schauen hier regelmäßig vorbei. Nicht mitzumachen wäre, als würde man lieber die Pferde draußen vor dem Saloon striegeln, als drinnen zu pokern, Whisky zu trinken und mit den Girls zum Pianospiel zu tanzen.

          Und die Bayern kommen so langsam an. Beim ersten offenen Training im Soldier Field von Chicago saßen gut 400 Menschen auf der Tribüne. Manche zogen sich in den Schatten zurück, während sich die Spieler unten auf dem Platz der unbarmherzigen Sonne stellten, manche aber hatten sich ganz vorne am Zaun postiert, und sie legten auch ihre dicken Fanschals nicht ab, obwohl man am liebsten sofort in den Lake Michigan gehüpft wäre. Aus allen Teilen der Vereinigten Staaten waren einige eingeflogen, es gab kaum Anwesende in Zivil, und alle trugen, das ist auch nicht unwichtig im Vergleich etwa zu Asien, Original-Outfits. Zwei Latinos hatten eigens ein Schild auf Deutsch gedruckt. „Ich habe 9655 Kilometer gereist von El Salvador - um Bayern zu zehen.“ Zu sehen, sollte es heißen, aber wer will spitzfindig sein, wenn die Kernbotschaft lautet: Man erreicht Leute.

          Am Mittwochabend lockte das 3:5 im Elfmeterschießen im Testspiel gegen den AC Mailand 45.000 Zuschauer in die Arena. Abgesehen von ein paar amerikanischen Eigenheiten (vor dem Elfmeterschießen wurde via Anzeigentafel dazu aufgefordert, noch einmal richtig laut zu werden), gab es eine homogene Wechselwirkung zwischen Rasen und Rängen. Beim Stand von 1:1 kreiste sogar die Welle, und bei sechs Treffern - nach den regulären 90 Minuten hatte es nach Bayern-Toren von zweimal Ribéry und Alaba 3:3 gestanden - sowie dem anschließenden Shoot-out fühlten sich die Besucher gut unterhalten.

          Sponsoren sind zufrieden

          Rund 70 Millionen Amerikaner sollen sich derzeit für Fußball interessieren. Vor allem die Kids in den Parks - Chicago hat wunderbare Grünanlagen - sieht man tatsächlich oft kicken statt auf einen Baseball eindreschen. Es ist aber noch ein weiter Weg, um sich zu etablieren, und auf den ersten Etappen machen die Bayern das gar nicht mal so schlecht. Ihre Sponsoren sind zufrieden, sie können ihre amerikanischen Partner hofieren, und auch die örtlichen Medien sind einmal froh, wenn sie sich mit einem Bayern-Profi direkt austauschen können.

          Besonders gefragt ist dieser Tage Julian Green, der zwar nur Komparse ist bei Münchner Gala-Vorstellungen, dank seiner amerikanischen Wurzeln aber 2014 sogar ein Tor bei einer WM geschossen hat. Er kriegt den Spagat zwischen neuer und alter Welt beachtlich gut hin. Neulich balancierten Rafinha und Thiago zum Mittagessen tatsächlich Burger auf ihren Tellern. Ob er auch Fastfood verdrückt habe, wurde Green gefragt. „Die Burger sahen gut aus“, sagte er, „aber ich habe das nicht gegessen.“ Die Marke Fußball steht im Zweifel dann doch über allen anderen Interessen.

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