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Bundesliga-Saisonstart : Ein schwieriger Sommer für Leverkusen

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Auf ihn schauen sie in Leverkusen. Aber wie lange noch? Kennen gehen davon aus, dass Kai Havertz als angehender Weltstar bald in Madrid, München oder Manchester kicken wird. Bild: dpa

Leverkusen hat ein sehr talentiertes und interessant verstärktes Team. Die Werkself steht vor einer Saison, in der die Fußball-Welt neugierig auf Kai Havertz blickt. Entscheidender für den Erfolg ist aber etwas anderes.

          Die rheinische Stadt Leverkusen, die unmittelbar an der nördlichen Grenze Kölns beginnt und die vor allen Dingen aufgrund ihrer vielen mit der Bayer AG verwobenen Unternehmen bekannt ist, hat keinen guten Sommer hinter sich. Es war nicht nur sehr, sehr heiß, schlimmer noch ist, dass der hier beheimatete Chemiekonzern seit Monaten unter der Übernahme des umstrittenen Herbizidherstellers Monsanto ächzt. Arbeitsplätze fallen weg, die Menschen fürchten sich nach dem Einstieg einer berüchtigten Heuschrecke sogar vor einer Zerschlagung der Bayer AG.

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          Und nun blicken auch noch die Fußballspieler von Bayer Leverkusen auf unerwartet schwierige Wochen zurück. Die Stimmung ist alles andere als hervorragend vor dieser Saison, in der der Verein sich mal wieder dem globalen Publikum auf der strahlenden Champions-League-Bühne präsentieren darf. Von sieben Vorbereitungsspielen gegen internationale Gegner haben die Leverkusener kein einziges gewonnen, 16 Gegentreffer haben sie zugelassen, Peter Bosz muss bereits beschwichtigen. „Wir sind in einem neuen Aufbau, da sind mir die Ergebnisse in den Testspielen eigentlich nicht wichtig“, sagt der Trainer.

          Doch die Sommerpause hat am Selbstvertrauen genagt, zumal die Defensive am vorigen Samstag im Pokal beim Viertligaklub Alemannia Aachen trotz eines 4:1-Sieges wieder unsortiert und verletzlich wirkte. „Wir haben noch zu viele Fehler gemacht“, sagt Kai Havertz, der Mittelfeldspieler, von dem die meisten Experten glauben, er werde vom kommenden Sommer an als angehender Weltstar in Barcelona, Madrid, München oder Manchester spielen. Vorerst wird das 19 Jahre alte Juwel jedoch in Leverkusen bleiben, und diese Aussicht belebt eigentlich Hoffnungen, vor einer besonders erfolgreichen Saison zu stehen.=)

          Sogar der zur rhetorischen Defensive neigende Sportvorstand Rudi Völler hat angekündigt, den DFB-Pokal gewinnen zu wollen, weil dies der einzige Titel sei, der für einen Klub wie Bayer Leverkusen ohne großes Fußballwunder erreichbar sein könnte. In der Bundesliga wollen sie abermals unter die ersten vier kommen und in der Champions League das Achtelfinale erreichen. Und weil mit Julian Brandt nur ein wichtiger Spieler aus dem Erfolgsteam des Vorjahres verlorenging, sind solche Ambitionen auch gut nachvollziehbar. Allerdings haben sie mit Bosz einen Trainer, dem nach seinem vor zwei Jahren krachend gescheiterten Versuch, als Chefcoach bei Borussia Dortmund zu reüssieren, ein gewisses Misstrauen entgegenschlägt. Und dieser Sommer hat den Skeptikern, die im Frühjahr leiser geworden waren, neue Argumente beschert.

          Der 55 Jahre alte Niederländer ist ein Mann der Extreme, man kann das gut an einer Statistik aus der Rückrunde der vorigen Saison erkennen. In ganz Europa hatte kein Klub in einer der größeren Ligen mehr Ballbesitz als Bayer Leverkusen. Nicht einmal der FC Barcelona, Manchester City oder Bayern München. Und Bosz neigt nicht nur im Spiel mit Ball zur Radikalität. Wenn der Gegner das Spiel aufbaut, agiert sein Team äußerst riskant, stört den Gegner mit großer Intensität und oftmals weit in dessen Spielhälfte. Sobald ein Rädchen im Uhrwerk dieser Druckausübungsmaschine hakt, wird es gefährlich. „Es geht halt nicht mit einem bisschen weniger, sondern man muss sich wirklich konzentriert die ganze Zeit über an den Plan halten. Das ist das A und O“, sagt Abwehrchef Sven Bender, und Bosz ergänzt: „Die Abstimmung muss besser werden – und da muss ich sagen: in allen Bereichen!“

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          Die Lösung des Problems liegt nun wohl in einem Mannschaftsteil, der schon im Vorjahr der Schlüssel zum Erfolg war: im zentralen Mittelfeld mit zwei eher defensiven und zwei eher offensiv ausgerichteten Leuten. Brandt und Havertz hatten hier im Frühjahr ein harmonisches Zusammenspiel mit Charles Aranguiz und Julian Baumgartlinger gefunden. Nun ist Brandt weg, und Aranguiz fehlte über weite Teile der Vorbereitung, weil er mit Chile an der Copa America teilnahm und danach Urlaub machte. Die Neuzugänge Kerem Demirbay und Nadiem Amiri haben es bislang nicht geschafft, ähnlich stabil zu agieren. Mit der Reintegration von Aranguiz soll sich das ändern. „Charly ist vielleicht nicht der schnellste Spieler im Kader, aber er denkt am schnellsten, er antizipiert gut, ich liebe Spieler, die antizipieren“, sagt Bosz über seinen Chefstrategen. Aber ein einziger Mann, der erkennt, was zu tun ist, reicht in so einer langen Saison kaum aus, zumal Aranguiz immer mal wieder verletzt ist.

          Der Beginn des neuen Spieljahres ist daher von dem Eindruck geprägt, dass Bayer Leverkusen ein zwar sehr talentiertes und nach den Verpflichtungen von Amiri, Demirbay (beide Hoffenheim), Moussa Diaby (Paris Saint-Germain) und Daley Sinkgraven (Ajax Amsterdam) interessant verstärktes Team ist. Dass aber die fragile Balance, die bedingungslose Überzeugung vom Bosz-Fußball durch die Veränderungen im Kader gelitten hat. Die Werkself steht vor einer Saison, in der die internationale Fußball-Welt neugierig auf Havertz blicken wird. Entscheidender für den Erfolg ist aber die Frage, ob es der als eigensinnig geltende Trainer schafft, strategische Prinzipien zu verankern, an die sich alle mit größtmöglicher Überzeugung halten werden.

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