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Deutsche Nationalelf : Der selbstlose Chef

Im Mittelpunkt – aber nicht allein: „Ich bin ein Spieler, der denkt, es müssen elf Kapitäne auf dem Platz sein.“ Bild: dpa

Erstmals führt Bastian Schweinsteiger die Nationalmannschaft als Kapitän an. Ein Leader wie er fehlte dem Team zuletzt – aber reicht es für den Bayern bis zur EM 2016?

          3 Min.

          Die Fußball-Geschichtsschreibung nennt in der Regel andere Wegmarken. Aber in Kaiserslautern begann an jenem Juniabend im Jahr 2004 eine Epoche des deutschen Fußballs. Es war alles andere als ein glücklicher Beginn. 0:2 verlor die von Rudi Völler trainierte Mannschaft damals gegen Ungarn. Und die kurz darauf beginnende Europameisterschaft wurde zu einem noch tieferen Tiefpunkt, als man – und auch der damalige Bundestrainer – sich das hätte vorstellen können. An jenem 6. Juni 2004 trugen aber auch zwei Spieler zum ersten Mal das Trikot der Nationalmannschaft, die einer ganzen Generation ihren Namen geben sollten – und für die der WM-Sieg vom vergangenen Sommer die Vollendung eines lange gehegten Versprechens war.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Wenn „Poldi und Schweini“ an diesem Mittwoch mit der deutschen Mannschaft wieder mal in Kaiserslautern antreten, zum Testspiel gegen Australien (20.30 Uhr/ZDF live), dann bekommt man das Gefühl, dass sich der gemeinsame Weg im Schlussbogen befindet. Während Bastian Schweinsteiger mit 30 Jahren zum ersten Mal offiziell als Kapitän das Aufgebot des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) anführen wird, ist Podolski, 29, nur noch ein Gast von Joachim Löws Gnaden.

          So klang es ein wenig nach einem kleinen Freundschaftsdienst des neuen Kapitäns, als er über den alten Kämpen Podolski sagte, er sei nach wie vor ein „sehr guter Fußballer, der nicht einfach zu bespielen ist“ und obendrein mit seiner immer positiven Art „für den Teamspirit extrem wichtig“.

          Er nimmt den Kapitäns-Titel gelassen

          Podolskis Zeit im Nationalteam scheint sich, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, gen Ende zu neigen. Aber auch bei Schweinsteiger hatte man lange nicht sicher sein können, ob er es noch schaffen würde bis zum großen Triumph. Oder besser: sein Körper. Als Schweinsteiger am 13. Juli gezeichnet von den Malen einer großen Fußballschlacht den Sieg seines Lebens genoss, spiegelte sich darin auch eine ganze Karriere im Zeichen der Aufopferung und des Verschleißes. Schweinsteigers Art, Fußball zu spielen, war schon immer eine, die auf Dauer die Gesundheit gefährdete – selbst wenn der dazugehörige Körper einen robusten und austrainierten Eindruck machte.

          Gemessen an all dem, war es erstaunlich lapidar, wie Schweinsteiger am Dienstag bei der DFB-Pressekonferenz in Frankfurt auf die Frage antwortete, was sich seit dem Triumph von Rio geändert habe. „Auf der Autogrammkarte steht noch ein Titel mehr“, sagte er. Man glaubte es ihm selbstverständlich nicht.

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          Etwas anderes ist es schon mit dem Understatement, mit dem er über die neue Rolle sprach. Kapitän sein – das ist für Schweinsteiger gewiss auch eine „Ehre“, wie er sagte. Als Statussymbol aber, als Zeichen von Autorität und Leadership, benötigt der Münchner die Binde nicht. „Ich bin ein Spieler, der denkt, es müssen elf Kapitäne auf dem Platz sein“, sagte Schweinsteiger. Und: „Bei den Titeln, die ich geholt habe, war das der Fall.“

          Löw schwärmt von Schweinsteigers „Präsenz“

          Es war ein sanfter, ein leiser, in gewisser Weise auch ein selbstverständlicher Übergang nach dem Rücktritt von Philipp Lahm im Anschluss an die WM – ganz anders jedenfalls als bei der vorherigen Übergabe von Michael Ballack zu Philipp Lahm, die ja auch einen Kulturbruch bedeutet hatte: von der alten, hierarchisch geprägten Kultur zu einer der flachen Hierarchien und des Dialogs (was Lahm freilich nicht daran hinderte, sein Revier zu markieren, als Ballack Anstalten machte, das gute Stück zurückzubekommen). Die Frage, wer Kapitän ist, kann man sagen, ist einfach nicht mehr so wichtig, wie sie das über Generationen war und wie das auch medial vermittelt wurde – solange die Teamstruktur insgesamt intakt ist.

          Löw sprach am Dienstag davon, was für ein „wichtiges Zeichen“ es sei, dass der „Kapitän wieder an Bord“ sei, er schwärmte von Schweinsteigers „Präsenz auf dem Platz“, gerade in den „ganz großen Spielen“. Aber genau darum geht es: um den Spieler Schweinsteiger und nicht zwingend um den Kapitän. Einen wie ihn, einen selbstlosen Chef, der im Spielzentrum den Laden zusammenhält, hätte man schon brauchen können, als der Weltmeister im vergangenen Herbst etwas schwachbrüstig und verletzlich daherkam – und in der EM-Qualifikation in vier Tagen mal eben fünf Punkte liegenließ.

          Schweinsteiger berichtete davon, wie er diese Spiele als Zuschauer erlebt habe, und er setzte in dieser Hinsicht sogar einen Akzent, der ein wenig von der zuvor vom Bundestrainer gezeichneten großen Linie abzuweichen schien. Während Löw mit Blick auf die Weiterentwicklung der Mannschaft vor allem von einer Erweiterung der offensiven Möglichkeiten sprach, mahnte Schweinsteiger, die Defensive im Auge zu behalten.

          In verschiedene Richtungen werden die beiden gewiss nicht arbeiten – im Gegenteil, der WM-Sieg hat eine besonders enge, eine geradezu innige Verbindung geschaffen. Aber natürlich stellt sich auch bei Schweinsteiger unweigerlich die Frage, wie weit der gemeinsame Weg noch führen kann. Ob der Kapitän neben allen Qualitäten als Anführer auch noch die nötige Frische und das nötige Tempo mitbringt, wenn es Richtung EM 2016 geht. „Der Weg dieser Mannschaft ist noch nicht zu Ende, da kann noch was kommen“, sagte er am Dienstag. Aber jünger – und weniger verletzungsanfällig – wird auch dieser zähe Bayer nicht.

          So, wie Löw am Dienstag sprach, ließ sich nicht einmal ausschließen, dass Schweinsteiger seine Amtszeit als Kapitän zwecks Schonung auf der Bank beginnt. Ist einerseits nicht so wichtig, könnte man sagen. Ein kraftvolles Zeichen für die Zukunft aber wäre es auch nicht unbedingt.

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