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Bayern München : Das seltsame Casting des James Rodriguez

Drängt er sich auf? James muss beim FC Bayern noch Überzeugungsarbeit leisten. Bild: Reuters

In München fragt man sich immer noch, ob aus James ein richtiger Bayer wird. Der Kolumbianer spielt als Leihspieler weiter zur Bewährung. Ein Weg zurück nach Madrid scheint freilich ausgeschlossen.

          Wie nur wenige Menschen versteht es der Fußballer James Rodríguez zu lächeln und zugleich tiefernst zu wirken. „Die Zukunft“, sagte James am Sonntag und lächelte ernst, „kann niemand vorhersagen.“ Er meinte vor allem die eigene, nach der er nun ständig gefragt wird. Erst recht nach den drei Toren, mit denen er beim 6:0 gegen den FSV Mainz 05 erste Entspannung zurückbrachte in die vier Tage zuvor versteinerten Gesichter der Bayern. Am Mittwoch, bei der 1:3-Niederlage gegen Liverpool, war James aufgebracht vom Platz gegangen, elf Minuten vor Ende, als noch nicht alles verloren schien und Trainer Niko Kovac ihn dennoch gegen den vergleichsweise limitierten Renato Sanches austauschte. Eine Auswechslung als Degradierung verpackt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Sonntag, als er den Arbeitstag nach 73 Minuten beendete, war es das Gegenteil, ein Lohn, eine Anerkennung. Das Publikum feierte ihn, auch Kovac spendete Beifall. Doch später schlich sich wieder Vorsicht in die Worte der Verantwortlichen, als die Frage lautete: Bleibt James?

          Zieht Bayern die Kaufoption?

          Es ist das längste und seltsamste Casting, das je ein Fußballprofi bestritt, um ein richtiger Bayer zu werden. Das längste, weil es schon im Sommer 2017 begann, als Real Madrid seinen nicht mehr favorisierten früheren 75-Millionen-Kauf für zwei Jahre an die Bayern verlieh. Und das seltsamste, weil es sich nicht um einen erst noch auf Herz und Nieren zu prüfenden Jungprofi handelte, sondern um einen Star im besten Alter. WM-Torschützenkönig, Champions-League-Sieger, Nummer zehn von Real Madrid.

          Auch jetzt, drei Monate vor dem Ende der Ausleihe, scheint noch nicht sicher, ob der deutsche Meister seine Kaufoption auf James für 42 Millionen Euro nutzen will – ob also der Mann, der nach der WM 2014 als kommender Weltstar galt, nun, mit 27, beim Bayern-Casting durchkommt.

          Bei den Mitspielern geschätzt: James und Manuel Neuer.

          „James hat heute sehr gut gespielt“, sagte Uli Hoeneß, wirkte aber ansonsten auch im Wohlgefühl eines Abends, an dem man den Champions-League-Blues bekämpft und die Bundesliga-Tabellenführung verteidigt hatte, von einer Zukunft mit James nicht annähernd so begeistert wie von der geplanten neuen Klub-Weltmeisterschaft: „Wunderbar! Her damit, schnell! Die Klub-WM wird kommen, und Bayern München wird mitspielen.“

          Hoeneß über James klang anders, eher wie ein vor Koalitionsverhandlungen abgefangener Politiker: „Wir müssen in der Gesamtbetrachtung am Ende entscheiden, ob man das macht oder nicht.“ Im „Großen und Ganzen“, so der Präsident, sei das „ein großartiger Spieler“, aber „schlussendlich muss der Trainer auch sagen, was er will“. Der Trainer wiederum, der anfänglich nicht als großer Freund von James galt, ihn zuletzt aber stets in der Startelf plazierte, sagte auch nur Unverbindliches: „Er macht es gut. Mehr will ich dazu nicht sagen, sonst wird das überinterpretiert.“ Es gebe, so Kovac, „keine Notwendigkeit“, dazu etwas zu sagen – schon deshalb, um „keinen Spannungsabfall“ zu bekommen. Anders gesagt: James soll sich erst mal schön weiter anstrengen.

          Kein Weg zurück nach Madrid

          Die Bayern-Profis hörten sich deutlich entschlossener an in ihren Bekundungen zugunsten des Kollegen. James sei „immens wichtig für uns“, fand Kapitän Manuel Neuer, „immer brandgefährlich mit seinem tollen linken Fuß“. Ein Körperteil, das Verteidiger Niklas Süle sogar „einmalig“ fand, so wie James damit „nicht nur schießen, auch Vorlagen geben“ könne. Und Thomas Müller, oft als dessen Konkurrent betrachtet, weil beide die Position hinter Mittelstürmer Robert Lewandowski favorisieren, beteuerte, wie gern er mit James zusammen spiele. „Das beißt sich nicht“, so Müller, im Gegenteil: „weil er gern zum Ball geht und ich gern vom Ball weggehe.“

          Weil „hier alle happy mit ihm“ seien, hatte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge schon vorher die Erwartung geäußert, „dass James auch in der nächsten Saison beim FC Bayern spielen wird“. Dass Hoeneß da reservierter erscheint, könnte auch verhandlungstaktische Gründe haben. Vielleicht lässt sich ja noch Geld sparen. Denn bei Real Madrid sieht es nach den Entwicklungen der vergangenen Woche nicht so aus, als wolle man dort den Kolumbianer überhaupt zurück. Am Dienstag kehrte Zinédine Zidane, unter dem James einst zum Bankdrücker und Leihspieler degradiert worden war, als Trainer zurück – kein gutes Zeichen für James, obwohl der eilig beteuerte, „kein Problem mit Zidane“ zu haben.

          Am Donnerstag verpflichtete Real für 50 Millionen Euro den Brasilianer Éder Militão, der wie seine Landsleute Vinícius Júnior und Rodrygo keinen EU-Pass besitzt. Weil nur drei Nicht-EU-Profis einsetzbar sind, wäre eine Rückkehr von München nach Madrid nun eine Reise nach Jerusalem, mit einem Stuhl zu wenig. Warum dann nicht gleich bleiben? „Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagte James und lächelte ernst. Man müsse aber abwarten: „Das alles liegt noch in der Zukunft.“

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