https://www.faz.net/-gtm-6z06d

Aggressionsforscher Jens Weidner : „Bei Bayern gilt das Schrotgewehrprinzip“

  • Aktualisiert am

„Wenn wir in Dortmund gewinnen, werden wir Meister“: Uli Hoeneß Bild: Thilo Rothacker

Es ist Zeit für Fußball-Ballyhoo vor dem Spitzenspiel der Bundesliga an diesem Mittwoch (20.00 Uhr). Im F.A.Z.-Interview spricht Aggressionsforscher Jens Weidner über Münchner Attacken und Dortmunder Abwehrstrategien.

          4 Min.

          Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie und schrieb zuletzt das Buch „Die Peperoni-Strategie“. Vor dem Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Borussen und den Bayern an diesem Mittwoch (20.00 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) spricht er über Münchner Attacken und Dortmunder Abwehrstrategien.

          Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat kurz vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund wieder begonnen zu sticheln und behauptet: „Wenn wir in Dortmund gewinnen, werden wir Meister.“ Ist sein Verhalten nur unterhaltsam oder ein wirksamer, aggressiver Zermürbungskampf?

          Man spricht in so einem Falle von konstruktiver Aggressivität, und die ist wirksam. Man nimmt dabei einen unangenehmen Zustand seines Mitbewerbers, in diesem Falle Borussia Dortmund, billigend in Kauf und spielt mit subtilen Aggressionsformen und Drohszenarien, die den anderen irritieren und verunsichern sollen. Solche Machtspiele strategisch einzusetzen und den Konkurrenten unter Druck zu setzen, das kann man lernen. Aber Hoeneß hat etwas, was man nicht lernen kann - das Gespür für den richtigen Zeitpunkt.

          „Hoeneß hat das Gespür, den Mund zu halten, solange nichts machbar ist“

          Woran zeigt sich dieses Talent?

          Hoeneß hat das Gespür, den Mund zu halten, solange nichts machbar ist. Ich kann mir vorstellen, dass ihm schon seit Januar das Fell gejuckt hatte, etwas zu sagen. Aber er verhält sich erst dann aggressiv, wenn die Mannschaft des FC Bayern Leistung gebracht hat. Dass er sich zurücknehmen kann, bis die Leistung der Mannschaft stimmt, ist der Unterschied zwischen einfach aggressiv Agierenden und denjenigen wie Hoeneß, die selbst darüber bestimmen, wann sie platzen. In dem Moment, wenn die Haut des Gegenübers dünner wird, und das ist bei Dortmund der Fall, da kommt Hoeneß und piekst elegant hinein, so dass beim Gegner die Luft rausgehen kann. Diesen Moment des Zuschlagens zu erkennen, darin ist er eine Klasse für sich. Und die Tatsache, dass er eine Fleischfabrik besitzt, macht seine Attacken einen Tick makabrer. Wenn er eine Friseursalonkette hätte, wäre das in einer Machoszene des Fußballs nicht so der Renner.

          Es bringt also nichts, ständig zu sticheln, sondern die Kunst besteht darin, im rechten Augenblick aggressiv zu werden?

          Wenn jemand immer wieder stichelt, gilt er bald als cholerischer Typus und muss sich oft im Nachhinein entschuldigen. Dann heißt es: Der Mann hat sich nicht im Griff. Wenn Hoeneß durchdreht, weiß man, dass es sich um eine Inszenierung handelt. Ich würde einen Hunderter darauf setzen, dass er solche Auftritte auch früher geübt hat. Seine Art von Grenzüberschreitung schüchtert ein. Auf jeden Fall müssen sich die Dortmunder dazu positionieren, ob sie wollen oder nicht.

          Er kann auch ganz anders: Hoeneß mit Franck Ribery (links)

          Nach den ersten Attacken hat BVB-Geschäftsführer Watzke gesagt: „Dieser ganze Psychoquatsch ist Kindergarten und bringt nichts.“ Kann das sein?

          Das muss Watzke ja behaupten. Entweder man hält dagegen, oder man verweist sein Gegenüber in den Bereich der Infantilität. Allerdings assoziiert niemand in Deutschland Hoeneß mit Kindergartenquatsch, denn sein Vorgehen war zu häufig zu erfolgreich. In seiner Strategie, die er ja kultiviert und die sein Markenzeichen geworden ist, kann er nie zu weit gehen. Selbst wenn er an einem Freitag zu weit geht, dann lässt er seine Worte übers Wochenende erblühen, entschuldigt sich dann am Montag und macht am Dienstag eine Pressekonferenz zu sozialer Förderung. Im gröbsten Fall hilft er dann einem Underdog wie dem FC St. Pauli.

          Was wäre gute Dortmunder Strategie? Mit gleicher Münze zurückzahlen und aggressiv reagieren?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Präsidentenwahl in Polen : Kann Duda das Land vereinen?

          Amtsinhaber Andrzej Duda hat in der Präsidentenwahl in Polen knapp gesiegt. Nun gibt er sich versöhnlich. Das Ergebnis zeigt zwei große politische Lager. Die Opposition hat eine Führungsfigur gewonnen.

          Weingläser im Vergleich : Tief ins Glas geschaut

          Einen schlechten Wein kann kein Glas der Welt retten. Aber einem gelungenen Wein kann das Glas den letzten Schliff geben. Denn die Form beeinflusst den Geschmack.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.