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Bayern München : Wir bleiben Hansi

Zugewandt, offen, positiv: Der FC Bayern weiß die Qualitäten von Hansi Flick zu schätzen. Doch nüchtern betrachtet, haben sich unter ihm die Resultate noch nicht gravierend verbessert. Bild: dpa

Der FC Bayern will „mindestens“ bis zum Sommer an Trainer Flick festhalten. Zwar haben sich die Ergebnisse unter ihm nicht gravierend verbessert, aber das gute alte Bayern-Dusel kam zurück.

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          Das erwartete Präsent kam schon zwei Tage vor Heiligabend. Es musste nicht groß als Überraschung verpackt werden. Spätestens seit dem 2:0-Sieg über den VfL Wolfsburg am Samstag ahnte es jeder. Schon am nächsten Vormittag setzte man sich wieder zusammen an der Säbener Straße. Das ist üblicherweise der Zeitpunkt für Krisensitzungen, wenn über eine Trainerentlassung zu reden ist. Diesmal war es das Gegenteil.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Pünktlich um zwölf am Sonntagmittag verkündete Bayern München, „dass Hansi Flick mindestens bis zum Ende der laufenden Saison Cheftrainer bleibt“. Auch ein Festhalten an Flick darüber hinaus sei „für den FC Bayern ausdrücklich eine gut vorstellbare Option“.

          Bundesliga

          Nüchtern betrachtet, hat sich von den Resultaten noch nicht so viel gravierend verbessert, seit der vormalige Assistent Niko Kovac ablöste. Flick übernahm das Team vier Punkte hinter der Tabellenspitze in der Bundesliga, vier Punkte sind es immer noch. Als erster deutscher Trainer vollendete er eine makellose Vorrunde ohne Punktverlust in der Champions-League, vier der sechs Siege hatte allerdings noch Kovac beigesteuert. Doch die Spielweise ist besser geworden, die Abwehr und vor allem: das Bayern-Gefühl.

          Was vom alten Selbstverständnis noch gefehlt hatte, lieferte Flick in den letzten vier Tagen des Fußballjahres nach – das Gefühl, dass man das Glück, den guten alten Bayern-Dusel, endlich wieder erzwingen kann. Flick tat das, indem er in Freiburg und gegen den VfL Wolfsburg kurz vor Schluss den 18 Jahre alten Joshua Zirkzee einwechselte. Das war aus der Not geboren, denn in Folge zahlreicher Ausfälle hatte Flick einfach keine andere offensive Option mehr. Und Zirkzee wurde zum Glücksgriff, zum Beleg des laut Serge Gnabry „glücklichen Händchens, das der Trainer zweimal bewiesen hat“. Ein allerdings nicht unverdientes Glück, denn so mutig wie Flick hat seit Louis van Gaal vor zehn Jahren kein Bayern-Trainer mehr auf die Jugend gesetzt. Er holte vier Talente aus der zweiten Mannschaft zum Trainieren mit den Top-Profis, damit sie dort lernen können.

          Zirkzee tat das im Eiltempo. Wie in Freiburg, als er, keine zwei Minuten auf dem Platz, in der Nachspielzeit das Tor zum Sieg schoss, traf der junge Niederländer auch gegen die Wolfsburger mit seiner ersten Ballberührung. Es war das entscheidende 1:0 nach 86 Minuten, dem Gnabry wie in Freiburg am Ende noch eine Zugabe folgen ließ. Die beiden Tore des jungen Niederländers retteten dem am Ende des Jahres matten Meister vier Punkte, ohne die das weihnachtliche Stimmungsbild bei dann acht Punkten Rückstand auf Herbstmeister RB Leipzig wohl ähnlich trüb ausgesehen hatte wie nun beim alten Rivalen aus Dortmund. Dieser fabrizierte in den letzten beiden Viertelstündchen des Fußballjahres gegen RB Leipzig und 1899 Hoffenheim das Gegenteil: fünf verlorene Punkte.

          Damit hat Flick sich als ein Trainer ins Licht gesetzt, der auch in schwierigen Spielsituationen Lösungen zu finden vermag. Es rundete das Gesamtbild seines zunächst auf zwei Spiele veranschlagten, dann auf zwei Monate ausgedehnten Chefpraktikums in einer Weise ab, die eine abermalige Verlängerung sinnvoll erscheinen ließ. Und das nicht nur mangels einer kurzfristig verfügbaren Langfristlösung aus der obersten europäischen Trainerkaste, sondern auch, weil Flick neben der sportlichen Konsolidierung eine Menschenführung zeigte, wie sie bei den Bayern die Chefs und Spieler seit den Lieblingstrainern Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes schätzen: zugewandt, offen, positiv.

          Der Neue, der mehr als eine Notlösung geworden ist, könnte nun eine der erstaunlichsten Karrieren im deutschen Fußball machen: ein Mann, dessen einzige Erfahrungen als Cheftrainer rund um die Jahrtausendwende in der dritten bis fünften Liga in der badischen Provinz stattfanden – und der nun den Weltklub FC Bayern zu gewohntem Glanz zurückführen soll. Flick versprach am Sonntag, „so viele Siege und Titel wie möglich nach München zu holen“.

          Doch das könnte etwas schwieriger werden als bei den beiden geretteten Meisterschaften nach den Herbstkrisen vor zwei Jahren, nach der Entlassung von Carlo Ancelotti und der Reaktivierung von Heynckes, und vor einem Jahr, nach dem Festhalten an Kovac. Zwar profitiert der FC Bayern angesichts eigener Aussetzer vor allem von den noch größeren der Dortmunder. Doch mit RB Leipzig hat sich ein alternativer Herausforderer konsolidiert, der seit Flicks Übernahme vier Punkte mehr geholt hat als die Bayern.

          Dazu zeigt die Bilanz der schwächsten Münchner Hinrunde seit neun Jahren, wie weit man gerade vom Niveau der europäischen Spitze entfernt ist. Von 51 möglichen Punkten in der Bundesliga hat Bayern 18 verloren. Zum Vergleich: Der FC Liverpool verlor in der Premier League von 51 Punkten zwei. In England läge der FC Bayern also rechnerisch 16 Punkte hinter der Spitze. Schon das Achtelfinalduell in der Champions League mit dem FC Chelsea, der dank verkürzter Transfersperre für viel Geld im Januar neue Spieler kaufen will, dürfte Flicks fachliche Fähigkeiten auf europäischem Niveau auf eine erste handfeste Probe stellen. Auf einen 18 Jahre alten Joker kann man sich nicht immer verlassen.

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