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Bayer-Trainer Peter Bosz : Leverkusen und der Sturzflug ohne Rettungsplan

  • -Aktualisiert am

Leverkusen-Trainer Peter Bosz hält an seinem Stil fest. Bild: Reuters

Der Zusammenbruch von Leverkusen erreicht eine neue Dimension – und der Glaube an Peter Bosz droht verlorenzugehen. Ob ein Trainerwechsel Bayers Probleme lösen würde, ist nicht sicher.

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          Ganz so gruselig wie Lennart Grill meinte, hatten sich seine Mitspieler nicht verhalten, aber gefühlte Wahrheiten treffen die Realität manchmal exakter als die tatsächlich gemessenen Daten. „Mit knapp 30 Prozent gewonnenen Zweikämpfen gewinnst du gegen keine Mannschaft in der Liga“, sagte Bayer Leverkusens Torhüter nach der 0:3-Niederlage bei Hertha BSC, in deren Verlauf die Werkself immerhin fast 40 Prozent der Zweikämpfe gewonnen hatte.

          Bundesliga

          Aber Grills persönlicher Eindruck beschrieb den blutleeren Auftritt seines Teams erheblich besser. „Wehrt euch!“, rief der junge Torhüter seinen Mitspielern irgendwann zu – vergeblich. Der Motivationsversuch blieb genauso wirkungslos wie die Maßnahmen, die Trainer Peter Bosz nach zehn Niederlagen aus den jüngsten 17 Pflichtspielen und dem Sturz auf Platz sechs der Tabelle einfallen.

          Nach diesem neuerlichen Rückschlag, dem eine 1:2-Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld vorausgegangen war, wird wieder einmal etwas intensiver über eine möglicherweise drohende Trennung von Trainer Bosz spekuliert. Der „Kölner Stadtanzeiger“ erklärte am Montag, „wieso Peter Bosz bei Bayer 04 gescheitert ist“, und charakterisierte den Niederländer als auf Daten und Statistiken fokussierten Theoretiker, als Mann für die Sonnenseite des Liga-Alltags, dessen Team jetzt in dieser Krise „ohne Adrenalin“ auftrete und „die Urinstikte des Spiels“ verloren habe. So langsam droht auch der Glaube von Sportdirektor Simon Rolfes und Sport-Geschäftsführer Rudi Völler an Bosz verlorenzugehen, auch wenn der Fußball-Lehrer auf die Frage, ob er beim nächsten Spiel auf Schalke noch Trainer in Leverkusen sei, trocken erwiderte: „Ja.“

          Wilde Zeit in Dortmund

          Wahrscheinlich stimmt das, denn die sportliche Leitung ist hin- und hergerissen. Grundsätzlich sind Rolfes und Völler von dem starken Wunsch erfüllt, die Wende mit Bosz hinzubekommen. Das Klima der Zusammenarbeit ist gut, und das von viel Risikobereitschaft geprägte Ballbesitz- und Gegenpressingspiel des Trainers soll auch künftig zum Markenkern der Fußballtochter der Bayer AG gehören.

          Allerdings in der schönen Variante des Vorjahres und nicht in der inspirationslosen Version dieser Tage. Gleichwohl sagte Rolfes jüngst gegenüber der „Bild“: „Mit unserem Kader ist trotz der vielen Ausfälle ein Jahr ohne Europa nicht vorstellbar.“ Das war eine leise Drohung gegenüber dem Trainer, der schon länger unter dem Verdacht steht, zwar großartige Mannschaften entwickeln zu können, in Krisenmomenten aber etwas unbeweglich zu agieren.

          In seiner wilden Zeit beim BVB stürmte er 2017 zunächst mit mitreißendem Begeisterungsfußball an die Tabellenspitze der Bundesliga, stürzte dann aber innerhalb weniger Wochen und ohne funktionierende Gegenmaßnahme komplett ab. Nach einem halben Jahr in Dortmund wurde er entlassen. In Leverkusen hat er nun schon einige schwierige Phasen überwinden können, aber der Zusammenbruch der vergangenen drei Monate hat eine neue Dimension.

          Der Ball senkt sich genau richtig: Leverkusens Torhüter Lennart Grill hat beim 1:0 von Berlin keine Chance.
          Der Ball senkt sich genau richtig: Leverkusens Torhüter Lennart Grill hat beim 1:0 von Berlin keine Chance. : Bild: EPA

          Innerhalb weniger Wochen verlor das Team häufiger als im gesamten Jahr 2020, ist gegen Rot-Weiss Essen aus dem DFB-Pokal ausgeschieden, wo sich eine echte Titelchance auftat. In der Europa League waren sie chancenlos gegen Young Boys Bern, dabei hatten sie rund um Weihnachten als Tabellenführer sogar über Chancen auf den Meistertitel sinniert. Nun befinden sie sich ohne erkennbaren Rettungsplan auf einem Sturzflug.

          Bosz hält weiter an dem riskanten Stil fest, mit dem das Team im Herbst so erfolgreich war. Doch im Moment funktioniert diese Spielweise, die stark vom richtigen Verhalten jedes Einzelnen abhängt, nicht mehr. „Wenn man so verteidigt beim Konter vom Gegner, dann verliert man“, sagte Bosz. Sobald irgendein Spieler beim Verschieben und Pressen zaghaft oder taktisch falsch agiert, rennen alle anderen nur noch hinterher. Das kann frustrierend für alle sein, Lust und Motivation gehen verloren, die Spirale des Misserfolgs dreht sich immer schneller. Doch eine krisenbedingte Umstellung auf einen weniger fehleranfälligen und auf Stabilität ausgerichteten Defensivfußball kommt nicht ernsthaft in Frage.

          Bosz deutete am Sonntagabend in Berlin an, dass es tatsächlich Konflikte im Team geben könnte, dass mancher vom Verhalten der Kollegen genervt ist. „Normalerweise finde ich eine Länderspielpause immer schwierig, weil man die Spieler lange nicht sieht“, sagte er, als es um die bevorstehenden Wochen ohne Klubwettbewerbe ging.

          Doch „in der Phase, in der wir sitzen, ist das gut, dass die meisten Spieler sich mal 14 Tage nicht sehen.“ Ähnlich klang Jonathan Tah, der hoffte, möglichst bald wieder „als Mannschaft auf dem Platz zu stehen. Wir müssen versuchen, uns zu helfen, uns positive Energie zu geben, das ist, was uns in dieser Situation übrigbleibt.“ Im Moment scheint diese Hilfe zu oft auszubleiben. Ob allerdings ein Trainerwechsel das Problem lösen würde, können nicht einmal Rolfes und Völler mit Gewissheit beantworten.

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