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Rudi Völler zu Trainerwechsel : „Das ist eine Niederlage für uns alle“

  • -Aktualisiert am

Kürzlich noch „unvorstellbar“: Rudi Völler muss sich zur Trennung von Trainer Peter Bosz in Leverkusen äußern. Bild: dpa

Nach dem Aus in beiden Pokal-Wettbewerben und dem Absturz in der Liga trennt sich Bayer Leverkusen von Trainer Peter Bosz. Nachfolger Hannes Wolf hat eine klare Mission – und laut DFB auch ein Verfallsdatum.

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          Leihgeschäfte sind eigentlich nicht sehr verbreitet im Betrieb des Deutschen Fußball-Bundes, der von festen Anstellungsverhältnissen und einer recht großen Verweildauer der meisten Mitarbeiter geprägt ist. Reiner Calmund war der Erste, der auf solche Konventionen pfiff, als er in seiner Rolle als Manager von Bayer Leverkusen einst den Mitarbeiter Rudi Völler an den Verband verlieh. Im Jahr 2000 wurde Völler Teamchef der Nationalmannschaft, erreichte das Finale der WM 2002 und sorgte für den Übergang in eine neue Ära.

          Nun haben die Leverkusener ihrerseits bis zum Saisonende einen Trainer vom DFB ausgeborgt: Hannes Wolf, der für die deutschen U-18-Junioren verantwortlich ist, übernimmt für die kommenden zwei Monate den Posten von Peter Bosz. Es gehe um „das letzte Ziel“, das nach einem sagenhaften Absturz während der vergangenen Wochen noch greifbar sei, sagte der heutige Leverkusener Sport-Geschäftsführer Völler: die Qualifikation für die kommende Europa-League-Saison.

          Erschreckend hilflos

          Bosz’ Entlassung ist das Ende eines Prozesses, den der Niederländer in ganz ähnlicher Form schon einmal erlebt hat. 2017 in Dortmund wurde sein Team als kommender Meister gefeiert. Doch dann folgte eine Niederlage nach der anderen. Auch dort betonten die Verantwortlichen, wie sehr sie Bosz menschlich schätzten, wie begeistert sie von seinem mutigen Spielstil seien. Nun sagte Völler, er habe bis vor wenigen Wochen „geglaubt, dass Peter nicht nur eine Toplösung war, sondern auch die Spielkultur rübergebracht“ habe, die den Verantwortlichen vorschwebt. Die Beurlaubung des Trainers sei nun „eine Niederlage für uns alle“.

          Kurz vor Weihnachten war Leverkusen Tabellenführer, auf die Frage, wer Meister werde, erwiderte Bosz: „Bayer Leverkusen.“ Aber im Versuch, den anschließenden Niedergang zu bremsen, agierte er erschreckend hilflos. Im gesamten Kalenderjahr 2020 erlebte Bayer 04 nur acht Pflichtspielniederlagen, 2021 ist knapp drei Monate alt, und das Team hat zehn Partien verloren. Die Frage, warum gerade Bosz zum zweiten Mal einen derart dramatischen Zusammenbruch erlebe, ist auch für Völler nur „sehr, sehr schwierig zu beantworten“. Wichtig sei, „dass die Spieler an die Dinge noch glauben, dass da die Überzeugung ist, dass da die Chemie stimmt“, erklärte er. „Und wir hatten am Ende leider nicht das Gefühl, dass das noch gutgehen kann.“ In beiden Fällen hatten sich die Mannschaft und der Trainer irgendwie auseinandergelebt.

          Begünstigt wurde die Trennung aber sicher auch von der Option mit Wolf, die viele Chancen, aber kaum Risiken birgt. Schlimmer als unter Bosz kann es kaum werden, zudem lässt das Leihgeschäft die Möglichkeit für einer dauerhaften Zusammenarbeit offen, ohne allzu endgültig zu sein, auch wenn der DFB zunächst mitteilte, Wolf werde nach der Saison zum DFB zurückkehren. Und Wolf ist froh, dass er „niemanden im Stich lassen muss“, denn die Spiele der U-18-Auswahl-Teams finden pandemiebedingt ohnehin nicht statt. Statt im Büro an irgendwelchen Verbandsstrategien zu arbeiten, hat er eine neue Chance, seine zuletzt etwas ins Stocken geratene Karriere in eine neue Richtung zu lenken.

          Kein Marathon, nur ein „800-Meter-Lauf“ in Leverkusen: Trainer Hannes Wolf
          Kein Marathon, nur ein „800-Meter-Lauf“ in Leverkusen: Trainer Hannes Wolf : Bild: dpa

          Von 2009 bis 2016 arbeitete Wolf im Nachwuchsbereich von Borussia Dortmund, stieg 2017 mit dem VfB Stuttgart, seinem ersten Profiklub, in die Bundesliga auf, was ihm anschließend mit dem Hamburger SV nicht gelang. Im Herbst 2019 übernahm er den KRC Genk, doch in Belgien wurde im vergangenen Frühjahr die Saison abgebrochen. Nach der langen Pause blieben die Erfolge aus, so dass Wolf gehen musste und zum DFB wechselte.

          Jetzt sei er „ganz schnell Feuer und Flamme“ gewesen, als Bayer Leverkusen mit der Idee der Trainer-Leihe an ihn herangetreten sei, sagte Wolf. Seine erste Aufgabe sieht er darin, die Spieler an ihre Energie zu bekommen, „dass sie voll da sind“. Den Begriff „Energie“ verwendete auch Sportdirektor Simon Rolfes, als er die Vorzüge Wolfs beschrieb. Zudem sei der Fußball-Lehrer ein „sehr positiver Typ, ein absoluter Fachmann“, dem der erfahrene Ur-Leverkusener Peter Hermann assistieren wird. Offen ist aber, ob der Sog des Peter-Bosz-Strudels weiter wirkt.

          Denn auch Wolf steht vor der Schwierigkeit, ein Team voller großartiger Talente vorzufinden, dem nach den Verletzungen von Julian Baumgartlinger sowie Lars und Sven Bender jedoch die Anführer fehlen. Aber Schalke 04 ist am Karsamstag vielleicht der richtige Gegner, um eine Erfolgsgeschichte zu beginnen.

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