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Arbeitsprotokoll Adam Szalai : Vom Schlagzeuger zum Vortänzer

Neue Jubelchoreographie: Adam Szalai im Gangnam Style Bild: dpa

Einst besetzte Adam Szalai im Boygroup-Trio der Mainzer Überraschungssaison die Nebenrolle an den Drums. Spätestens mit seinen drei Toren gegen Hoffenheim ist der 24 Jahre alte Ungar zum Star seines Teams geworden. FAZ.NET hat 90 Minuten genau hingeschaut.

          Adam Szalais Arbeitstag beim 3:0-Sieg von Mainz 05 gegen die TSG Hoffenheim beginnt am Samstag wie üblich. Der erste Sprint gilt nicht dem Ziel, etwa einen Pass oder eine Flanke eines Mitspielers zu erreichen. Nein, erst einmal muss der Mittelstürmer seine Pflicht erledigen: Szalai läuft nach dem Anstoß der Reihe nach mehrere Hoffenheimer Defensivspieler im Höchsttempo an, um den Spielaufbau der Gäst zu stören.

          Das entspricht genau den Erwartungen seines Trainers Thomas Tuchel an seinen Stoßstürmer in vorderster Front. „Adam ist unser erster Abwehrspieler und ich messe seine Leistung vor allem auch daran, wie er diese Aufgabe erledigt“, sagt Tuchel üblicherweise.

          Erst die Pflicht, dann die Tore

          Auf diese Weise hat er in der Vergangenheit viel Druck genommen von den Schultern des 24 Jahre alten Ungarn. Denn Szalai gilt seit Jahren als wertvoller Spieler im Mainzer Ensemble, seine Torquote war aber eines Mittelstürmers lange nicht würdig. Gerade einmal acht Tore hatte er vor dieser Spielzeit in rund 50 Bundesligaeinsätzen zu Buche stehen. Mehr als ein Tor hat er noch nie in 90 Bundesligaminuten erzielt. In dieser Spielzeit ist er indes in acht Spielen bereits viermal erfolgreich gewesen. Gegen Hoffenheim könnte es nach nur 60 Sekunden beinahe mit dem nächsten Treffer klappen. Aber die Hereingabe von Nikita Rukavytsya ist zu schlecht, Szalai kann den Ball nicht erreichen.

          Also verlegt er sich erst einmal wieder auf seine Aufgaben im laufintensiven Mainzer Pressing und Gegenpressing. Aufopferungsvoll rackert er beispielsweise nach sieben Minuten an der Mittellinie gegen drei Gegenspieler. Der Einsatz bringt keinen direkten Ertrag, ist aber ein kleiner Punktgewinn im Abnutzungskampf gegen die Badener. „Ich habe viele andere, auch defensive Aufgaben in einem Spiel. Nur wenn ich die erledige, dann treffe ich auch vorne”, sagte der Ungar zudem vor wenigen Wochen im Interview mit der F.A.Z.

          Drei Tore: Szalai schließ zu Mandzukic auf

          Die These bewahrheitet sich in der 21. Minute. Im Mittelfeld dient er zunächst als Prellbock, de rein Anspiel aus der Abwehrreihe so verarbeitet, dass sich das Mainzer Spiel aus der eigenen Hälfte tief in die gegnerische verlagern kann. Vier Stationen später kommt Szalai zur Belohnung nach einer Flanke von Junior Diaz aus sechs Metern frei zum Kopfball und läst Tim Wiese im gegnerischen Tor keine Chance.

          Bei Anstoß Tor

          Fünf Minuten später leistet sich Szalai die einzige Fahrlässigkeit in seinem Auftritt. Aus 20 Metern schießt er zu torhungrig und ungeduldig einen Hoffenheimer an, statt den besser postierten Mitspieler zu suchen. Das Negativerlebnis scheint Szalai schnell zur Vernunft zu bringen. In Minute 32 arbeitet er sich deshalb mal wieder an einer gegnerischen Überzahl in Person von Andreas Beck und Firmino ab, um einen Einwurf für sein Team zu erkämpfen. Diese Ausflüge in die eigene Hälfte unternimmt Szalai ganz im Stile seines großen Landsmanns Nandor Hidegkuti. So wie der Mitspieler von Ferenc Puskas in der ungarischen Endspielelf von 1954 für Sandor Kocsis mit dem freiwilligen Rückzug Räume in der Spitze schaffen sollte, so machte Szalai am Samstag immer wieder den Weg frei für seine wieselflinken Nebenleute Nikita Rukavytsya und Nicolai Müller, indem er mindestens einen Hoffenheimer Innenverteidiger aus dem Abwehrzentrum herauslockte. Ein Torerfolg dank dieses Schachzugs blieb den Mainzern verwehrt, dafür hatten sie aber ja ihren Vollstrecker Szalai.

          Zur zweiten Halbzeit tritt er direkt mit dem Anstoß in Aktion, nur 20 Sekunden später darf er dann schon jubeln. Dieses Mal hat er sich nach dem Anspiel in klassischer Weise in Tornähe geschlichen, wo er auf ein feines Zuspiel von Elkin Soto lauert und kaltschnäuzig zum 2:0 vollstreckt.

          Jubel im Gangnam Style

          Wer so trifft, der darf auch exzentrisch jubeln. Nachdem es im Jahr 2010 eine Zeit gab, in der Szalai der Schlagzeuger der damals wegen einer Sensations-Hinserie mit Rang zwei zur Winterpause berühmt-berüchtigten „Bruchweg Boys“ die Nebenrolle im Trio mit den mittlerweile aus Mainz in die große Fußballwelt abgewanderten Offensivkollegen André Schürrle (Luftgitarre, Leverkusen) und Lewis Holtby (Playback-Gesang, Schalke) besetzte, wird er nun zum Vortänzer. Der Ungar imitiert den Gangnam Style, einen schrillen Tanz des auf der Video-Internetplattform Youtube zum Superstar avancierten südkoreanischen Rappers Psy.

          Den Tanz darf er nach seinem dritten Tor in der 64. Minute noch einmal aufführen. Nach einem Eckball von Nicolai Müller köpft Szalai unbedrängt aus vier Metern ein. Mit sieben Saisontoren hat der 24 Jahre alte ungarische Nationalspieler nun nicht nur seine persönliche Trefferzahl im vierten Jahr seiner Bundesligakarriere verdoppelt und sein Team auf Rang fünf der Bundesligatabelle geschossen. Zugleich zieht er in der Torschützenliste mit dem führenden Bayern-Stürmer Mario Mandzukic gleich. „Alle drei Tore konnte ich mit einem Kontakt erzielen. Das war heute alles nicht schwer nach den Zuspielen meiner Mitspieler“, sagt er nach dem Spiel freilich erstaunlich bescheiden. Lediglich der Spielball in seinen Händen als Souvenir weist auf ein besonderes Erlebnis hin.

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