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Trainerwechsel in Leverkusen : Auch der Aufschwung kann Herrlich nicht mehr helfen

  • -Aktualisiert am

Wachablösung in Leverkusen: Peter Bosz (links) wird neuer Bayer-Trainer, Heiko Herrlich (rechts) muss gehen. Bild: dpa

Nach dem 3:1 gegen Hertha BSC und trotz der 13 Punkte aus den vergangenen sechs Bundesligaspielen ist bei Bayer Leverkusen Schluss für Heiko Herrlich. Der Nachfolger steht schon fest.

          Jener Teil der Anhänger von Bayer Leverkusen, die in der vorigen Saison aufmerksam hinüber zu Borussia Dortmund geschaut haben, ist wohl eher nicht vor Freude aufgesprungen, als ihr Lieblingsverein am vierten Advent bekanntgab, was alle ahnten. Wie erwartet muss Trainer Heiko Herrlich seinen Posten räumen, sein Nachfolger wird Peter Bosz, der den BVB im Vorjahr in eine mittelschwere Krise hineingeführt hat. „Unter der sportlichen Leitung von Peter Bosz wollen wir versuchen, unseren ambitionierten Ansprüchen so schnell wie möglich wieder gerecht zu werden“, verkündete Fernando Carro, der Leiter der Geschäftsführung von Bayer 04, der offenbar zu dem Schluss kam, dass die Dortmunder Vorjahresepisode nicht zu einer fundierten Bewertung der Arbeit des 54 Jahre alten Holländers taugt.

          Zu zerrüttet war der BVB nach der Trennung von Thomas Tuchel, zu verunsichert waren die Spieler nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus, zu unausgewogen war die Zusammensetzung des Kaders. Nun bekommt Bosz seine zweite Chance in Deutschland.

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          Damit ist auch Herrlich dem großen, sehr grundlegenden Umbruch zum Opfer gefallen, der in Leverkusen mächtig Fahrt aufgenommen hat. Schon lange ist zu spüren, dass niemand mehr im Klub an Herrlich und seine Fähigkeiten glaubte. „Der Trainer hat in den letzten Wochen alles gegeben, ob die sich am Ende zusammensetzen wollen oder nicht, das ist mir eigentlich relativ wurscht“, sagte Julian Brandt am Samstag, als offiziell noch niemand wusste, wie die Verantwortlichen in der Trainerfrage entscheiden würden. Unterstützung klingt wahrlich anders. Der Klub befinde sich „nach der insgesamt nicht befriedigenden Halbserie in einer Situation, die einenTrainerwechsel aus unserer Sicht notwendig macht“, erklärte Sportvorstand Rudi Völler.

          Bilanz konnte Herrlich nicht mehr retten

          Dabei hatte Herrlich dem verdienten Sieg gegen die Berliner, der – im Gegensatz zum 2:1-Erfolg auf Schalke unter der Woche – auf einer ordentlichen Leistung beruhte, exakt die Vorgabe Völlers erfüllt, der „acht bis neun Punkte“ aus den vier Bundesligaduellen vor Weihnachten gefordert hatte. Neun sind es nun geworden, der Anschluss an das obere Tabellendrittel ist nach dem schwachen Saisonstart geglückt. „Wir haben drei Punkte weniger als in der Vorsaison, überwintern im DFB-Pokal und sind in der Europa League Erster geworden“, sagte Herrlich am Samstag. Für einen Moment klang er kämpferisch.

          Doch Herrlichs jüngste Bilanz mit 13 Punkten aus fünf Spielen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mannschaft im Kalenderjahr 2018 eigentlich nie ihr großes Talent, ihre enormen Potentiale zur Entfaltung brachte. Im Frühjahr wurde trotz bester Ausgangslage die Champions-League-Teilnahme verspielt, und im laufenden Jahr ist nicht nur die Anzahl der gesammelten Punkte unbefriedigend, auch der Fußball, den Bayer Leverkusen spielt, ist oft wenig ansehnlich.

          Der Trainerwechsel ist daher gut begründet und eine von vielen Personalien, mit denen die Verantwortlichen in Leverkusen sich zuletzt beschäftigt haben. Carro, ein Spanier, der der Fußballöffentlichkeit bisher kaum bekannt ist, ist gerade dabei, Bayer Leverkusen grundlegend umzubauen. Im Frühjahr wechselte der Wirtschaftsingenieur, der zuvor 24 Jahre lang beim Bertelsmann-Konzern in Gütersloh gearbeitet hatte, an die Spitze der Geschäftsführung des rheinischen Bundesligavereins, seither ist alles in Bewegung. Sportdirektor Jonas Boldt wird den Verein dem Vernehmen nach auch aufgrund von Differenzen mit Carro verlassen, Simon Rolfes hat den Posten übernommen. Vom 1. März 2019 an werden mit Holger Tromp (Kommunikation) und Bernd Schröder (Marketing und Vertrieb) zudem zwei neue Direktoren in Leverkusen anfangen und die Aufgaben übernehmen, die bislang ins Ressort von Jochen A. Rotthaus fielen.

          Und die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am Wochenende, dass sogar Rudi Völler, das Gesicht des Vereins, mit dem Gedanken spiele, sich eventuell schon in der Winterpause, spätestens aber im kommenden Sommer zurückzuziehen. Völler fühle sich hier nicht mehr heimisch, nachdem immer mehr Vertraute verschwinden würden, hieß es in der Veröffentlichung, die sich auf Quellen im nahen Umfeld Völlers beruft.

          Ein Abschied der Fußballlegende wäre ein großer Verlust, vielleicht gar nicht einmal aufgrund seiner Fachkompetenz, aber der ehemalige Weltklassestürmer gibt diesem grundsätzlich eher blassen Fußballstandort Charakter und Herz. Der intelligente, aber eben auch sehr glatte Rolfes wird diese Leerstelle kaum ausfüllen können. Damit die Leverkusener nach den inneren Umbauten möglichst schnell an einem Europapokal teilnehmen, wurde Peter Bosz verpflichtet und erhält einen Vertrag bis in den Sommer 2020. Der Fußball-Lehrer, der Ajax Amsterdam 2017 ins Finale der Europa League geführt hatte, stehe „für offensiven, temporeichen und begeisternden Fußball, er hat auf seinen Trainerstationen immer eine besondere Passion bei der Arbeit mit jungen Spielern gezeigt“, ließ Rolfes sich am Sonntag zitieren.

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