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Bayer und die Platzverweise : Die Sünder der Liga

Kung-Fu-Wendell: Leverkusens Brasilianer in der falschen Sportart Bild: pixathlon / HJS

Kein Klub muss mehr Hinausstellungen hinnehmen als Bayer – diesmal trifft es den Brasilianer Wendell. Was ist der Grund für Leverkusens Platzverweis-Problem?

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          Bayer Leverkusen ist in der Bundesliga bekannt für schönen Fußball. Meist bringt man die Leverkusener dann auch noch damit in Verbindung, dass ihnen das Siegergen fehle. „Vizekusen halt!“, heißt es gerne. Ein Mangel an Härte gilt dann auch gerne als Grund für das Scheitern beim Versuch, Titel in die Stadt der Chemie und Pharmazie zu holen. Spätestens nach dem 1:0 bei Mainz 05 am Sonntag durch ein Tor von Lucas Alario in der dritten Minute der Nachspielzeit war die Diskussion aber mal eine ganz andere, weil Bayer nicht nur gegen die Gewohnheit glücklich und mit Ausgebufftheit gewann, sondern auch die Führung in einem gänzlich unerwarteten Ranking ausbaute. Die „Werkself“ hat in der Hinserie die bemerkenswerte Zahl von fünf Hinausstellungen erreicht und somit mehr als jeder andere Klub. Auf Rang zwei folgt der FC Augsburg mit drei Roten oder Gelb-Roten Karten. Sind die Leverkusener ausgerechnet unter dem Niederländer Peter Bosz, einem bekennenden Liebhaber des Offensivspiels, zu Rüpeln geworden?

          Bundesliga
          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Trainer widersprach dem Verdacht nach dem Sieg in Mainz vehement. „Es ist blöd, dass wir so viele Rote Karten bekommen“, sagte Bosz. „Wir haben eine fußballerische Mannschaft. Das ist allein Pech. Wir müssen da nichts besonders ansprechen.“ Bosz wollte keinesfalls eine Diskussion über mangelnde Disziplin in seinem Team aufkommen lassen. Und vermutlich liegt er damit auch zum Großteil richtig. In Mainz flog Wendell für einen heiklen Zweikampf mit Levin Öztunali in Höhe der Mittellinie, dem er kaum hatte ausweichen können, mit Gelb-Rot vom Platz. Schiedsrichter Patrick Ittrich wertete diese Ringkampfeinlage mit Öztunali als taktisches Foul. Unnötig waren hingegen die beiden Entgleisungen von Leon Bailey in der jüngeren Vergangenheit. Der hochbegabte Jamaikaner fehlte seinem Team in Mainz aufgrund seiner Roten Karte in der vergangenen Woche beim 0:2 in Köln wegen der bereits zweiten Rot-Sperre der laufenden Spielzeit, weil er seinem Gegenspieler Kingsley Ehizibue nur 20 Minuten nach seiner Einwechslung ins Gesicht geschlagen hatte. Sein Kapitän ging deshalb anschließend öffentlich hart mit dem Mitspieler ins Gericht. „Es ist nicht die erste Rote Karte, und ich erwarte da eine Entschuldigung“, sagte Lars Bender. „Da sind Jungs auf dem Platz, die sich 70 Minuten auskotzen und dann in der Folge zu neunt dagegenhalten müssen. Da hat er uns einen Bärendienst erwiesen.“

          Mainzer Fitnesseinschätzungen von Bayer-Trainer Bosz

          Wendell wurden solche Maßregelungen nun nicht zuteil, obgleich auch die Entstehungsgeschichte seines Platzverweises Anlass zumindest zu gewisser Kritik geboten hätte. Nachdem der Brasilianer in der 58. Minute nach einem Tritt gegen Öztunalis Stirn, der gefährlicher aussah, als er tatsächlich war, zurecht verwarnt worden war, verhielt er sich in der 71. Minute, als das Aus für ihn kam, nicht wirklich klug. Immerhin ging Bayer dennoch als Sieger vom Platz. Und das lag nicht zuletzt am erstaunlichen Wagemut von Trainer Bosz. Kurz nach Wendells Abgang brachte er mit Alario noch einen Torjäger für den etwas defensiver agierenden Kerem Demirbay. „Wir hatten zuletzt zwei Spiele verloren. Also mussten wir hier gewinnen, auch zu zehnt“, sagte Bosz. „Es war auch klar, dass Mainz 05 nicht bis zum Schluss so aggressiv spielen kann wie bis dahin und dass Räume entstehen. Alario ist dann der Mann, der Tore schießen kann.“

          Im Rheinderby gegen den 1. FC Köln gab es gleich zwei Hinausstellungen für die Leverkusener: Hier erwischt es Verteidiger Aleksandar Dragovic mit Gelb-Rot.
          Im Rheinderby gegen den 1. FC Köln gab es gleich zwei Hinausstellungen für die Leverkusener: Hier erwischt es Verteidiger Aleksandar Dragovic mit Gelb-Rot. : Bild: dpa

          Tatsächlich entstanden plötzlich auch deshalb große Räume, weil die Mainzer durch die Überzahl zu noch mehr Risiko verlockt wurden. Den Gewinn verspielten sie aber, weil Jean-Philippe Mateta, Jean-Paul Boetius und abermals Mateta beste Chancen vergaben. Stattdessen nutzte Bayer Leverkusen einen Fehlpass von Innenverteidiger Moussa Niakhaté zu einem mustergültigen Konter, an dessen Ende Alario den Ball auf Vorlage von Kevin Volland nur noch einzuschieben brauchte.

          „Es war ein verrücktes Spiel“, sagte Bosz am Ende nur noch lapidar. Tatsächlich hätte Mainz 05 die Begegnung zu seinen Gunsten entscheiden müssen. Der Chancenwucher auch des in Bremen wenige Tage zuvor beim 5:0-Sieg mit drei Toren so treffsicheren Robin Quaison in Halbzeit eins verdarb den Mainzern dann aber doch ein wenig die Vorfreude auf Weihnachten.

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