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Ballack-Löw-Debatte : Nach dem Streit ist vor dem Streit

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Folgt Ballack (l.) den Anweisungen seines Vorgesetzten Löw? Bild:

Die Wellen der Empörung sind mühsam geglättet, doch die entscheidende Frage bleibt: Hat Michael Ballack mit seiner inhaltlichen Kritik am Bundestrainer recht oder nicht? Eine Bestandsaufnahme von Michael Ashelm.

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          Wie wichtig Michael Ballack für die deutsche Nationalmannschaft ist, haben die vergangenen anderthalb Wochen auch ohne eine einzige Spielminute eindrucksvoll gezeigt. Welcher andere Spieler könnte die Fußball-Nation so in Atem halten wie der 32 Jahre alte Mittelfeldstar?

          Und als sich bei Joachim Löw nach dem mit Spannung erwarteten zweistündigen Vieraugengespräch die Erkenntnis durchsetzte, doch nicht auf seinen besten Spieler verzichten zu wollen, obwohl der entschlossen auftretende Bundestrainer zuvor seinen Rausschmiss nicht ausgeschlossen hatte, war die kurzzeitig wankende Machtposition des Kapitäns wieder in alter Form hergestellt. Vielleicht sogar mehr: Die Umstände der sogenannten Versöhnung sprechen dafür, dass Ballack nach seinem Interview-Anstoß in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“(siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“) gestärkt aus den turbulenten Tagen hervorgeht.

          Ballack schlug eine Welle ereifernder Empörung entgegen

          Mit schwerem Geschütz war tagelang auf Ballacks Äußerungen gekontert worden, sodass plötzlich der Eindruck entstand, der einzige deutsche Spieler, der als Stammkraft bei einem europäischen Spitzenklub (Chelsea) angestellt ist und dem Nationalteam in den vergangenen Jahren sportlich viel gegeben hatte, könnte nur als der große Verlierer aus den Verwerfungen herauskommen.

          Ist Kapitän Ballack (r.) im Machtkampf mit Bundestrainer Löw in Ballbesitz?
          Ist Kapitän Ballack (r.) im Machtkampf mit Bundestrainer Löw in Ballbesitz? : Bild: dpa

          Anderseits ist der Kapitän in all den Jahren als Fußballprofi nicht dafür bekannt gewesen, unbotmäßige Kritik in der Öffentlichkeit auszuwalzen. Trotzdem schlug ihm jetzt eine Welle ereifernder Empörung entgegen. Weder mit „Waffengewalt noch Geld“ wollte Löw seinen Kapitän zum Weitermachen bewegen, wie er sagte, und als die Streitparteien sich auf eine öffentliche Sendepause verständigten, bis die Ergebnisse des gemeinsamen Treffens feststanden, ging es munter weiter.

          Zwanziger sieht keinen Autoritätsverlust - weder bei Ballack noch bei Löw

          Löws langjähriger Anwalt Christoph Schickhardt stichelte in einem Interview, er wüsste nicht, „wie Ballack die Kurve kriegen will“ und sah das Gespräch zwischen Bundestrainer und Kapitän mehr als „Anhörung“. Dann meldete sich noch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, den mit Ballack nicht mehr viel verbindet, mit einem kritischen Nachschlag zu Wort. Im Nachhinein erscheinen die Drohgebärden im Vergleich zum Ergebnis der Übereinkunft zwischen Löw und Ballack in einem krassen Missverhältnis, so dass sich natürlich die Frage nach einem möglichen Autoritätsverlust beim Bundestrainer stellt.

          Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, der in den Tagen vor der Einigung den Bundestrainer immer deutlich gestärkt hatte, sagte gestern gegenüber dieser Zeitung: „Es wäre schlecht gewesen, wenn die Autorität des Bundestrainers beschädigt worden wäre. Ich glaube aber, dass die Position von Joachim Löw noch stärker als bisher ist. Andererseits bin ich froh, dass herausgekommen ist, dass Michael Ballack weiterhin Kapitän ist.“ Zwanziger findet nicht, dass der deutsche Fußball-Bundestrainer geschwächt aus diesem Konflikt herausgegangen ist - doch wohl auch der Kapitän nicht.

          Hat der Kapitän Recht oder nicht?

          Eine wichtige Frage bleibt in der Diskussion nämlich offen, die auch nach der Einigung zwischen Ballack und Löw nicht geklärt werden konnte: Hat der Kapitän mit seiner inhaltlichen Kritik eigentlich Recht oder nicht? Ballack hatte dem Bundestrainer vorgeworfen, seit vielen Jahren bei seinen Personalentscheidungen unehrlich und respektlos zu handeln. Er sah die Gefahr, dass durch den Verzicht auf Torsten Frings die Hierarchie der Mannschaft aus den Fugen gerate, weil jüngere Spieler womöglich die Erwartungen nicht erfüllen und am Druck scheitern könnten.

          Zudem mahnte er das Leistungsprinzip bei der Auswahl der Nationalspieler an, welches aus seiner Sicht wohl nicht immer als Kriterium herangezogen würde. Nach Ballacks Interview war allerdings nur die Form seiner Meinungsäußerung kritisiert worden, etwas, was nur intern besprochen werden dürfe. Die Art und Weise, wie der deutsche Nationalmannschaftskapitän mit seiner Meinung auf den öffentlichen Markt getreten war, beschäftigte auch einige seiner Mitspieler in der Nationalelf wie Philipp Lahm, Arne Friedrich, Miroslav Klose oder Robert Enke, die das nicht guthießen.

          Ballack bleibt bei seiner Kritik

          Interessant deshalb, dass sich Ballack in der gemeinsamen offiziellen Erklärung nach dem Versöhnungsgespräch nur für den öffentlichen Weg und nicht die inhaltliche Kritik „entschuldigt“. Nachdem sich am Freitag die Formulierung des Papiers - anders als angekündigt - über viele Stunden hingezogen hatte, kann vermutet werden, dass nicht nur eine Parallelveranstaltung der Deutschen Fußball Liga durch die zu erwartende mediale Schlagkraft der Nachricht geschützt werden sollte, sondern die beratende Seite von Löw noch versucht haben könnte, dem Kapitän eine Rücknahme seiner Fundamentalkritik abzuringen.

          Doch dessen Meinung zur Arbeit von Löw steht weiterhin. „Es ist in Ordnung, wenn Michael Ballack seine eigene Sichtweise hat“, sagt Zwanziger und nicht der Bundestrainer. „Aus dem, was ich weiß und was mir berichtet wird, sage ich aber, dass diese Kritikpunkte objektiv nicht berechtigt sind. Der Bundestrainer hat ihm diese Position in allen Fragen unmissverständlich deutlich gemacht.“

          Löw kann sich nicht erlauben, die Mannschaft zu schwächen

          Löw trägt die Verantwortung. Er kann sich nicht erlauben, seine Mannschaft personell zu schwächen. Sein Votum pro Ballack stärkt daher nicht nur den zwischenzeitlich von einigen Seiten abgeschriebenen Kapitän, sondern auch seine eigene Position. Ob schwacher oder neuer starker Löw, wie zuletzt diskutiert wurde - der Bundestrainer hat nicht vergessen, was er an Ballack hat - eine rationale Erkenntnis.

          Der kräftige Disput ändert daran erst mal nichts. „Anders wäre es mir lieber gewesen. Aber ich bin nicht so naiv zu glauben, dass bei der Nationalmannschaft nur eine heile Welt anzutreffen ist. Es wird auch in Zukunft Spannungspotential geben. Wichtig ist, dass die Spannung in positive Energie umgewandelt wird. Und in diesem Fall gehe ich davon aus“, sagt der DFB-Präsident.

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