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Fußball-Athletiktrainer : Fußabtreter oder Fitness-Guru?

  • -Aktualisiert am

Der „Fall Ribéry“ führt seit Monaten vor Augen, wie schädlich es sein kann, mit verfrühten Prognosen Hoffnungen zu wecken. Bild: dpa

Athletiktrainer spielen eine immer größere Rolle in Fußballvereinen. Sie müssen die Profis rasch spielfähig bekommen, jedoch auch das Wohl des Patienten im Auge behalten. Das führt oft zu Reibereien.

          In den Ohren der medizinischen Abteilung des FC Bayern müssen die Worte Pep Guardiolas vom April des Jahres wie eine Drohung geklungen haben. „Ich möchte, dass meine Spieler schnell wiederkommen. Wenn sie acht Wochen verletzt sind, am liebsten schon nach sieben Wochen. Bei vier Wochen Pause vielleicht drei. Das ist alles, was ich will“, sagte Guardiola in einem Fernsehinterview. Später hieß es aus München, der Trainer habe das weniger fordernd gemeint, als es klang. Wie auch immer - einen Kernkonflikt im Gefüge eines Profiklubs hatte Guardiola benannt. Der „Fall Ribéry“ führt seit Monaten vor Augen, wie schädlich es sein kann, mit verfrühten Prognosen Hoffnungen zu wecken, die dann Woche für Woche kassiert werden müssen. Wegen Schwierigkeiten mit dem Sprunggelenk fehlt der Franzose seit einem halben Jahr.

          Während Trainer und Sportchef darauf dringen, Profis nach Verletzungen und Krankheiten rasch wieder spielfähig zu bekommen, müssen Ärzte und Athletikabteilung das Wohl des Patienten im Auge behalten und bei aller Dringlichkeit bremsen. Oder nicht? Welche Rolle spielt der Profi selbst, welchen Anteil hat die Öffentlichkeit? Dieses Spannungsfeld wurde zuletzt bei der zweiten Athletik-Konferenz auf dem Gelände des Bonner Hochschulsports beleuchtet. „Athletik-Trainer: Fußabtreter oder Fitness-Guru?“, hatten die Veranstalter ihre Abschlussdiskussion genannt.

          Er ist ein Insider: HSV-Torwart René Adler

          René Adler hat diesbezüglich seine eigenen Erfahrungen gemacht. Als er vor der Weltmeisterschaft 2010 mit Rippenbruch ausfiel, war das eine Meldung nationalen Interesses. Adler berichtete in Bonn als Insider aus der Karriere eines Spielers, der sich schon oft wieder herankämpfen musste. Der 30 Jahre alte Torwart des HSV sagte: „Der Cheftrainer übt viel Druck aus, das ist klar. Er will, dass seine Spieler spielen. Es ist daher eine wichtige Aufgabe der Athletiktrainer, uns zu schützen und auch mal Position zu beziehen gegenüber dem Chef. Jeder will so schnell wie möglich wieder auf den Platz, aber manchmal muss der Athletikcoach als Schutzfunktion dagegenhalten.“

          Adler hob die psychologische Komponente hervor und erzählte, wie oft ihm die Athletiktrainer und Physiotherapeuten einfach nur zugehört hätten. Er warb dafür, die Stäbe bei den Vereinen zu erweitern, mehr Individualisierung und Professionalisierung zuzulassen. „Unsere Manpower beim HSV ist ausgelastet. In Leverkusen hatten wir in dem Bereich mehr Leute“, sagte der Torwart - und hatte die Lacher auf seiner Seite: „Aber beim HSV spielen wir ja auch nur einmal die Woche.“ Die Sache mit dem Druck sieht Andreas Beck von Borussia Dortmund anders. „Druck war schon immer da, aber am Ende sind nicht wir Athletiktrainer diejenigen, die entscheiden. In der Hierarchie stehen die Mannschaftsärzte vor uns“, sagte Beck, „und am Ende hält der Cheftrainer den Kopf hin.“

          Gewohnheitsrecht auf Seiten der Fans

          Beck arbeitet beim BVB als Athletiktrainer im Team des neuen Fitness- und Athletik-Chefs Rainer Schrey. Dass Jürgen Klopp oder nun Thomas Tuchel ihn schon einmal aufgefordert hätten, „schneller“ zu machen, verneint Beck. Wohl aber kennt er den öffentlichen Druck auf die medizinische Abteilung. Als in der Vorsaison das defensive Mittelfeld fast geschlossen ausgefallen war, seien die Gründe in der Öffentlichkeit heiß diskutiert worden. Aktuell fehlt in der Mitte des Tabellenführers „nur“ Nuri Sahin - und schon kämen sehr viel weniger Nachfragen. Aus Becks Sicht wäre es wünschenswert, die Vereine öffneten die Krankenakten der Spieler gar nicht erst für die Öffentlichkeit. Dem gegenüber steht beim BVB als Aktiengesellschaft das Interesse der Anteilseigner - und ein Gewohnheitsrecht auf Seiten der Fans, was ihr Liebling hat und wann er zurückkehrt. Womöglich.

          Seit der Neustrukturierung beim FC Bayern mit dem ehemaligen Leverkusener Holger Broich an der Spitze, arbeitet Thomas Wilhelmi unter Leiter Andreas Schlumberger in der Rehabilitation und Prävention. Er beschäftigt sich also sehr viel mit verletzten Spielern - auch mit Ribéry. Wilhelmi sagt: „Wir Athletiktrainer sind ähnlich wie Physiotherapeuten, Osteopathen, Masseure oder Ernährungsberater kleine, aber wichtige Bausteine des großen Ganzen. Nicht mehr und nicht weniger. Alle Verantwortlichen sollten intern jederzeit über den Stand einer Verletzung informiert sein.

          Nur so kann effektives Arbeiten möglich gemacht werden. Die Kommunikation mit dem Cheftrainer sollte offen und jederzeit möglich sein.“ Gerade hier dürfte es bei vielen Klubs Luft nach oben geben. Manchmal ist die Wahrheit nämlich einfach nur auf dem Platz. Das kann Dominik Suslik bezeugen, bei Hannover 96 verantwortlicher Athletiktrainer unterhalb der Profis: „Ich habe Trainer erlebt, denen es nur darauf ankam, genug Spieler beim Training zu haben. In welchem Zustand sie aufliefen, war egal.“

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