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Fußball-Bundesliga : Leverkusen und die Frage nach mehr Flexibilität

  • -Aktualisiert am

Der Neue: Gerardo Seoane Bild: EPA

Trainer Gerardo Seoane soll bei Bayer einen Paradigmenwechsel vollziehen. Sein Erfolgsrezept: ein variabler Ansatz. Leverkusens Herangehensweise soll verstärkt nach Form und Gegner ausgewählt werden.

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          Gerardo Seoane hat sich intensiv mit der Vergangenheit von Bayer Leverkusen beschäftigt, mit den Problemen, unter denen diese Mannschaft während der Achterbahnfahrt der vorigen Saison gelitten hat. Unter Peter Bosz, der lange recht erfolgreich war, am Ende aber in einen Strudel des Misserfolgs hineingeriet, ist die Spielweise des Teams zu eindimensional gewesen. Es mangelte an Flexibilität.

          Bundesliga

          Für den neuen Trainer, der an diesem Samstagabend gegen Borussia Mönchengladbach (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) sein erstes Heimspiel mit dem neuen Klub bestreitet, stellt sich damit eine große Aufgabe: Er soll einen Paradigmenwechsel durchführen.

          „Ich möchte verschiedene Spielweisen pflegen“, kündigt der Schweizer in einem Interview mit der Zeitschrift Kicker an. Je nach Gegner, Spielstand und Saisonphase soll die Werkself „mal höher, mal tiefer Druck ausüben“. Denn Bosz scheiterte nicht zuletzt daran, dass alternative Herangehensweisen fehlten, als sein auf einer extrem riskanten Verteidigungsstrategie basierender Fußball keine Erfolge mehr brachte. Die Mannschaft verlor mehr und mehr Vertrauen in den Trainer und in sich selbst, der Interimscoach Hannes Wolf schaffte am Ende gerade noch die Qualifikation für die Europa League.

          Anpassung an eigene Form und Gegner

          Statt „immer gleich zu spielen“, werden die Leverkusener ihre Spielweise künftig an die eigene Form und die Eigenheiten des Gegner anpassen, sagt Seoane. Das klingt nicht nur interessant, sondern auch sehr anspruchsvoll. Zumal viel erwartet wird in Leverkusen, wo Europapokalteilnahmen zum Alltag gehören. Der ehrgeizige Geschäftsführer Fernando Carro betont gerne, dass er seinen Klub eigentlich in der Champions League sieht und irgendwann auch mal wieder einen Titel bejubeln will. Außerdem möchte das anspruchsvolle Publikum spektakuläre Unterhaltung geboten bekommen, sonst kommen die Leute nicht.

          Wobei Seoane klarstellt, dass Erfolg aus seiner Sicht unterschiedliche Ausprägungen haben kann. „Erfolge können Titel sein, Erfolge könne Siege sein“, sagt er. „Aber Erfolg kann auch sein, eine Mannschaft zu entwickeln, Spieler weiter zu bringen.“ Der letzte Punkt ist in Leverkusen besonders wichtig. Denn zum Geschäftsmodell gehört der Erwerb von großen Talenten, die irgendwann mit Gewinn weiterverkauft werden. Zuletzt gelang das mit Leon Bailey, der für mehr als 30 Millionen Euro zu Aston Villa in die Premier League wechselte.

          Erbe von Adi Hütter in Bern

          Dass die Klubführung um Carro, Sportgeschäftsführer Rudi Völler und Sportdirektor Simon Rolfes ihr schwieriges Projekt dem 42 Jahre alten Schweizer anvertraut, bleibt bemerkenswert. Abgesehen von vier sportlich eher enttäuschenden Jahren als Spieler der zweiten Mannschaft von Déportivo La Coruña in Spanien hat Seoane bisher nur in der Schweiz gearbeitet. Nach sieben Jahren in verschiedenen Positionen beim FC Luzern landete er 2018 bei den Young Boys Bern, wo er Adi Hütter beerbte. Drei Mal nacheinander wurde er Schweizer Meister und, was den Verantwortlichen in Leverkusen besonders imponierte: Im Sechzehntelfinale der vergangenen Europa-League-Saison fand Seoane eine perfekt passende Strategie, um Bayer Leverkusen mit seinem Schweizer Außenseiterteam aus dem Wettbewerb zu befördern.

          Den Kopf frei kriegen – und angreifen: Bei Bayer wird jetzt auch eine Mannschafts-Mentalität erwartet.
          Den Kopf frei kriegen – und angreifen: Bei Bayer wird jetzt auch eine Mannschafts-Mentalität erwartet. : Bild: EPA

          Es wäre gefährlich, so ein Erlebnis zum Hauptargument für eine Trainerverpflichtung zu machen, weil in zwei einzelnen Fußballspielen immer Faktoren wie Glück oder die Tagesform Einfluss nehmen. Doch Seoane machte auch in den anschließenden Gesprächen zum Kennenlernen einen sehr guten Eindruck auf Rolfes, Völler und Carro, und seine öffentlichen Auftritte sind bislang ebenfalls sehr überzeugend. Den Fragen, die ihm gestellt werden, hört er exakt zu, er weicht nicht aus und hat bereits einen eigenen Beitrag zur großen Mentalitätsdebatte geliefert, die in Deutschland so oft und gerne geführt wird. Die Mentalität eines Teams entstehe nicht über die Leistungen einzelner Typen, die besonders energisch zur Sache gingen, die kämpften und schrien, sagt er, sondern „über Teamspirit, über eine starke Gruppe“. Es gehe um „Leadership, Disziplin, Entschlossenheit, das sind alles Punkte, die in das Paket Mentalität gehören“.

          Diese Sichtweise passt ganz gut zur Lage in Leverkusen. Denn klassische Mentalitätsspieler, die sowohl in der Kabine als auch auf dem Platz das Wort ergreifen, die aufrütteln und Verantwortung für strategische Entscheidungen übernehmen, sind rar in diesem Kader. Seit Lars und Sven Bender im Sommer ihre Karrieren beendet haben, klafft ein Loch im Gefüge, fußballerisch wie menschlich.

          Seoane hofft, dass Kerem Demirbay, Jonathan Tah und Lukas Hradecky mehr Verantwortung übernehmen. Zudem wurde in dieser Woche mit Robert Andrich von Union Berlin ein Profi an den Rhein geholt, der für seine Robustheit bekannt ist. Dass der Mittelfeldspieler künftig das Trikot des langjährigen Kapitäns Lars Bender mit der Rückennummer 8 trägt, ist ein recht deutlicher Hinweis darauf, dass auch Andrich eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Mannschafts-Mentalität übernehmen soll. „Ich versuche, die 8 auf meine Art und Weise auszufüllen, und hoffe, dass es mir so gut wie möglich gelingt“, sagt Andrich. Das Duell gegen Gladbach ist kein schlechter Moment, um damit zu beginnen.

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