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Videobeweis im Fußball : Grenzen der Gerechtigkeit

Klares Abseits: Alle wussten es, der Schiedsrichter aber durfte es nicht sagen Bild: AP

Auch an diesem Bundesliga-Wochenende wurde der Ruf nach dem Videobeweis laut. Zu einem Erfolgsmodell kann er aber nur werden, wenn man ihm klar umrissene Grenzen setzt.

          Her mit dem Videobeweis! Selten war diese Forderung so deutlich und auch einstimmig zu vernehmen wie an diesem Wochenende. Man musste noch nicht mal Ingolstädter sein, um die tiefe Verbitterung über das zu spüren, was dem Team von Ralph Hasenhüttl widerfahren war. Selbst in den Reaktionen der Dortmunder drang das Unbehagen darüber durch, welche Ungerechtigkeit der Sport – oder besser: die Unzulänglichkeit der menschlichen Wahrnehmung – mitunter hervorbringt.

          Wobei das besondere Paradox dieses Samstags darin lag, dass es ja einen Videobeweis gab – nur in einer grotesken, man kann sogar sagen: pervertierten Form. Die Aufnahmen von Pierre-Emerick Aubameyangs Abseitstor über die Videowände der Arena flimmern zu lassen, war die wahre Fehlleistung des Tages. Weil sie Schiedsrichter Guido Winkmann, der diese Szenen zwar wie 80.000 andere sehen konnte, letztlich aber die Augen davor verschließen musste, zur ärmsten Sau im ganzen Stadion machte.

          Andere Sportarten sind weiter

          Was aber folgt aus diesem Fauxpas der besonders (folgen-)schweren Sorte? Der Dortmunder Trainer Thomas Tuchel brachte das Dilemma auf den Punkt, das auch unabhängig von einer Respekt- oder einfach nur Sorglosigkeit wie dieser besteht. Spätestens über den Umweg der Smartphones sind die Unbeteiligten im Stadion in vielen Szenen besser im Bilde als diejenigen, die mittendrin oder zumindest am Rand, auf den Bänken, dabei sind.

          Es ist deshalb richtig und auch notwendig, darüber nachzudenken, wie der Fußball in dieser Frage mit der Zeit gehen kann. Andere Sportarten haben längst vorgemacht, wie sich bildgebende Verfahren unaufdringlich, aber effektiv in die schiedsrichterliche Beweisführung einbringen lassen. Nicht nur beim Deutschen Fußball-Bund, dessen Schiedsrichter-Kommission sich in dieser Debatte „an die Spitze der Entwicklung setzen“ möchte, blickt man deshalb gespannt auf die Exekutivsitzung des Weltverbands Ende März, bei der über eine zweijährige Testphase für den Videobeweis entschieden werden soll. Die Aussichten sind nicht schlecht, schließlich hatte das als konservativ geltende Regel-Board (Ifab) dies empfohlen.

          Doch über eines muss man dabei im Bilde sein: Selbst die totale Überwachung auf dem Rasen bringt noch keine absolute Gerechtigkeit – auch wenn das manchmal suggeriert wird. Es ist das andere Paradox des Mediensports: dass das Fernsehen erst eine Qualität der Wahrnehmung geschaffen hat, wie sie das menschliche Auge gar nicht zu leisten imstande ist. Selbst die Ingolstädter protestierten nach Aubameyangs Treffer erst, als sie die Bilder in der Wiederholung gesehen haben. Und oft genug bringen die Aufnahmen, gerade bei Abseitsentscheidungen, auch nur eine Scheingenauigkeit hervor.

          Ein Grund, dem Schiedsrichter technisch mögliche Hilfe zu verweigern, ist das nicht. Zu einem Erfolgsmodell kann der Videobeweis aber nur werden, wenn man ihm klar umrissene Grenzen setzt. Auch, was die Erwartungen betrifft.

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