https://www.faz.net/-gtm-15a4r

Alexander Baumjohann : Das schlampige Genie ist wie beflügelt

  • -Aktualisiert am

Kunst und Kampf im Einklang: auch dank Baumjohanns Steigerung darf Gladbach wieder auf den Bundesliga-Verbleib hoffen Bild: dpa

Alexander Baumjohann will nicht als Absteiger von Gladbach nach München wechseln: seit Rückrundenstart geht es für den Mittelfeldspieler nach oben - in der Tabelle und persönlich. Zum ersten Mal zeigt Baumjohann sein früh angedeutetes Potential regelmäßig in der Bundesliga.

          2 Min.

          Lothar Matthäus hat es getan, Stefan Effenberg hat es sogar zweimal getan, und Alexander Baumjohann wird es in diesem Sommer tun. Wie seine berühmten Vorgänger wagt auch er den Wechsel von Mönchengladbach nach München. Doch während Matthäus und Effenberg als gestandene Profis zu den Bayern gingen, liegen die Dinge einige Spielergenerationen später ganz anders. Baumjohann reichten ein paar Bundesligaspiele, um das Interesse des Branchenführers zu wecken, bei dem er vom kommenden Sommer an für drei Jahre unter Vertrag steht.

          Zu Beginn dieser Saison war Baumjohann noch ein Ergänzungsspieler gewesen, dem Fachleute nicht einmal zutrauten, sich in Mönchengladbach durchzusetzen. „Es reicht nicht, ein guter Fußballer zu sein“, sagte der frühere Borussen-Trainer Jos Luhukay, der ihn in der vergangenen Zweitligasaison erst am letzen Spieltag einsetzte - als Einwechselspieler. Der niederländische Fußball-Lehrer ist längst entlassen.

          Für Bayern ist es Transfer auf Verdacht

          Baumjohann, das vermeintlich schlampige Genie, aber schickt sich an, Kunst und Kampf so in Einklang zu bringen, dass Gladbach wieder auf den Bundesliga-Verbleib hoffen darf, trotz des 0:1 am Freitagabend gegen den VfL Bochum (siehe: 1:0 in Mönchengladbach: Bochum genügt wenig für viel). Mitten im Abstiegskampf stieg der 22 Jahre alte Mittelfeldstratege, nicht bloß räumlich, zu einer zentralen Figur des Gladbacher Spiels auf. Mit dem weiter außen postierten Borussen-Liebling Marko Marin pflegt er am Ball eine kongeniale Partnerschaft, die den Rheinländern an guten Tagen eine Spielkultur ermöglicht, die über das hinausgeht, was Mannschaften dieser Couleur in der Regel zu bieten haben.

          Kongenialer Partner weiter außen: an guten Tagen zeigen Baumjohann und Marko Marin Spielkultur, die für Abstiegskandidaten nicht üblich ist

          Für die Münchner ist es einer dieser Transfers auf Verdacht. Neben lauter Stars nehmen sie gelegentlich auch ein Sternchen in ihr kickendes Portfolio auf, in der Hoffnung, auf diese Art günstig einen Klassekicker von morgen zu erwerben. „Alex hat das Talent, uns richtig zu verstärken“, behauptet der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge.

          Bei Schalke stagnierte Baumjohanns Entwicklung

          Ähnliches hatten sie vor ein paar Jahren in Schalke auch gedacht. Der damalige Manager Rudi Assauer sah in Baumjohann sogar schon „den nächsten Ballack“. Doch die Entwicklung des Heranwachsenden stagnierte für lange Zeit; er absolvierte für die Westfalen nur 28 Bundesliga-Minuten - trotz der Anlagen, die erst Jahre später vor großem Publikum sichtbar wurden: Spielverständnis, Schusskraft und Ballgefühl. Wenn das Spiel stockt, legt der Regisseur mit der Attitüde einer klassischen Nummer 10 als Lösung auch mal ein Siebzigmetersolo vor, das er mit einem fulminanten Treffer abschließt wie beim Heimsieg gegen Bremen.

          Und wenn es nicht reicht für die Bayern? Dann eben nicht. „Wo ist das Risiko für uns?“, fragt Manager Uli Hoeneß. Es ist so wenig vorhanden wie bei anderen Profis aus der Provinz, die mit hochfliegenden Träumen zum FC Bayern kamen und nach kurzer Zeit desillusioniert wieder gingen - wie einst Michael Sternkopf, Vahid Hashemian oder zuletzt Jan Schlaudraff. Baumjohann will seinen bayerischen Traum dennoch verwirklichen. Er gehe nach München, „um es nicht irgendwann bereuen zu müssen“, so eine Chance verpasst zu haben, sagt er.

          Spielerische Blüte statt innerer Emigration

          Als Baumjohanns Wechselabsicht in der Winterpause bekannt wurde, reagierten viele Gladbacher Fans so, wie sie auch bei Matthäus und Effenberg reagiert hatten: mit Groll. Im Vorgriff auf die Trennung pfiffen sie ihn aus und beschimpften ihn als „Bayern-Schwein“. Doch statt in die innere Emigration zu gehen, zeigt sich Baumjohann seitdem wie beflügelt.

          Zu Beginn der Rückrunde ist es ihm gelungen, seine Vorfreude in Spielfreude umzuwandeln; die Pfiffe sind längst verstummt. Auf der Zielgeraden beeindruckt Baumjohann mit einer Tatkraft, die lange verkümmert oder verschüttet war. Er will alles dafür tun, dass die Gladbacher ihn in guter, ja in bester Erinnerung behalten. „Ich verspreche, dass ich nicht als Absteiger gehe.“

          Weitere Themen

          Salutieren in der Kreisliga

          Politisch motivierter Torjubel : Salutieren in der Kreisliga

          Die Fußball-Landesverbände drohen angesichts der „politischen Botschaft“ des Salut-Jubels mit Geldbußen, Punktabzügen, Sperren. Auch in der Bundesliga haben die Vereine ihre Spieler „sensibilisiert“.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Donnerstag in Brüssel.

          Brexit-Streit : Noch viel Überzeugungsarbeit für Boris Johnson

          Mit den EU-Partnern hat sich Großbritanniens Regierungschef auf eine neuen Entwurf des Brexit-Vertrags geeinigt. Doch im britischen Unterhaus muss Boris Johnson weiter um jede Stimme dafür kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.