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Bayern München : Der Chef ist zurück

  • -Aktualisiert am

Vorturner Schweinsteiger: Der Münchner hat sich große Ziele gesetzt. Bild: dpa

Der Schlüsselbeinbruch ist geheilt, der Schlüsselspieler ist zurück: Nicht nur mit dem FC Bayern will Bastian Schweinsteiger 2012 Titel gewinnen. In Doha will er den letzten Härtetest vor dem Comeback bestehen.

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          Der FC Bayern musste sich am Montagabend ohnehin schon rund zwei Stunden gedulden, ehe er verspätet die erste Trainingseinheit des Jahres 2012 absolvieren konnte - die Ausrüstung war am Flughafen in Doha zwischenzeitlich abhandengekommen. Aber einer hatte es besonders eilig: Bastian Schweinsteiger marschierte bereits Minuten vor seinen Kollegen aufs Feld, und als er den Rasen betrat, hob er seine Arme in den Abendhimmel. Eine spielerische Jubelpose, tosender Applaus war nicht zu erwarten, da sich nur eine Handvoll Urlauber am Zaun verlor. Es war mehr eine Geste für sich selbst: endlich wieder da!

          Im Champions-League-Spiel gegen Neapel im November verletzte sich der Nationalspieler schwer
          Im Champions-League-Spiel gegen Neapel im November verletzte sich der Nationalspieler schwer : Bild: dapd

          Bastian Schweinsteiger, 27, soll in der Rückrunde auch vorangehen, wenn die Mannschaft wieder in vollbesetzte Stadien einläuft. Nachdem er sich Anfang November beim 3:2 gegen den SSC Neapel mit einem Schlüsselbeinbruch ins Lazarett verabschiedet hatte, erfuhr die Formkurve der Münchner einen deutlichen Knick. Der Schlüsselspieler und das Schlüsselbein - es war die Schlüsselstelle der Vorrunde. „Wir hätten schon ein etwas größeres Punktepolster haben können“, sagt er und lehnt sich zurück.

          Schweinsteiger sitzt gut gepolstert, der Raum, zu dem die Bayern im „Grand Heritage Hotel“ zu Mediengesprächen einladen, heißt passenderweise „Elite“: Das Gespräch dreht sich viel um Europas Elite, zu der die Münchner gerne aufschließen wollen. Schweinsteiger soll dafür sorgen. Er sagt es nicht, aber alle wissen es: Das Punktepolster ist geschmolzen, weil er gefehlt hat.

          Talentierter Schlawiner

          Schweinsteiger wurde lange mit Skepsis begleitet. Mit 18 stieg er zu den Profis auf, Attribute: großes Talent, aber auch ein Schlawiner. Allein der Fürsprache von Hermann Gerland war es zu verdanken, dass er nicht zu Beginn der Karriere fortgeschickt wurde, und es hat gedauert, ehe er den vehementen Einsatz seines früheren Förderers voll belohnte. Gerland sagt, man braucht auch Schlawiner in einem Team, damit hat er recht - solange der Schlawiner begreift, dass er seinem Job mit gebotenem Ernst nachgehen muss.

          Trainieren für Titel: Schweinsteiger will in Qatar die Grundlagen für ein erfolgreiches Jahr legen
          Trainieren für Titel: Schweinsteiger will in Qatar die Grundlagen für ein erfolgreiches Jahr legen : Bild: dpa

          Schweinsteiger hat bei den Bayern viele Stufen durchlaufen, heute ist er zentrale Figur des Spiels, aber auf dem Weg dahin schlug er viele Haken, darunter ein paar recht unnötige abseits des Platzes. Die Zeiten sind vorbei. Im vergangenen Jahr wurde er vom Boulevard zwischenzeitlich als „Chefchen“ verspottet, doch längst hat er das „chen“ weggespielt. Die Verniedlichung ist genauso verschwunden wie der Spitzname „Schweini“, mit dem sich Schweinsteiger nie identifizieren konnte. Wer ihn nun so erlebt, locker und souverän auf der Couch im Saal „Elite“, käme auch kaum auf die Idee, auf verniedlichenden Begriffe zurückzugreifen. Hier spricht Schweinsteiger, nicht „Schweini“. Hier spricht ein Chef. Ein Chef, der sich große Ziele gesteckt hat.

          „Die Chancen sind da“

          „Ich habe meine Messlatte für 2012 sehr hoch gesteckt“, sagt er. Auf die Frage, wie hoch, blickt er zur fernen Decke des schmucken Saals. „Naja“, meint er dann, „viel Luft nach oben ist da nicht mehr.“ Bis zum Sommer gibt es viel zu gewinnen; drei Titel mit den Bayern, dazu die EM mit der deutschen Nationalelf. „Ich will natürlich am liebsten alle, aber ich weiß auch, dass jetzt gerade bei Barça, Real und Chelsea Nationalspieler in ihren Trainingslagern sitzen und das Gleiche erzählen. Es wird nicht leicht, dennoch: die Chancen sind da.“

          Und sie sind mit ihm ungleich größer als ohne ihn. „Bastian weiß einfach, was er zu tun hat, wenn wir den Ball haben“, sagt Franck Ribéry über den Regisseur, „er ist mit seiner Präsenz auf dem Platz die Persönlichkeit unseres Spiels.“ Soeben geht Ribéry hinter Schweinsteigers Sofa vorbei, er streichelt ihm kurz über den Kopf und deutschfranzöselt: „Nisch so viel reden.“ Beide lachen.

          Drei Titel winken mit dem FC Bayern - dann folgt die EM mit der Nationalmannschaft
          Drei Titel winken mit dem FC Bayern - dann folgt die EM mit der Nationalmannschaft : Bild: dapd

          Ribéry ist ein großer Name in Fußball-Europa, Schweinsteiger inzwischen die gleiche Kategorie. Experten von der Isar bis zur Ostsee sehen ihn in einer Liga mit Xavi und Andres Iniesta, manche auf gleicher Höhe, manche einen Tick dahinter. Drüber siedelt den Münchner noch keiner an, dafür muss er sich auch erst wirklich beweisen. „Ich möchte jetzt endlich mal einen internationalen Titel gewinnen“, sagt er, „aber ich denke, ich habe im Verein und in der Nationalelf gute Voraussetzungen.“ Mit 27 Jahren ist er gerade auf dem Weg ins beste Fußball-Alter.

          In München läuft sein Vertrag bis 2016, „ich habe hier nicht umsonst längerfristig unterschrieben, die Mannschaft hat enormes Potential“, sagt er. Dass Marco Reus sich gerade für Dortmund und gegen Bayern entschieden hat, lässt ihn kalt. Beim BVB werde gut gearbeitet, aber auf die Frage, ob er Angst habe, der aktuelle Meister könnte seinem Klub auf Dauer den Rang ablaufen, lacht er lange vor sich hin. „Angst? Was soll ich da sagen? Ja? Nein! Bayern wird immer qualitativ eine bessere Mannschaft haben, es liegt nur an uns, das umzusetzen.“

          Beim 0:1 gegen Dortmund in der Vorrunde hatte er mit gebrochenem Schlüsselbein gefehlt. „Es nervt, wenn man auf der Tribüne sitzt und sieht, dass bei uns Dinge nicht so umgesetzt werden, wie es nötig ist, das macht mich richtig sauer.“ Ab sofort ist er wieder dabei, um die Dinge richtig umzusetzen - sofern er den letzten Härtetest übersteht: „Ich bin noch nicht gegen Daniel van Buyten gelaufen. Damit warte ich noch ein paar Tage.“ Übersteht die Schulter diesen Crashtest, kann 2012 endgültig kommen. Jubelposen sind schon jetzt wieder locker drin.

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