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Neuer VfL-Trainer Jonker : Rückkehr mit breiter Brust

  • -Aktualisiert am

Andries Jonker bei seiner Vorstellung in Wolfsburg: „Ich habe schon sehr viel im Fußball gemacht.“ Bild: EPA

Andries Jonker soll den VfL Wolfsburg aus der Krise führen. An Selbstbewusstsein fehlt es dem Nachfolger von Valérien Ismaël nicht – aber womöglich an Erfahrung als Chef?

          Die Hektik war ihm noch deutlich anzusehen. „Ich hatte nur eine Stunde“, sagte Andries Jonker. Er meinte jenen Zeitraum am Sonntagabend, in dem eine schnelle Entscheidung über seine weitere Karriere gefragt war. Leiter der Nachwuchsakademie von Arsenal London bleiben oder Cheftrainer des VfL Wolfsburg werden? Sein Votum für die Niedersachsen führt ihn mitten in den Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga. Jonker tritt in Wolfsburg die Nachfolge des am Sonntag entlassenen Valérien Ismaël an. Der neue Cheftrainer und der abstiegsbedrohte Verein binden sich bis 2018 aneinander. Beide erkennen in der neuen Zusammenarbeit eine Chance. Aber sie wirft auch Fragen auf. Denn Jonker ist in der Szene vor allem als kluger Assistent, aber noch nicht als Cheftrainer bekannt.

          Natürlich war von einer Wunschlösung die Rede. „Diese Lösung war in meinem Kopf“, sagte Olaf Rebbe, als er den Wolfsburger Wechsel auf der Position des Cheftrainers freudig erklären durfte. Als Sportdirektor des VfL wird von ihm vor allem erwartet, dass er sein dichtes Netzwerk nutzt, um an neue Ideen und frisches Personal zu kommen. Mit Jonker greift Rebbe auf jemanden zurück, der in Wolfsburg einen Hauch von Heimvorteil besitzt. Der Niederländer war schon als Assistent von Felix Magath (2012 bis 2014) bei den Niedersachsen. 2011 hat die Bundesliga über ihn gestaunt, als Jonker beim FC Bayern München vom Zuarbeiter für Louis van Gaal zum Interimstrainer befördert worden ist. Unter zwei solch erfahrenen und geradlinigen Männern des bezahlten Fußballs gearbeitet zu haben, gilt als harte sowie gute Schule. „Ich habe schon sehr viel im Fußball gemacht. Immer mit Spaß und Freude“, behauptete Jonker an seinem ersten Arbeitstag in Wolfsburg.

          Die Idee, einen Mann mit Stärken in der konzeptionellen Arbeit und in der spieltaktischen Analyse zu holen, klingt vorteilhaft für den VfL Wolfsburg. Der vom Volkswagen-Konzern bisher großzügig unterstützte Verein wird in Kürze zum Umdenken gezwungen. Ein Sparkurs soll dafür sorgen, dass mehr wirtschaftliche Vernunft einkehrt und der eigene Nachwuchs verstärkt eine Chance im Profikader bekommt. „Ich öffne die Tür für die Jungs“, sagte Jonker. In London hat er seiner Ansicht nach bei einem der größten Vereine der Welt dafür gesorgt, dass guter Nachwuchs noch besser gemacht wird. Für den niederländischen Fußball-Verband hat er schon Konzepte erarbeitet und umgesetzt, um die Jugendarbeit von Profiklubs zu verbessern.

          Ein Freund von Arsène Wenger

          Mit solchen Ansätzen dürfte Jonker in Wolfsburg in der Tat offene Türen einrennen. Aber zunächst wird von ihm erwartet, dass er die sportliche Not lindert und den Abstieg verhindert. Vielleicht hat Sportdirektor Rebbe auch deshalb nur von einer kurz- bis mittelfristigen Verstärkung durch Jonker gesprochen. Bevor sie in Wolfsburg wieder langfristig denken, soll zunächst herausgefunden werden, wie man das bevorstehende Bundesliga-Gastspiel beim FSV Mainz 05 erfolgreich bestreiten kann.

          Die Wirkung von Jonker auf die aktuelle Wolfsburger Mannschaft als Autoritätsperson wird entscheidend sein. Sein Vorgänger Ismaël hatte sich sehr engagiert darum bemüht, mit neuen Spielsystemen und stark veränderten Aufstellungen zu mehr Erfolg zu kommen. Der Deutsch-Franzose stand bei den VfL-Profis hoch im Kurs, hatte aber nicht den nötigen Erfolg, um sich länger als vier Monate im Amt zu halten. Jonker besitzt mehr Erfahrung im Profigeschäft als Ismaël. Er hat mit van Gaal schon beim FC Barcelona (2002 bis 2003) und beim FC Bayern gearbeitet. Sein wichtigster Ansprechpartner in den vergangenen Wochen bei Arsenal London war kein Geringerer als Arsène Wenger. „Es gab bei Arsenal nur zwei Bosse, die im sportlichen Bereich das Sagen hatten: Arsène Wenger und Andries Jonker“, sagte Jonker. Der Satz steckt voller Selbstvertrauen in eigener Sache und voller Demut vor der bisherigen Aufgabe in London.

          Das Tauziehen um Jonker mag von Hektik geprägt gewesen sein. Aber es zeigt auch, dass hier zwei Vereine in der Lage waren, fair miteinander umzugehen. Im Sommer 2014 hatte Jonker, als er in Wolfsburg noch Dieter Hecking zuarbeiten durfte, ein Angebot vom FC Arsenal bekommen und vom VfL die Freigabe erhalten. Dieses Mal hat das auf Bitten von Rebbe andersherum funktioniert. „Manchmal zählen im Fußball Worte doch noch etwas“, sagte der Wolfsburger Sportdirektor. Freigabe innerhalb kürzester Zeit erteilt, die Rückkehr in die Bundesliga ermöglicht: Ob die Nachfolgelösung für Ismaël wirklich zum Geniestreich taugt, wird Jonker in der täglichen Arbeit erst einmal beweisen müssen. Mit breiter Brust hat er angekündigt, dass bei ihm auch die etablierten Spieler wie Nationalstürmer Mario Gomez keine Sonderrechte erwarten dürfen. Ismaël hatte Gomez zuletzt auf die Ersatzbank beordert.

          Jonker will mit seiner neuen Mannschaft klare Worte sprechen und herausfinden, wo es hakt. Die Qualität des Spielerkaders gefällt ihm. An der Fitness sei aus seiner Sicht auch nichts zu bemängeln. „Ich habe mich aus der Ferne auch gefragt: Was ist da los?“, sagte Jonker, bevor er zu seiner ersten Trainingseinheit auf dem Sportgelände am Ufer des Mittellandkanals aufbrach.

          Andries Jonker saß schon früher beim VfL Wolfsburg auf der Bank.

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